Stand: 20.05.2011 20:15 Uhr

Auf den Spuren von Wolfgang Borchert

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
Bild vergrößern
Ein Bild von Wolfgang Borchert an den Hamburger Kammerspielen erinnert an die Uraufführung seines Stückes "Draußen vor der Tür", links Intendantin Ida Ehre.

An den Hamburger Kammerspielen hängt seit Jahren ein überlebensgroßes Bild von Wolfgang Borchert. Das Foto aus dem Jahr 1946 zeigt den Dichter mit längeren Haaren und wachem Blick. Es erinnert an die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" auf der Bühne des Theaters am 21. November 1947. Das Stück sollte Borchert weltberühmt machen. Es ist das Drama über einen Kriegsheimkehrer namens Beckmann, der sich im zerstörten Hamburg nicht zurechtfindet. Wolfgang Borchert erlebte die erste Bühnenversion seines Stückes nicht mehr, er starb nach schwerer Krankheit am Tag zuvor in Basel - im Alter von 26 Jahren.

"Das Publikum war minutenlang totenstill"

Bild vergrößern
Hans Quest spielte in der Uraufführung die Rolle des Beckmann. Das Stück sei sein Schicksal gewesen, sagte Quest.

Für die Zuschauer in den Hamburger Kammerspielen war die Uraufführung ein bewegender Abend. Erst trat Intendantin Ida Ehre auf die Bühne und unterrichtete die Theaterbesucher von Borcherts Tod. Sie erinnerte sich später so: "Das Publikum ist aufgestanden. Wir haben einige Minuten stillschweigend verbracht, bevor die Aufführung begann." Und die Reaktion auf die Inszenierung? "Bei der Uraufführung saß das Publikum, nachdem der Vorhang gefallen war, minutenlang totenstill im Saal", erzählte Hauptdarsteller Hans Quest 1985 in einem Interview mit dem NDR. "Erst dann setzte der Applaus ein, der nicht aufhören wollte."

Auch Siegfried Lenz verehrt ihn

Bild vergrößern
Freitag, 19 Uhr: Mit diesem Plakat warben die Hamburger Kammerspiele für die Uraufführung von "Draußen vor der Tür".

Seitdem ist das Stück in mehr als 180 Inszenierungen allein auf deutschen Bühnen gespielt worden, zuletzt feierte "Draußen vor der Tür" Anfang April 2011 am Hamburger Thalia Theater in der Inszenierung von Luk Perceval Premiere. Aber auch Borcherts Kurzgeschichten wie "Die Hundeblume" oder "Die Küchenuhr" und seine Gedichte sind nach wie vor beliebt. "Borchert ist derjenige Hamburger Nachkriegsautor, der heutzutage noch am meisten gelesen wird", erzählt Hans-Gerd Winter. Der 71-Jährige muss es wissen. Er ist Vorsitzender der Internationalen Wolfgang-Borchert-Gesellschaft, eine Art Fanclub von Borchert mit 300 Mitgliedern aus aller Welt - unter ihnen Hamburgs langjähriger Erster Bürgermeister Henning Voscherau und Schriftsteller Siegfried Lenz.

"Für viele deutsche Schriftsteller war Borchert Vorbild", erzählt Winter. "Siegfried Lenz hat erzählt, seine eigenen Kurzgeschichten seien ohne Wolfgang Borchert undenkbar gewesen, sie hätten ihn sehr geprägt." Nach Ansicht von Lenz ist Borchert der erste gewesen, der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Sprache wiederfand. Als Lenz zum ersten Mal das Hörspiel von "Draußen vor der Tür" hörte, sei er völlig erschlagen gewesen, berichtet Winter.

Ungeheures Echo nach Hörspiel

So wie Lenz erging es damals vielen Deutschen. Neun Monate bevor "Draußen vor der Tür" als Theaterstück uraufgeführt wurde, lief das Stück bereits als Hörspiel im Programm des NWDR, dem Vorgänger des NDR. Die Ausstrahlung am 13. Februar 1947 hatte eine ungeheure Wirkung auf die Hörer. Im Wolfgang-Borchert-Archiv der Universität Hamburg lagern bis heute Hunderte Briefe, die Hörer an die Rundfunkanstalt schickten. Einige Hörer waren begeistert, andere schlichtweg entsetzt.

Bild vergrößern
Szene von den Aufnahmen in Hamburg für die erste Hörspielfassung von "Draußen vor der Tür". Hans Quest (2. v. r.) spricht die Figur Beckmann.

"Alle Welt empfand damals, hier ist der junge Mann, der ausspricht, was uns alle beschäftigt", erzählte später der Journalist Axel Eggebrecht, der Wolfgang Borchert persönlich kannte. "Die Wirkung war so groß, weil Borchert als Zeuge der schrecklichen Geschehnisse im Krieg sprach - ohne Mätzchen. Das wirkte so kurz nach dem Krieg unglaublich auf die Menschen", schilderte Eggebrecht.

Ans Krankenbett gefesselt

Borchert hatte "Draußen vor der Tür" im Herbst 1946 auf dem Krankenbett geschrieben - in der Wohnung der Familie Borchert in der Carl-Cohn-Straße in Hamburg-Alsterdorf. "Borchert selbst hat erzählt, er habe das Stück innerhalb einer Woche geschrieben", weiß Winter von der Wolfgang-Borchert-Gesellschaft.

