Stand: 07.12.2017 00:00 Uhr

Peter Handke: Schreiben gegen den Zeitgeist

von Joachim Dicks

Literatur und Aufmüpfigkeit, Sprache und Rebellion gehörten für Peter Handke von Anfang an dazu. Schon sein allererster Roman "Die Hornissen" aus dem Jahr 1966 warf die Frage auf, wie sich überhaupt ein Roman schreiben ließe. Theaterstücke wie "Publikumsbeschimpfung" und "Kaspar" erzählten keine Geschichten, sondern spielten mit Versatzstücken der Sprache.

Peter Handke: Ein Schriftstellerleben

Durch seine Freundschaften mit Wim Wenders und Claus Peymann kamen seine Stoffe auch auf  Leinwand und Bühne. Als Peter Handke im Jugoslawienkrieg die Position der Serben verteidigte, sah er sich von allen Seiten heftiger Kritik ausgesetzt. Seiner literarischen Produktivität hat es nicht geschadet. Im Gegenteil. Heute wird Peter Handke 75 Jahre alt.

Im Stillen ein mächtiger Mensch

"Ich sehe, ich habe eine Art von Bestimmung. Es gibt nicht viele Menschen, die sagen können, sie haben eine Bestimmung. Aber ich habe eine." Schon in diesem Satz steckt der ganze Handke. Es ist diese Mischung aus Hybris und Bescheidenheit, von Entschiedenheit und Ausweglosigkeit. Es ist dieser Drang und Zwang, im Gewöhnlichen und Alltäglichen das Ungewöhnliche und Unalltägliche zu erkennen, etwa wenn es um seine Berufsbezeichnung geht: "Heutzutage nennt sich ja jeder schon Schriftsteller. Ich nenn mich Schreiber im altäqyptischen Sinn, der eigentlich eine Würde ausstrahlen sollte. Der altägyptische Schreiber war im Stillen ein mächtiger Mensch. So wäre es mein Ideal, das allerdings nicht ganz realisiert worden ist."

"Schreiben ist eine Ein-Mann-Expedition in unbekanntes Land"

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Es gibt Schriftsteller, die immer nur an einem Buch schreiben. Zu denen gehört Peter Handke. Seitdem er 1966 im Alter von 23 Jahren mit "Die Hornissen" sein Werk begann, ist kein Jahr vergangen, in dem er nicht mindestens ein Buch oder Theaterstück veröffentlicht hat. Sein angeblich letztes Epos erschien erst vor wenigen Tagen. Es heißt "Die Obstdiebin". Viele Protagonisten aus früheren Büchern treten wieder auf, vor allem natürlich die Sprache: "Im Schreiben muss die Suchbewegung drin sein. Es ist eine Ein-Mann-Expedition in unbekanntes Land. Jedes Mal."

Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat den Aufstieg Peter Handkes von Anfang an verfolgt: "Man kann vielleicht generell sagen, dass er 1966 als ein absoluter Pop-Schreiber begonnen hat. Er hatte einen Senkrecht-Start, er hatte einen kometenhaften Aufstieg. Er war damals der Autor des jungen Zeitgeistes. Aber seit langem hat er den Zeitgeist schon gegen sich. Trotzdem schreibt er weiter. Er hat sich da überhaupt nicht beirren lassen. Egal, ob der Zeitgeist für oder gegen ihn ist."

Den Widerspruchsgeist hat Peter Handke nie aufgegeben. Sicher auch deshalb war er so entschieden in der Serbien-Debatte. Wenn alle einer Meinung sind, fühlt er sich berufen, dagegen zu halten. Der Balkan war für ihn auch eine Metapher: "Das war für mich das Europa. Abgezogen natürlich die totalitären Elemente, die es viel weniger als in der Sowjetunion, viel anders als in der Sowjetunion gegeben hat."

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Sigrid Löffler verfolgte den Aufstieg Peter Handkes von Anfang an.

Literaturkritikerin Sigrid Löffler ist davon überzeugt, dass die politischen Kontroversen in den 90er-Jahren den Schriftsteller Handke besonders angespornt haben: "Da entstanden ja seine großen Epen. Das waren ja Romane von 800, 1.000 Seiten. 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' oder 'Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos'. Das waren ja ganz große Werke. Die sind nebenbei entstanden. Ich würde fast sagen, dass er diese Wunde Jugoslawien in diesen großen Epen in Literatur verwandelt hat. Und zwar in große Literatur. Ich würde sagen in Weltliteratur."

Kandidat für den Literaturnobelpreis?

Also noch ein Kandidat für den Literaturnobelpreis? Ob er ihn überhaupt annehmen würde? Immerhin war er der jüngste Büchnerpreisträger aller Zeiten - mit 30 Jahren. Und er ist bisher der einzige, der sein Preisgeld zurückgegeben hat. Eines dürfte gewiss sein und uns Lesern nur zu wünschen: dass mit 75 Jahren bei Peter Handke das literarische Pulver noch längst nicht verschossen ist.

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Dieses Thema im Programm:

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