Stand: 16.02.2017 17:51 Uhr

Die besten Bücher des Frühlings

Es gibt sie wieder: die besten Bücher des Frühlings, die es geschafft haben auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse zu kommen. Über 365 Titel aus den drei Kategorien: Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung hatten die Verlage ins Rennen geschickt. Die Jury hat jetzt in jeder Kategorie fünf Titel für den mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Preis ausgewählt. Ein Gespräch über die Nominierten mit der Leiterin der NDR Kultur Literatur-Redaktion Ulrike Sárkány.

Frau Sárkány, Sie kennen die Qual der Wahl aus eigener Anschauung. 2015 saßen Sie in der Jury für den Deutschen Buchpreis, der in Frankfurt verliehen wird. Ist der Leipziger Jury die Auswahl gelungen? Ist die Liste auch nach Ihrem Geschmack?

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Ulrike Sárkány ist Leiterin der NDR Kultur Literatur-Redaktion.

Ulrike Sárkány: Ich würde lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich genau diese Titel auch ausgewählt hätte. Aber das liegt ja in der Natur der Sache: Es gibt so viele interessante Bücher in der deutschsprachigen Verlagslandschaft, dass keine zwei Kritiker einer Meinung sein werden, wenn es darum geht, die 15 "besten" herauszupicken. Von dem Gedanken muss man sich wahrscheinlich für alle Zeiten verabschieden, dass diese Preisvergaben ein letztgültiges Urteil über die Qualität der Bücher zu Tage fördern. Aber wir können sicher sein, dass sie herausragend sind, dass sie gut sind, dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.

Schauen wir auf die Belletristik: Von den fünf Titeln sind zwei Autoren dabei: der Schweizer Lukas Bärfuss und Steffen Popp. Drei Autorinnen haben es auf die Liste geschafft. Freut Sie das?

Sárkány: Ja, das ist eine positive Entwicklung, die wir in diesem Fall den Kritikerinnen Kristina Maidt-Zinke, Meike Fessmann, Jutta Person und Maike Albath zu verdanken haben. Vier sehr starke Kolleginnen, die mit Burkhard Müller, Gregor Dotzauer und Alexander Cammann zusammen die siebenköpfige Jury stellen.

Ich freue mich für Brigitte Kronauer, deren Roman "Der Scheik von Aachen" ja schon im September vorigen Jahres erschienen ist und jetzt noch mal richtig ins Rampenlicht gerückt wird. Ich freue mich auch für Natascha Wodin, die zwar 2015 den Alfred-Döblin-Preis bekommen hat, aber in diesem Jahr 2017, in dem sie 72 Jahre alt wird, erfährt sie durch diese Nominierung eine ganz besondere Ehrung. Ihr neuer Roman über das Schicksal ihrer Mutter "Sie kam aus Mariupol" erscheint bei Rowohlt, und bei Ars Vivendi wird im März auch ihr Debütroman von 1983 noch einmal neu in einer bibliophilen Ausgabe aufgelegt: "Die gläserne Stadt". Das sieht mir fast so aus, als rechnet man schon damit, dass sie den Belletristik-Preis bekommt am 23. März. Natascha Wodin wurde als Kind zwangsverschleppter russischer "Ostarbeiter" in einem Lager in Fürth geboren. Sie ist also in Deutschland aufgewachsen, hat aber immer mit dieser Familiengeschichte gelebt und sie literarisch verarbeitet.

Die dritte Kandidatin, Anne Weber, ist etwas jünger, Jahrgang 1964 (nicht zu verwechseln mit der Schauspielerin Anne Weber). Sie lebt in Frankreich und schreibt auch auf Französisch. 2010 war sie schon einmal nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, damals mit ihrem Roman "Luft und Liebe". Ihr neuer Roman heißt "Kirio", erscheint Ende des Monats im Fischer Verlag.

Interessant finde ich, dass auch die Lyrik wieder dabei ist. 2015 war Jan Wagner noch die große Überraschung in Leipzig; jetzt also wieder: mit Steffen Popp und seinen "118 Gedichten". Etabliert sich da etwas Neues?

