Stand: 02.10.2017 11:52 Uhr

Die Haltung des Leugnens

Die kleinen roten Stühle
von Edna O'Brien
Vorgestellt von Martin Zähringer

Edna O'Brien ist eine 87-jährige irische Schriftstellerin im vollen Besitz ihrer literarischen Kraft. Ihr Alter ist offensichtlich von Vorteil, um diesen Stoff sowohl menschlich als auch literarisch zu bewältigen: die Geschichte des serbisch-kroatischen Massenmörders Radovan Karadžić und seiner Unfähigkeit, die eigene Schuld zu begreifen.

Bild vergrößern
Die irische Schriftstellerin Edna O’Brien arbeitete kurz als Apothekerin, bevor sie sich für die Schriftstellerei entschied.

Edna O'Brien hat sich jahrelang mit diesem Kriegsverbrecher beschäftigt und war auch bei der Verhandlung am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wo Karadžić sich bis zum Schluss als Unschuldiger gab. 2017 wurde er zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Die Handlung dieses Romans ist schnell erzählt: Ein gewisser Dr. Vlad aus einem unbekannten osteuropäischen Land sucht in einem irischen Dorf Zuflucht. Dort verliebt sich die kinderlose Ehefrau Fridelma in ihn und eine fatale Liaison nimmt ihren Lauf. Fridelma wird schwanger und der als Heiler und Poet auftretende Doktor wird eines Tages plötzlich verhaftet. Dieser doch so sanfte Mann wird als Kriegsverbrecher gesucht. Jetzt treten aber dunkle Gestalten auf, die Dr. Vlad ganz knapp auf den Fersen waren, und die schwangere Fridelma kommt ihnen gerade recht.

Die nun geschilderten Grausamkeiten sind fiktiv, aber sie sind keineswegs nur Schockeffekte einer Romanerzählung. Denn die literarisch in Irland inszenierte Sphäre der Gewalt führt nach und nach zu ihrem Sitz im wirklichen Leben: Das ist die Stadt Sarajewo, die im Bosnienkrieg vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 von bosnischen Serben und Paramilitärs belagert und bombardiert wurde.

Taktik des Lügens und Abstreitens

Eine literarische Hinführung zu dieser Ebene der Wirklichkeit ist ein Brief von einem gewissen K., der aus Sarajewo an Dr. Vlad in seinem irischen Dorf schreibt:

"Mittlerweile hat es eine Feier zum Gedenken gegeben, rote Stühle in unserer geliebten Stadt, deinem Juwel, wie du sie genannt hat. Ja, elftausendfünfhunderteinundvierzig rote Stühle zur Erinnerung an die Gefallenen. Angeblich sind den Touristen erst in dem Moment die Tränen gekommen, als sie auf die sechshundertdreiundvierzig roten Stühlchen für die toten Kinder stießen. Ja, die Lebenden, die verstümmelten, die Gezeichneten, mit ihrer wahnwitzigen Verantwortung, sich an alles zu erinnern, alles." Leseprobe

Und weiter führt der Brief des Herrn K. aus, wie Dr. Vlad damals der Außenwelt weismachen wollte, dass all die Leichen auf dem Marktplatz von Sarajewo in Wirklichkeit Schaufensterpuppen und Leichname aus vergangenen Kriegen seien, die von den Feinden der Serben heimlich dort platziert wurden. Es handelt sich hierbei um echte Manöver des Serbenführers Radovan Karadžić, eine Taktik des Lügens und Abstreitens noch während der mörderischen Vorgänge, und es ist diese Haltung des Leugnens, die Edna O'Brien zu ihrem Roman motiviert hat.

Sie war zur Recherche sogar in Den Haag beim Internationalen Gerichtshof: "Mein Eindruck am Gerichtshof in Den Haag war der: Die ganze Sprache dort ist leblos, sie kommt niemals an den Kern des Menschlichen heran. Mein Eindruck war, dass dieser Mann immer lügen würde", sagt sie: "Es ist nicht so, dass es reine Lüge wäre, aber diese Scharade des Gerichtshofes - eine Person bezeugt etwas, die Verteidiger fragen, der ganze Übersetzungsapparat dazu -, das macht es alles sehr abstrakt im Vergleich zu der menschlichen Agonie, zu den unmenschlichen Grausamkeiten, die da passiert sind. Man fühlt das Blut nicht dabei, nur die Fakten, um die es gerade im Moment geht."

Der Leser wird nicht geschont

Bei Edna O'Brien, das ist keine Frage, spürt man das Blut. Sie schont die Leser nicht. Aber der Roman dringt in all seinem Horror und Schrecken zu den großen Fragen des Menschseins vor, eines Menschseins auf Abwegen. In der Literatur ist der Typus des Fremden wohlbekannt, der in eine Stadt kommt und die Leute verführt, der Magier, der Scharlatan, Rasputin. Aber selten gab es eine Frauenfigur, die so sehr Opfer wird wie Fridelma. Sie ist es mit Blick auf die Glaubwürdigkeit der Ereignisse vielleicht etwas zu sehr, aber der literarische Effekt ist wirkungsvoll. Fridelma überwindet ihr Trauma, als sie in London in einer ganzen Gesellschaft von Geflüchteten das Leid, aber auch die Kraft der anderen erkennt.

"Ja es gibt eine Art Katharsis, ein Happy End gibt es nicht", erklärt Edna O'Brien. "Es ist diese Art von Katharsis, bei der sie von ihrem eigenen Trauma und Irrsinn in eine Welt hinüberwechseln muss, in der die Leute ebenfalls die übelsten Dinge erlebt haben. Sie muss von ihrem Ich in die Außenwelt gelangen."

Von Dr. Vlad respektive Radovan Karadžić kann man das nicht sagen. Mit ihrer literarischen Exkursion hat Edna O’Brien versucht, das beharrliche Leugnen eines fanatischen Nationalisten zu verstehen. Aber die Wirklichkeit belehrte sie eines Schlimmeren: Ein solcher Mann lügt bis zum Schluss und zeigt keine moralische Einsicht in seine Schuld.

Die kleinen roten Stühle

von
Seitenzahl:
344 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Steidl Verlag
Bestellnummer:
978-3-95829-369-4
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.10.2017 | 12:40 Uhr

04:43

Mat Hennek: "Woodlands"

01.10.2017 17:40 Uhr
NDR Kultur
04:21

Lenka Hornakova-Civade: "Das weiße Feld"

29.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:32

Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"

28.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
05:07

Sven Regener: "Wiener Straße"

27.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:33

Jane Gardam: "Die Leute von Privilege Hill"

26.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:11

Christopher Ecker: "Andere Häfen"

25.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

49:29

Folge 2828: Stich ins Herz

13.12.2017 08:10 Uhr
NDR Fernsehen
47:55

2563: Der Weg ins Glück

13.12.2017 07:20 Uhr
NDR Fernsehen