Stand: 01.02.2016 18:10 Uhr

Sind Neubauten unökologisch und unsozial?

von Lennart Herberhold

Es hört sich an wie reine Provokation - "Verbietet das Bauen". Kann das ernst gemeint sein? Die Immobilienpreise steigen, in den Ballungszentren wird wie wild gebaut, günstiger Wohnraum wird immer knapper, im sozialen Wohnungsbau fehlen Tausende von Wohnungen - und da behauptet der Architekturkritiker Daniel Fuhrhop, das sei überflüssig, unsozial und unökologisch. Vielleicht übertreibt er ja mit seiner Streitschrift "Verbietet das Bauen!", aber seine Argumente hören sich schlüssig an: enormer Leerstand selbst in boomenden Städten, einseitige Subventionen für Neubau statt Sanierung und Ökobilanzen, die einen Teil der Energiekosten wohlwissend verstecken. Was ist dran, können wir uns den ganzen neuen Mörtel vielleicht tatsächlich sparen und die Maurerkellen wieder einpacken? Und was wird dann aus unserem Stadtbild?

Hamburg bevorzugt Neubau statt Sanierung

Der City Hof in Hamburg war Anfang der 60er ein richtig eleganter Bau. Heute steht er unter Denkmalschutz. Trotzdem soll er wohl abgerissen werden. Zwar hatten Architekten Pläne vorgelegt, ihn stehen zu lassen und neu zu nutzen. Aber die Stadt bevorzugt einen Investor, der abreißen und neu bauen will. So was ärgert Daniel Fuhrhop. Den mit viel Aufwand gebauten City Hof abreißen sei ein typisches Beispiel von dem, wie heutzutage mit unseren Gebäuden umgegangen werde.

Neubauten trotz Leerstand - ein "absurdes System"

Politiker und Sozialverbände sagen: Wir müssen bauen - für bezahlbaren Wohnraum, für Geflüchtete, ökologisch bauen und weil es eine gute Altersvorsorge ist. Und es wird gebaut. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 222.800 Neubau-Wohnungen genehmigt, das sind 10.000 Wohnungen mehr als im Jahr davor. Allein in Hamburg sollen jährlich 6.000 neue Wohnungen entstehen, darunter viele Sozialwohnungen. Gleichzeitig stehen sowohl Wohneinheiten wie Büroräume leer. Fuhrhop hält dies für ein "absurdes System, das wir in Deutschland haben".

Geringverdiener raus, Besserverdiener rein

Sozialer Wohnungsbau heißt subventioniertes Bauen für Menschen mit wenig Geld. Nach 10 bis 15 Jahren kommen die Wohnungen wieder auf den freien Markt: Geringverdiener raus, Besserverdiener rein. Und: Neue Sozialwohnungen müssen her! Die Industrie kann sich freuen, zumal der Bund angesichts der vielen Flüchtlinge die Fördermittel verdoppeln will. Warum kann niemand in die "Geisterhäuser" der Stadt Hamburg einziehen? Die Stadt sagt: Die Sanierung sei zu teuer und die Häuser eh zu klein. Unsere durchschnittliche Wohnfläche wächst und wächst. Heute sind es 45 Quadratmeter pro Person. Jetzt kann man natürlich sagen: Ist doch nett, mehr Platz! Aber Platz bedeutet: überbaute Flächen.

Auch Abriss kostet viel Energie

Die Hafencity ist Europas größtes Neubaugebiet. Im Werbevideo heißt es: Die Hafencity sei innovativ und nachhaltig. Das ist für Fuhrhop ein Witz: "Wenn man sich vorstellt, welche Energie erforderlich ist, um ein ganzes Stadtviertel neu zu bauen. Das ist ja schon eine Menge! Und das kann dann noch so ökologisch im Einzelnen sein, oder man kann noch so sehr versuchen, das energieeffizient zu bauen - Neubauen kostet erst mal sehr viel Energie!"

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Die Fans des Ökobaus sagen: Einen schlecht isolierten Altbau abzureißen und durch ein Öko-Haus zu ersetzen, sei umweltfreundlich. Sie verschweigen: Abreißen und Schutt wegschaffen kostet Energie, Material zur Baustelle transportieren und neu bauen kostet Energie. Und vom Stadtrand, wo der Öko-Neubau dann meist steht, mit dem Auto zur Arbeit fahren. Neubauten sind immer CO2-Schleudern, so eine aktuelle Studie.

Weniger bauen und das Bestehende sinnvoll nutzen

Also: Wohnen neu denken! Alte Büros zu Wohnraum machen. Die Bauindustrie liefert immer dasselbe: Ein-Familien-Häuser, Single-Wohnungen. Was fehlt, sind Häuser für neues, kollektives Wohnen, etwa mehrere Generationen unter einem Dach. Aber davon ist man in Deutschland weit entfernt. Es wird weniger für die Menschen gebaut als für die Interessen von Industrie und Investoren. "Verbietet das Bauen!" - das ist natürlich Polemik. Aber weniger Bauen und das Bestehende klug nutzen - das tut Not.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 01.02.2016 | 22:45 Uhr

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