Stand: 10.01.2017 12:40 Uhr

Ein verrückter Sommer

Wege, die das Leben geht
von Audur Jónsdóttir, aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

"Wege, die das Leben geht" heißt der neue Roman der isländischen Schriftstellerin Auður Jónsdóttir. Wer bisher nur ihren ersten auf Deutsch erschienenen Roman "Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt" gelesen hat, der weiß zwar schon, dass bei ihr keine sittsam geordneten bürgerlichen Verhältnisse herrschen, aber dass sie die Enkelin des einzigen isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness ist, kommt erst in diesem neuen Roman so richtig zum Tragen.

Auður Jónsdóttir lebt heutzutage in Berlin. Auch ihre Protagonistin Eyja, von der sie in der dritten Person erzählt, wohnt später mit ihrem Sohn und ihrem zukünftigen Ehemann in Berlin. Aber die zentrale Episode in diesem Roman ist ein Sommer, den Eyja als sehr junge Frau in Schweden verbringt.

"Nun verlass doch endlich diesen Mann." Der Satz hallte in Eyjas Gedanken nach. Sie hatte zwar gehört, was ihre Oma gesagt hatte, doch was sie darauf antworten sollte, das wusste sie nicht. Ja, mache ich? Nein. Sie konnte gar nichts antworten und ließ den Kopf hängen wie ein ungezogenes Kind. Buchzitat

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Die isländische Autorin Auður Jónsdóttir wurde 1973 in Reykjavík geboren.

So beginnt der Roman. Eyja hat als Teenager in den Westfjorden in einer Fischfabrik gejobbt und dort einen viel älteren Mann kennengelernt und ihn geheiratet. Er hat beim Ausgraben der Verschütteten nach einem Lawinenunglück geholfen, und Eyja bildet sich ein, ihn trösten zu müssen. Dass er schon lange ein Alkoholproblem hat und sie ihm nicht helfen kann, wird ihr erst viel später klar werden. Auch ihre Mutter trinkt zu viel, seit sie sich erinnern kann.

Ein bemerkenswerter Sommer am See

Die Großmutter mit dem gleichen Vornamen, die 55 Jahre älter ist als sie, will Eyja aus diesem Schlamassel herausholen. Auch die Mutter findet, dass Eyja aufhören sollte zu rauchen und endlich schlanker werden muss. Aber sie selbst will vor allem ihren ersten Roman schreiben. Dafür geht sie mit Rúna, einer Freundin der Mutter, nach Schweden, um mit ihr eine Ferienhausanlage an einem See zu bewirtschaften.

"Da kann man bestimmt ganz toll schreiben!" hatte Rúna gerufen. Sie war von Eyjas Romanprojekt mindestens genauso begeistert erschienen wie Eyja selbst, wenngleich Rúna sich als Legasthenikerin mit dem Bewegungsdrang eines isländischen Hirtenhundes wahrscheinlich kaum vorstellen konnte, dass Schreiben Spaß machte. Buchzitat

Eyja erlebt in diesem heißen Sommer am See ziemlich verrückte Sachen, die zum Teil auch ausgesprochen komisch sind. Aber am Ende kehrt sie mit einem Manuskript nach Reykjavík zurück, das sie bei einem Verlag einreicht und das nach vielen Änderungen dann auch wirklich veröffentlicht wird.

Erzählung mit biografischen Zügen

Im Lauf der Lektüre wird immer klarer, dass der Autorin Jónsdóttir hier die eigene Lebensgeschichte als Vorlage dient. Der Großvater war Nationaldichter, der einen großen Preis bekam. Seine Frau lebt in dem Haus im Tal, das gut wiederzuerkennen ist als das Heim des Nobelpreisträgers, das er für sich und seine Familie bauen ließ und das seit 2004 ein Laxness-Museum ist. Auður Laxness kam damals in ein Altersheim und ist 2012 gestorben.

Auður Jónsdóttir nutzt diesen Roman auch dazu, ihrer Großmutter ein Denkmal zu setzen und sich deutlich aus dem Schatten des Großvaters zu lösen.

"Eyja hat keine Lust, für jede ihrer literarischen Figuren ein sinnvolles Ende zu finden. Warum soll sie das in einem Roman tun, wenn es im Leben auch nicht passiert? Wie soll sie, nur als Beispiel, Ordnung in Mamas Leben bringen? Oder in das ihrer Schwester Agga?" Buchzitat

Eine selbstbewusste weibliche Lektüre

Ihr Schreiben ist selbstbewusst weiblich und ist darüber hinaus den starken und begabten Frauen mit der "Wut aus dem Breiten Fjord" gewidmet, die in ihrem Leben wichtig sind. Ein Roman, der gerade durch die Tatsache, dass er autobiographisch ist, besonders raffiniert und liebenswert ist. Sogar ihren deutschen Übersetzer Kristof Magnusson porträtiert sie ins Buch hinein:

... einen jungen Mann, der selbst ein lebenslustiger Schriftsteller ist. (...) "Ich schreibe am liebsten in Zügen", sagt er und lächelt, sodass sein rundliches Gesicht unter dem jungenhaften Haarschnitt zu strahlen beginnt. Er ist blond, hat einen offenen, wachen Blick. Er ist halber Isländer und sieht in der Tat ziemlich isländisch aus (...). "Aber in Island gibt es ja leider keine Züge", sagt sie nachdenklich. Buchzitat

 

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Wege, die das Leben geht

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-71487-2
Preis:
11,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.01.2017 | 12:40 Uhr

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