Stand: 05.08.2015 10:32 Uhr

Lebensabend im verstrahlten Paradies

Baba Dunjas letzte Liebe
von Alina  Bronsky
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland lebt heute in Berlin.

Die deutsche Schriftstellerin, die sich Alina Bronsky nennt, verbrachte ihre Kindheit nach eigenen Angaben auf der asiatischen Seite des Urals. Als Kind eines Kernphysikers und einer Astronomin wanderte sie mit ihren Eltern 1990 nach Deutschland aus, studierte eine Zeit lang Medizin und begann dann zu schreiben. Inzwischen ist sie Mutter von vier Kindern und ihr Roman "Scherbenpark" Schullektüre geworden. Schon vor diesem Erfolg hatte sie sich ein Pseudonym zugelegt, um ihre Familie und ihr Privatleben zu schützen, was schon ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein ahnen lässt. Den Roman "Baba Dunjas letzte Liebe" gibt es als Buch und Hörbuch.

Ein verrückter Hahn

In der Nacht weckt mich wieder Marjas Konstantin. Für Marja ist er eine Art Ersatzmann. Sie hat ... ihn schon als Küken gehätschelt... jetzt ist er ... zu nichts zu gebrauchen... Seine innere Uhr ist durcheinander, schon immer gewesen, aber ich glaube nicht, dass es mit der Strahlung zu tun hat. Man kann sie nicht für alles, was blöd zur Welt kommt, verantwortlich machen.

Es ist eine starke, wirkungsvoll erzählte Geschichte, die uns Alina Bronsky hier bietet. Sie erzählt von Baba Dunja, einer alten Frau, die in ihre Heimat Tschernobyl zurückkehrt und dort die letzte Zeit ihres Lebens verbringen möchte:

Der Himmel hängt hellblau wie ein verwaschenes Bettlaken über dem Dorf. Ein Stück Sonne ist zu sehen. Das will nicht in meinen Kopf, dass dieselbe Sonne für alle scheint: für die Königin in England, für den Negerpräsidenten in Amerika, für Irina in Deutschland, für Marjas Hahn Konstantin. Und für mich, Baba Dunja, die bis vor dreißig Jahren Knochenbrüche geschient und Babys anderer Leute in Empfang genommen hat.

Frisches, verstrahltes Gemüse

Es gibt in dem kleinen Dorf auf dem verseuchten Gebiet in Tschernowo, wo Baba Dunja zusammen mit den alten Gavrilovs, der Melkerin Marja, dem hundertjährigen Sidorow lebt, keine Zeit mehr, keine Fristen, keine Termine, die täglichen Abläufe sind wie ein Kinderspiel, sie stellen nach, was Menschen normalerweise tun. Manchmal gibt es Elektrizität, es gibt Öfen zum Heizen, Wasser wird aus dem Brunnen geholt, Gemüse wächst im Garten, und Baba Dunjas Tochter schickt Pakete. Baba Dunja denkt oft an ihre Tochter Irina, die in Deutschland Ärztin bei der Bundeswehr ist, und an die Enkeltochter Laura, deren Briefe sie nicht lesen kann und von der sie fürchtet, sie habe kein Zuhause, weil sie schon ihrer Mutter nicht beibringen konnte, sich im Leben wohl zu fühlen. Sie selbst, meint sie, hat es ja spät gelernt. Aber nun ist Baba Dunja als alte Frau offenbar eins mit sich und diesem verseuchten Stückchen Erde, wo sie niemand stört. Auch Ehemann Jegor nicht mehr.

Pläuschchen mit einem Toten

Jegor hat meine Füße geliebt. Er hat mir verboten, barfuß zu laufen, weil Männern schon beim Anblick meiner Zehen heiß wurde. Wenn er jetzt vorbeischaut, dann zeige ich auf die Wülste in den Trekkingsandalen und sage: Siehst du, was von der Pracht übrig geblieben ist? Und er lacht und sagt, sie seien immer noch hübsch. Seit er tot ist, ist er sehr höflich, der Lügner.

Dann kommt ein fremder Mann in das Dorf. Er hat seine Tochter dabei, die er - so scheint es - aus Rache an seiner Exfrau verschleppt hat. Er wird ermordet, und irgendwann kommt die Miliz, es gibt Nachforschungen in der winzigen, möglichen Tätergruppe, und Baba Dunja nimmt die Schuld auf sich. Ob sie es aus Liebe tut oder noch andere Gründe hat, bleibt offen in diesem schwebenden, von betörender Poesie getragenen Text, in dem vieles ungesagt bleibt. Wir Leser gehen eine Freundschaft mit der Autorin ein. Sie muss uns nicht alles sagen, wir wissen es auch so. Wir respektieren uns gegenseitig und tanzen mit ihr einen tieftraurigen Tanz in den letzten Tagen der Menschheit, den Tanz der Menschen, die dazu keine goldenen Kälber mehr haben und auch nicht brauchen.  

Baba Dunjas letzte Liebe

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer& Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04802-5
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.08.2015 | 12:40 Uhr