Stand: 20.02.2017 19:32 Uhr

Künstler "am Rande des Existenzminimums"

Unglaublich, wie gut es Künstlern geht. Ein Gemälde von Gerhard Richter erlöst bei einer Auktion schon mal 41 Millionen Euro. Oder fragen Sie George Clooney und Richard Gere, wenn Sie ihnen zufällig im Kanzleramt begegnen, was Jahr für Jahr auf dem Konto eingeht. Und Anna Netrebko mit güldener Kehle: Ist etwa ihr Verdienst nicht gülden?

Unglaublich, wie schlecht es Künstlern geht: 1.300 Euro im Monat im Durchschnitt. Davon kann ein Mensch nicht gut leben. Also gehen Künstler jobben, nicht nur die unbegabten und unbekannten. Muss das so sein? Und ist es die Regel? Fragen an Wolfgang Schneider im Rahmen der NDR Debatte "Von Kunst leben - geht das?".

NDR Kultur: Herr Schneider, abgesehen von wenigen Stars, die ausgesorgt haben: Werden Künstler generell zu schlecht bezahlt?

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Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Uni Hildeseheim.

Wolfgang Schneider: Ja, das muss man uneingeschränkt so sagen. Und das ist ganz merkwürdig, weil wir ja in unserem Kulturstaat so etwas wie eine gesellschaftliche Selbstverständigung haben, Kunst, Kultur und Künstler öffentlich zu fördern. Das heißt, wir stellen Steuergelder zur Verfügung, die dann in den Kommunen, in den Ländern und vom Bund für Kunst und Kultur verausgabt werden. Das geht ja eigentlich nur, wenn Künstler, Kulturschaffende, Kulturvermittler das in die Hand nehmen und produzieren, was wir dann rezipieren.

Es wirkt nun, als nutze manche Kulturinstitution die prekäre Lage der Künstler dazu, Kosten gering zu halten, indem etwa bei Opernproduktionen Proben nicht mehr bezahlt werden, sondern nur noch Vorstellungen. Ist das eine Frage der guten Sitten, oder ist der Druck für die Institutionen objektiv so groß geworden?

Schneider: Bei den Institutionen gibt es ja immerhin im besten Fall Tarifverträge. Und selbst da muss permanent nachgebessert werden, damit so etwas wie eine Lohnuntergrenze überhaupt möglich ist. Das ist vor kurzem für Schauspieler passiert, mit 1.850 Euro. Das ist ein Betrag am Rande des Existenzminimums, das muss ja auch versteuert werden. Aber wir reden ja nicht nur über die Kunst, die innerhalb der Institutionen stattfindet, sondern wir haben sehr viele freischaffende Künstler, die auch unser Leben bereichern. In der Kulturpolitikforschung stellen wir immer wieder fest, dass da mehr oder weniger darauf gesetzt wird, von denen, die diese Kunst in Anspruch nehmen, dass ein Künstler oder eine Künstlerin sich in der Tat auch anderweitig noch ernährt.

An deutschen Kunsthochschulen gibt es eine Ausbildung, die von manchen vorbildlich genannt wird. Es mag aber sein, dass es zu viele Absolventinnen und Absolventen gibt, dass am Bedarf vorbei ausgebildet wird. Ist das Teil des Problems?

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NDR Debatte: Von Kunst leben - geht das?

1.300 Euro verdient ein selbstständiger Künstler durchschnittlich im Monat. Viele von ihnen haben deshalb Nebenjobs. Kann man von Kunst leben? Die NDR Debatte. mehr

Schneider: Das sehe ich weniger. Auch wenn man da in Teilbereichen in der Tat fragen muss, bei einem Boom der Filmhochschulen und Filmakademien, ob wir in Deutschland, in Europa wirklich all diese Absolventen - das sollen mehrere hundert im Jahr sein - brauchen, weil insbesondere der Film im Wesentlichen durch öffentliche Förderung und durch das Fernsehen finanziert wird und eigentlich kein freier Markt existiert. Das ist bei anderen Sparten etwas anders. Im Theaterbereich wird sehr spezialisiert ausgebildet: ganz klassisch die Schauspielausbildung, aber auch Regie und Dramaturgie. Wir in Hildesheim zum Beispiel setzen in unserem Fachbereich Kulturwissenschaften sehr stark auf eine allseits entwickelte Theaterpersönlichkeit, die eben nicht so spezialisiert ausgebildet ist.

Die deutsche Kulturszene verfügt über ein ausgedehntes Geflecht aus Stipendien und Preisen, auch Unterstützungen durch Stiftungen. Lindert das die Probleme nicht erheblich - oder verdeckt es sie vielleicht sogar?

Schneider: Der Mix ist sicherlich gut gemeint. Die Frage ist: Was kommt dabei raus? Einerseits für den Künstler, aber andererseits auch für die Kunst. Es gibt auch in Deutschland schlecht gemachtes Theater und es gibt auch viele, die vielleicht nicht unbedingt den Künstlerberuf als Perspektive sehen. Aber es gibt genügend Talente, die man natürlich fördern muss. Und die kann man nur fördern, wenn sie davon auch leben können. Sie können nicht auf der Bühne, im Film oder in der Literatur immer wieder für ein gelingendes Leben plädieren, man kann nicht immer Gesellschaftskritik von den Künstlern erwarten - Künstler haben auch ein Leben, ein Recht auf Freizeit und Familie. Und da ist tatsächlich noch Einiges im Argen. Da sind auch die Förderinstrumente der öffentlichen Hand, aber auch der privaten Stiftungen nicht in dem Maße hilfreich, wie das vielleicht beim Überdenken, beim Reformieren noch möglich sein könnte.

Geduld oder Glück: Künstlerwege zum Erfolg

Das Problem ist erkannt - jedenfalls von den Künstlern selbst. Die Initiative "art but fair" etwa setzt sich deshalb dafür ein, ein "Kunst-Gütesiegel" einzuführen. Man erreichte damit gewissermaßen zertifizierte Produktionsbedingungen für fair produzierte Kunst, und Institutionen mit einem solchen Gütesiegel könnten dann bevorzugt gefördert werden. Ist das ein vernünftiger gedanklicher Ansatz?

Schneider: Ich bin da etwas skeptisch, weil ich überhaupt nicht durchblicke bei den ganzen Bio-Gütesiegeln im Supermarkt, ob wir da jetzt ein besseres System in unserer Kulturlandschaft finden. Da mache ich mal drei Fragezeichen.

Haben Sie denn eine Lösung?

Schneider: Ja. Wichtig wäre, dass alle Förderer transparent machen, was sie unterm Strich tatsächlich mit öffentlichen Mitteln fördern, um Kunst zu ermöglichen, und auch, was das für die Künstler heißt. Wenn Sie heute einen Antrag für ein Projekt in der freien Szene entwickeln, dann müssen Sie natürlich auch die Gagen und die Sozialabgaben erwähnen. Und wenn da mit Dumpingpreisen schon von den Förderern dazu beigetragen wird, dass es diese prekären Arbeitsverhältnisse gibt, dann ist der Fehler schon im System. Genauso all die Instrumente, die wir mit Künstlerresidenzen haben, die ganzen Preise, die verliehen werden - auch da wäre ernsthaft immer wieder darüber nachzudenken: Was nützt es tatsächlich dem Künstler und wie kann er sich übers Jahr mit solch einer Förderung halten? Das ist eine große kulturpolitische Frage, bei der wir ganz am Anfang stehen. Ein Gütesiegel ist vielleicht ein Element in diesem Verfahren.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 20.02.2017 | 19:00 Uhr

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