Stand: 31.07.2015 18:22 Uhr

Die böse Welt, plump erklärt

von Henning Cordes

Das Land der Dichter und Denker hält seit jeher viel von seiner hohen Kultur. In den sogenannten Kulturschaffenden sieht es seine Edelsten; sie müssen als Beweise für die eigene Größe herhalten. Das geht leider immer wieder daneben. In der Serie Überschätzte Künstler erzählen unsere Kollegen, wen sie im Kulturbetrieb für überbewertet halten - völlig subjektiv. Henning Cordes widmet sich dem Kabarettisten Volker Pispers.

Bild vergrößern
Henning Cordes findet, dass Lehrer sich auf der Bühne nicht verstellen können.

Für Volker Pispers ist "ein Kabarettabend ohne Lehrer wie ein alkoholfreies Bier" - also offenbar nicht vorstellbar. Er muss es wissen. Pispers hat auf Lehramt studiert und abgeschlossen. Jeder Kabarettabend mit ihm ist notgedrungen einer mit Lehrer. Gelernt ist gelernt. Volker Pispers ist der lustige Erklärer einer viel zu einfachen Welt. Die Redaktionen im Land finden ihn hervorragend. Laut der "Süddeutschen Zeitung" sind "seine satirischen Rundumschläge ein besonderer Kabarettgenuss." Die "Neue Osnabrücker Zeitung" gesteht ihm sogar eine Art humoristisches Weltniveau zu: "Volker Pispers' Gag-Dichte erreicht beinahe die von amerikanischen Sitcoms."

Die üblichen Verdächtigen

Das mit den Sitcoms ist als Kompliment gemeint. Ob Pispers es auch als solches erkennt, ist mehr als fraglich. Vom Ami hält er nämlich nicht so viel: "Wir sitzen alle in einem Zug und wir rasen auf den Abgrund zu. Wie dieser Abgrund aussieht, das wissen wir, wenn wir ehrlich sind: Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist Kapitalismus im Endstadium." Auf der anderen Seite des Ozeans sitzen die fiesen Riesenkonzerne und ihre Bosse. Mit dem beliebten Die-da-oben-Schema begeistert Pispers all jene, die sich irgendwie geknechtet wähnen: vom Amerikaner, vom internationalen Finanzkapital, gerne in Personalunion. Er bedient immer die gleichen simplen Klischees.

Der Liebling im Gewand des Außenseiters

Schön und gut. Nur sollte Volker Pispers nicht so tun, als wenn er aufrührend am Rand der Gesellschaft stehen würde. Im Gegenteil: Pispers trifft das Herz eines inzwischen stattlichen Publikums und steigert dessen Wohlbefinden, weil er bestätigt. Sein Publikum darf durchblickende Fraktion einer leicht bräsigen Mehrheit sein: "Wenn die zehn Prozent richtig Reichen bereit wären, die Hälfte ihres Vermögens abzugeben, dann wären die Staatsschulden weg. Es gibt nur ein Problem: Wir leben in einer Demokratie. Und sie kriegen in einer Demokratie keine Mehrheit für etwas, von dem 90 Prozent der Bevölkerung profitieren würde."

Schwer greifbare Eliten lenken das Weltgeschehen

Alle doof, außer wir. Pispers ist kein Mann für die feinen Untertöne. Er bedient plump den Glauben daran, dass der Bürger von wenigen Mächtigen fremdbestimmt wird, einer schwer greifbaren Elite, die sich gegen das unschuldige Volk verschwört. Dazu gehören selbstverständlich auch die Illuminaten in den Medien. Erstaunlich, wie sie gerade ihm immer wieder Sendezeit geben. Die Lieblingsfrage des Volker Pispers ist: Wem nutzt es? Es ist die Lebensgrundlage aller Verschwörungstheoretiker.

Der dunkle Imperator aus Oggersheim

"Wem gehören die Medien? Ein paar reichen Familien." Bei Pispers klingt das so, als wenn die Clans sich untereinander absprechen, wen es zu vernichten gilt: "Der Wulff, der musste weg. Der hat gesagt: 'Der Islam gehört zu Deutschland‘ und hat noch einen Vortrag über die Zinspolitik gehalten. Da machen die den weg." Den Steigbügelhalter der Medienkraken hat Volker Pispers auch schon erkannt: "Die Verblödung der Massen hat der Kohl doch clever geplant. Privatfernsehen hat der eingeführt. Der Kohl wusste das Volk braucht Brot und Spiele." Genau: Helmut Kohl hat immer nur volkstümlich-birnenhaft getan. In Wirklichkeit war der Altkanzler ein perfider Strippenzieher, der die Verblödung des deutschen Volkskörpers ausgeheckt hat: er allein, vielleicht noch Hannelore und dazu ein paar Amigos.

Ein talentierter Prediger mit Kalauerbeiwerk

Satire muss zuspitzen. Pispers aber macht nicht den Eindruck, als wenn er das tut. Der Mann ist authentisch - und er gibt es zu.

Der "Westdeutschen Allgemeinen" diktierte Volker Pispers Folgendes in den Block: "Ich habe keinen Stil für die Bühne. Ich bin nicht so geworden, weil ich Kabarett mache - sondern ich mache Kabarett, weil ich so bin." Der bärtige Gladbacher ist ein geübter Prediger. Auf Humor kommt es bei ihm gar nicht an. Sein Sermon wird nur gelegentlich von tumben Wortspielen durchbrochen. Gestatten, das Spaßmuster Marke Pispers: "Mit Bestrahlung tötet man Tumorzellen, mit Ausstrahlung tötet man Hirnzellen." Oder: "Ehrensold, das ist jetzt schon das Unwort des Jahres, wir verdanken es dem Unhold des Jahres."

Nicht wirklich ein Kabarettist

Wer Volker Pispers gut findet, tut es wahrscheinlich auf Grund einer vergleichbaren politischen Meinung. Der bescheidene Ruhm sei ihm gegönnt. Den vielgelobten "Kabarett-Genuss" liefert er aber nicht, diese vermeintlich feinsinnige Satire. Volker Pispers ist kein Satiriker. Besser aufgehoben wäre er als agitierender Büttenredner auf irgendeiner Montagsdemo.

Teilen Sie die Einschätzung unseres Autors oder liegt er Ihrer Ansicht nach falsch? Sagen Sie uns Ihre Meinung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 03.08.2015 | 07:55 Uhr