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Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse hat bekannt gegeben, welche Autoren in den drei Kategorien für den Preis in Frage kommen. Einschätzungen von Alexander Solloch. mehr

Sárkány: Ab jetzt kann man das als etablierte Tradition ansehen, dass immer ein Lyrikband dabei ist, denn voriges Jahr war Marion Poschmann ja auch mit "Geliehene Landschaften. Lehrgedichten und Elegien" nominiert. Das ist für Steffen Popp wirklich der Durchbruch. Er erscheint bei einem kleinen Verlag, Cookbooks, und wer würde sich für Lyrik interessieren, wenn nicht eine solche Jury drauf aufmerksam machen würde? Das ist großartig für ihn. Und ich glaube, wir werden mit seinen kleinen beschreibenden Gedichten, zum Beispiel über das Wasser oder über den Mond, ganz viel Spaß haben, wenn er sie am 9. März in Hamburg im Literaturhaus vorstellt. Die Veranstaltung zeichnen wir, wie jedes Jahr, auf und senden sie am Sonntag vor der Preisverleihung.

Eben haben wir über die Frauen in der Belletristik gesprochen. Ganz anders ist die Verteilung beim Sachbuch. Nur eine Autorin steht da auf der Liste. Sind und bleiben es die Männer, die uns die Welt erklären wollen?

Sárkány: Eine Autorin ist dabei, nämlich Barbara Stollberg-Rilinger, die bei C.H. Beck ein Buch über Maria Theresia veröffentlicht. Wir feiern dieses Jahr noch den 300. Geburtstag der österreichischen Kaiserin. Aber Sie haben vollkommen Recht: Die Männer kommen immer noch wesentlich öfter dazu, ein schönes, gründlich recherchiertes Sachbuch zu schreiben, weil sie sich seltener um den Abwasch kümmern. Aber niemand verbietet es den Frauen, ihrerseits die Schreibtischarbeit an die erste Stelle zu setzen.

Oder es gab nicht die richtige Frau, die ausgewählt worden ist für das richtige Buch.

Sárkány: Ja, das alles ist möglich.

Die Kategorie "Übersetzung" gibt es ja auch noch. Die, die dieses mühsame Geschäft leisten, bleiben meistens im Kleingedruckten, stehen nie auf dem Cover. Gibt es da bei Ihnen einen Favoriten?

Sárkány: Nein, dazu müsste ich alle fünf Bücher kennen und auch noch die Übersetzungen beurteilen können. Mir ist es ein Rätsel, wie die Jury das macht. Aber vielleicht haben sie ja Berater. Alexander Solloch hat gesagt, es wäre schön, wenn die Übersetzer des Romans "Kompass" von Mathias Énard, Holger Fock und Sabine Müller, den Preis bekommen würden, weil der 44-jährige französische Autor ja in diesem Jahr in Leipzig anwesend sein wird, da ihm am Abend zuvor der Preis zur Europäischen Verständigung verliehen wird im Gewandhaus. Dem kann man ja etwas abgewinnen, aber grundsätzlich sind Übersetzern alle Preis zu gönnen, die sie kriegen können!

Es wurde auch bekannt, dass Rüdiger Safranski mit dem renommierten Ludwig-Börne-Preis 2017 ausgezeichnet wird. Rüdiger Safranski, der einerseits große Biografien geschrieben hat über Goethe, Heidegger oder Nietzsche. Der sich aber auch in die aktuelle Diskussion zur Flüchtlingspolitik zu Wort gemeldet hat. Ist Rüdiger Safranski für diesen Preis eine gute Wahl?

Sárkány: Fraglos ist Rüdiger Safranski ein wortgewandter Schriftsteller, der uns sehr lesbare Bücher nicht nur über historische Persönlichkeiten, sondern auch über philosophische Themen wie die "Zeit" zuletzt beschert hat. Gemessen daran, wofür Ludwig Börne steht, ist das dieses Jahr eine ausgesprochen konservative Entscheidung. Aber wer weiß, vielleicht steht ja Navid Kermani für nächstes Jahr schon auf der Nominierungsliste für den in Frankfurt von potenten Spendern verliehenen Preis.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 16.02.2017 | 19:00 Uhr

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