Stand: 29.06.2017 17:40 Uhr

Susanne Schädlich: Ein Kind der anderen

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Susanne Schädlich wurde 1965 in Jena geboren.

Als Kind von "Ausgebürgerten" musste Susanne Schädlich ihre Heimat Ostberlin als Zwölfjährige verlassen. Mit diesem Stigma wuchs sie fortan auf der anderen Seite der Mauer auf. Heute versucht die Autorin mit ihren Büchern, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, ebenso wie die ihrer Schicksalsgenossen.

"Briefe ohne Unterschrift" heißt das Ergebnis ihrer neuesten Auseinandersetzung mit der DDR. Darin befasst sich Susanne Schädlich mit einer besonderen Form des Protests: Zehntausende anonymer Briefe wurden binnen 25 Jahren aus Ostdeutschland an die BBC in London geschickt und jeden Freitag in der Radiosendung "Briefe ohne Unterschrift" ausgestrahlt. In der DDR begann ein riskantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Absendern der Briefe und der Stasi, die mit allen Mitteln versuchte, die Schreiben abzufangen.

Frau Schädlich, "Briefe ohne Unterschrift" war offenbar eine elektrisierende Sendung. Können Sie für einen ersten Eindruck einen dieser Briefe vorlesen?

Susanne Schädlich: Ich lese den Anfang eines Briefes eines Kindes vor - es haben nämlich auch Kinder an diese Sendung geschrieben:

"Ich bin ein Schüler der achten Klasse und im Bezirk Lichtenberg geboren. Wir bekommen in der Schule lauter Quatsch über die Politik zu hören. Darum höre ich Ihre Sendung so gerne. Ich verurteile den Sozialismus in der DDR sehr, aber leider können wir nichts machen.
Mit vielen Grüßen
Ihr Eselchen"

Also ein Kind, das begreift, dass es lauter Quatsch in der Schule hört.

Schädlich: Das stimmt. Ich habe mich bei den Briefen, die ich las, oft gewundert, wie politisch wach sie schon waren - im sehr jungen Alter sogar -, und wie politisiert.

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Für das neuen Buch hat Schädlichs Onkel Karlheinz Schädlich, der jahrelang die Familie verraten hat, als Quelle gedient.

Wie fing es an, dass Sie sich für diese historische Sendung interessierten? Irgendwie schließt das an Ihr 2009 erschienenes Buch "Immer wieder Dezember" an, die Geschichte der schrecklichen Entdeckung, dass Ihr Onkel Karlheinz Schädlich jahrzehntelang die Familie verraten, sie für die Stasi bespitzelt hat als "IM Schäfer". Sie beschreiben in "Immer wieder Dezember", wie Sie versucht haben, diese Geschichte aus Ihrem Bewusstsein zu löschen. Aber es ist offenbar - und das Gefühl entsteht auch am Anfang Ihres neuen Buches - eine Geschichte, die bleibt.

Schädlich: Ja. Er geistert wie ein Phantom immer wieder durchs Leben. Natürlich kann man so etwas nicht loswerden. Den Verrat hat er begangen. Ironischerweise ist es jetzt so gewesen, dass er als Quelle dient. Nicht nur der Stasi hat er als Quelle gedient, sondern in diesem Fall - und da kann ich ihm im Grunde dankbar sein - mir, weil ich in seiner Akte den Hinweis auf diese Sendung gefunden habe. Die Stasi hatte einen operativen Vorgang gegen diese Sendung eröffnet.

Was hat Sie an dieser ersten Spur so fasziniert, dass Sie beschlossen haben, ihr detektivisch zu folgen?

Schädlich: Da stand "Briefe ohne Unterschrift" und "Sendung" - das hat mich neugierig gemacht. Eine Radiosendung - was war das für eine Sendung, wann wurde die ausgestrahlt, von wem? Da wusste ich: Ach ja, BBC, Briten - das ist ja etwas ganz Spezielles. Es gab auch nichts im Internet darüber, es war einfach eine Leerstelle. Das hat mich fuchsig gemacht. Und natürlich diese "Briefe ohne Unterschrift" - allein das hat mich schon neugierig gemacht. Ich wollte wissen, was das ist. Wieso hieß das so, was waren das für Briefe, wo sind die geblieben, wer hat da geschrieben, worum ging es in den Briefen?

Was macht es mit Ihnen, wenn Sie sich in so eine Arbeit wie für dieses Buch werfen? Wühlt das nicht wieder den alten Schmerz darüber auf, dass es einmal so einen fürchterlichen Staat wie die DDR gegeben hat? Einen Staat, den Unrechtstaat zu nennen Sie sich - im Gegensatz zu manch anderem - nicht scheuen.

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Schädlich: Was mich bei der Recherche erstaunt hat, ist, mit welcher Akribie die Stasi gearbeitet hat. Ich kannte zwar unsere Akten - die fußen aber mehr auf Berichten des Onkels -, aber in diesem Buch wird genau beschrieben, wie die Stasi vorgegangen ist, um Briefeschreiber ausfindig zu machen. Sie wollten die BBC dazu zwingen, die Sendung einzustellen. Sie wollten den Moderator Harrison verhaften, wenn nicht sogar liquidieren. Das Wort fällt oft. Sie haben einen unglaublichen Apparat wegen dieser Sendung aufgebaut. Wie absurd das eigentlich ist, das habe ich versucht aufzuzeigen: Blutproben, Speichelproben, Schriftvergleichskarteien - sie haben so viel Mühe da reingesteckt. Dass es so weit ging, hätte ich mir nie vorstellen können.

Die DDR-Bürger, die diese Sendung hörten, lebten gefährlich. Die BBC zu hören, war gewissermaßen ein Staatsverbrechen, oder?

Schädlich: Es war ein Staatsverbrechen. Ich fand es erstaunlich, dass dieser Sender in der DDR nach wie vor als "Feindsender" betitelt wurde. Diesen Begriff kennt man aus der Nazi-Zeit. Diese Parallelen haben mich sehr aufmerken lassen. Natürlich war es gefährlich, diesen Sender zu hören, selbst das Hören war schon eine Straftat. Das Schreiben war natürlich noch gefährlicher. BBC - das sind drei gefährliche Buchstaben. Das galt in der Nazi-Zeit und das galt auch noch in der DDR.

Das Gespräch führte Alexander Solloch.

Das komplette Gespräch zum Nachhören
38:54

Susanne Schädlich, Schriftstellerin

30.06.2017 00:00 Uhr
NDR Kultur

Ausgebürgert und vom Onkel bespitzelt:– Susanne Schädlich hat das in der DDR selbst erlebt. Heute leistet unser Gast als Autorin deutsch-deutsche Aufklärungsarbeit. Audio (38:54 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 30.06.2017 | 13:00 Uhr

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