Stand: 24.07.2017 13:58 Uhr

Alte Bücher - neu gelesen: "Die Brüder Löwenherz"

Wie entwickeln sich bei Lesern literarische Vorlieben? Wie geht es jemandem, der ein altes, früher einmal gelesenes Lieblingsbuch wieder aufschlägt? Hat es prägend gewirkt? Liest es sich nach vielen Jahren anders? Das fragen sich NDR Kultur Autoren in unserer Sommerserie "Alte Bücher - neu gelesen". In dieser Folge: das Kinderbuch "Die Brüder Löwenherz", geschrieben von Astrid Lindgren.

von Jürgen Deppe

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Ein Erinnerungsstück: "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren in der bei Oetinger erschienenen Ausgabe.

"Oh, Nangilima! Ja, Jonathan, ich sehe das Licht! Ich sehe das Licht!" Oh ja, und wie ich es sah, das Licht, Ende der 70er-Jahre, damals mit zehn oder elf Jahren. Schließlich war ich gerade 220 Seiten lang mit Krümel und Jonathan Löwenherz durch Hell und Dunkel gegangen, hatte deren beider Sterben erlebt wie ich Sterben in diesem Alter noch nie erlebt hatte, war in der Parallelwelt Nangijala gewesen - die allerdings ganz anders war als das Jenseits, von dem mir meine Eltern oder der Pastor unserer Gemeinde immer erzählten - und hatte mit den beiden Brüdern heroische Kämpfe gegen das Böse gefochten.

Ob meiner Tante damals bewusst war, was sie mir da geschenkt hatte? Wahrscheinlich ja, sie war ja Grundschullehrerin und ich ein Kind im passenden Alter. Meine Tante kannte sich also aus. Aber sie war auch - und ist es bis heute - eine streng gläubige Katholikin. Und dazu passte dieses Jenseits-Buch ganz und gar nicht. Klar, die schwarzen Reiter und der grimmige Drache Katla, die waren für mich Spannung pur. Aber dann war da ja auch noch dieses Nangijala, diese Welt jenseits der hiesigen Welt, allerdings ganz ohne lieben Gott und Engelschöre, wie man es mir immer erzählt hatte.

Gibt es ... ganz viele Welten?

In Nangijala war alles besser als hier. So wie es sich der kranke Krümel erträumt hatte. Viel besser sogar, mit eigenem Haus und Pferden und allem Drum und Dran, wovon ich als Kind natürlich auch geträumt habe.

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Für Jürgen Deppe unvergesslich: seine Ausgabe der "Brüder Löwenherz"

Aber in Nangijala war trotzdem nicht alles gut, weil das friedliche Kirschblütental, in dem Krümel nach seinem Tod gesund und munter wiederauferstand, von den bösen Mächten aus dem Heckenrosental bedroht wurde. Da formierte sich im Geheimen dann das, was ich heute "zivilen Ungehorsam" nennen würde oder eine "unzensierte Kommunikation" via Brieftauben. Eine Opposition gegen herrschendes Unrecht? So etwas war in der spießigen Welt, in der ich aufgewachsen bin, undenkbar.

Das Cover des Kinderbuchs "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren in der bei Oetinger erschienenen Ausgabe. © NDR Fotograf: Jürgen Deppe

Alte Bücher - neu gelesen: Die Brüder Löwenherz

NDR Kultur -

Jürgen Deppe erinnert sich daran, welchen Eindruck "Die Brüder Löwenherz" einst auf ihn machte.

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Aber Krümel und Jonathan machten es. Sie waren meine Helden und nahmen sogar den Kampf gegen den todbringenden Drachen Katla auf. Wobei "todbringend"? Ja auch nicht ganz! Denn den Brüdern blieb zwar am Ende nach ihrem Kampf mit dem Drachen Katla nur der Sprung in den Abgrund, aber der bedeutete eben nicht das Ende, sondern das Licht, den Übergang in wieder eine neue Welt, diesmal nach Nangilima. Konnte ich das glauben? Dass es nicht Himmel und Hölle gab, wie mir beigebracht worden war, sondern ganz viele Welten? Eine nach der anderen. Oder besser: eine neben der anderen.

Kinderfragen, die es in sich haben

Ich war in meinen kindlichen Grundfesten im besten Sinne erschüttert, und dann war das Buch zu Ende. Was nun? Ich konnte es ja nicht gleich wieder von vorne anfangen.

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Diese Illustration aus dem Buch hat Jürgen Deppe damals eigenhändig nachkoloriert.

In den Abgrund springen wollte ich auch nicht, um zu überprüfen, ob das alles stimmt. Also nahm ich meine Buntstifte und fing an, regelrecht in das Buch einzutauchen, indem ich die Illustrationen ausmalte. Gut, weit bin ich damit nicht gekommen, aber dem Buch doch sehr nahe - bis heute. Denn, so kindisch das klingt, "Die Brüder Löwenherz" haben bei mir viele Fragen aufgeworfen: Wie ist das mit Gut und Böse und mit dem Kampf dagegen? Muss man wirklich so weit gehen, sein Leben für das Gute zu geben, so wie Jonathan und Krümel es am Ende tun? Und - das vor allem! - was kommt danach? Nangijala? Nagilima? Das Licht? Oder ist das alles nur ein Märchen? Kinderfragen, zugegeben! Nur Antworten habe ich darauf bis heute keine. Zumindest keine endgültigen.

Deshalb nehme ich das Lindgren-Buch immer mal wieder in die Hände, belächle meine kindlichen Illustrationsversuche und frage mich dann ein ums andere Mal, wie es denn so ist oder sein könnte mit dieser anderen Welt, diesem Jenseits.

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