Hitler-Parodie mit 18 Jahren

Das Schreiben war für Borchert eine Notlösung, weil er wegen einer schweren Gelbsucht seinem Traumberuf nicht mehr nachgehen konnte. "Eigentlich wollte Borchert Schauspieler sein", erzählt Winter. Borchert selbst sprach von einem "Theaterfimmel".

Kurzinhalt von "Draußen vor der Tür"

Das Stück schildert den Tag, an dem der Soldat Beckmann nach Hamburg zurückkehrt. Er hat in Stalingrad gekämpft und war in Kriegsgefangenschaft. Er ist vom Krieg gezeichnet, ein Knie ist kaputt. Seine Frau hat inzwischen einen anderen. Beckmann will sich in der Elbe ertränken, die ihn aber in Blankenese wieder ausspuckt. Er erfährt, dass seine Eltern Selbstmord begangen haben. In der Gesellschaft ist kein Platz für ihn. Viele Fragen quälen ihn. Das Stück endet mit der Anklage: "Gibt denn keiner, keiner Antwort?"

Bevor er 1941 als Soldat eingezogen wurde, hatte er sich für einige Monate einer fahrenden Schauspieler-Gruppe der Landesbühne Osthannover angeschlossen. Wolfgang Borcherts Leidenschaft für die Bühne zeigte sich schon früh. Als 18-Jähriger schrieb er 1939 zusammen mit einem Freund das Theaterstück "Käse". "Es war eine Hitler-Parodie", erklärt Borchert-Experte Winter. Erzählt wird die Geschichte eine Käsehändlers, der die Welt erobert. Borchert schickte den Text an Theater-Ikone Gustaf Gründgens. "An eine Aufführung war in der damaligen Zeit aber nicht zu denken", meint Winter. "Gott sei Dank, ist der Text nicht der Gestapo in die Hände gefallen." Borchert sollte später noch genug Probleme mit dem Nazi-Regime bekommen.

Auf den Spuren von Wolfgang Borchert

Ihm drohte die Todesstrafe

Bild vergrößern
Dieses Bild ist die letzte Aufnahme von Borchert, bevor er 1941 als Soldat eingezogen wurde.

Borchert war durch und durch Hamburger. Dort geht er zur Schule. 1939 beginnt er eine Lehre in der Hamburger Buchhandlung Boysen, bricht diese aber Ende 1940 ab. 1941 wird er als 20-Jähriger an die russische Front geschickt. Durch eine Schussverletzung im Februar 1942 verliert er einen Finger. Ihm wird daraufhin der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Er habe sich die Verletzung selbst zugefügt. Es folgen zwei weitere Prozesse wegen abfälliger Bemerkungen über das NS-Regime. Borchert entgeht der Todesstrafe, muss aber während der Verfahren viele Monate in Haft verbringen. Im Frühjahr 1945 wird der Soldat Borchert von französischen Truppen bei Frankfurt gefangengenommen, ihm gelingt die Flucht. Zu Fuß schlägt er sich rund 600 Kilometer bis nach Hamburg durch. Dort kommt er am 10. Mai 1945 an, zwei Tage nach Kriegsende.

"So gelb wie kein Chinese"

Von seinen Leiden aus den Kriegsjahren sollte sich Borchert nie erholen. Mehrmonatige Krankenhaus-Aufenthalte in Hamburg brachten keine Besserung.

Über das Leben Wolfgang Borcherts

Wolfgang Borchert. Ich glaube an mein Glück. Eine Biographie
von Gordon Burgess
299 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3746623856

Lange Zeit empfing er seine Besucher deshalb vom Krankenbett aus - schwer gezeichnet von der Gelbsucht: "Er war quittegelb im Gesicht", berichtete Zeitgenosse Eggebrecht später. "Borchert war ein schöner junger Mensch, aber so gelb, wie kein Chinese ist." Und dennoch schuf Borchert in dieser Zeit seine bedeutendsten Werke. Zwei Monate vor seinem Tod reiste Borchert in ein Sanatorium in der Schweiz. Aber auch die Ärzte dort konnten ihm nicht mehr helfen.

Held der Friedensbewegung

Germanistik-Professor Winter ist sich sicher, dass Borchert auch in Zukunft gelesen wird. In vielen Bundesländern stehen seine Kurzgeschichten auf dem Lehrplan der Schulen. "Und Friedensbewegungen zitieren Borchert seit Jahrzehnten, zuletzt auch bei den Protesten gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan." Denn Borchert gelte zurecht als Antikriegs-Autor. Und auch die Hamburger sind Borchert unerschütterlich treu. Lesungen und Aufführungen von Borchert-Werken seien immer ein Garant dafür, dass die Veranstaltung gut besucht ist, berichtet Winter. "Schließlich ist Wolfgang Borchert derjenige Nachkriegsautor, der am meisten mit Hamburg identifiziert wird."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Hörspiel | 05.02.2012 | 21:00 Uhr

Mehr Kultur

28:30

2852 Pfeifen für Neubrandenburg

20.12.2017 18:15 Uhr
NDR Fernsehen
14:06

Autorin Ildikó von Kürthy

15.12.2017 22:00 Uhr
NDR Talk Show