Stand: 17.01.2016 06:55 Uhr

Premiere für "Geächtet": Wie Herkunft prägt

von Katja Weise

Das Setting erinnert an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" und "Der Gott des Gemetzels": Zwei Ehepaare, wohl situiert, gebildet, aufgeklärt treffen sich in New York zu einer Dinnerparty, die nach anfänglich harmlosem Geplänkel vollkommen entgleist. Kein Wunder, denn der pakistanisch-amerikanische Autor Ayad Akhtar serviert in "Geächtet" einen hochexplosiven Personencocktail: Amir, ein erfolgreicher Jurist, stammt aus Pakistan und hat dem Islam abgeschworen. Seine Frau Emily, eine Malerin, entdeckt diesen aber gerade als künstlerische Inspirationsquelle. Das wiederum fasziniert Isaac, Emilys Kurator. Er ist Jude und verheiratet mit einer Afroamerikanerin.

Am Samstagabend feierte die deutsche Version des Broadway-Hits am Hamburger Schauspielhaus Premiere. 2013 hatte der pakistanisch-amerikanische Autor, der sich selbst als "kulturellen Muslim" bezeichnet, dafür den Pulitzer-Preis bekommen.

"Geächtet" am Hamburger Schauspielhaus

Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Fremden

Küsschen rechts und links, man gehört dazu, zur gehobenen New Yorker Middle Class: Die nächsten Karriereschritte der Protagonisten stehen an. Doch die gestalten sich insbesondere für Amir schwierig. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 schlägt ihm teilweise offene Feindseligkeit entgegen. Er versucht, dem offensiv zu begegnen. Beispielsweise beim Sicherheitscheck am Flughafen, zu dem er sich freiwillig meldet, indem er auf das Sicherheitspersonal zuläuft und sich darbietet: "Zur Durchsuchung. Ja, ich weiß ja, dass die mich alle anschauen. Ich denke, da kann man es auch allen Beteiligten leichter machen. Es ist ja nicht nur so, dass alle Leute Angst haben, vor Leuten, die so aussehen wie ich, jetzt nimmt man es uns auch noch übel."

Noch ist der Ton leicht, es wird gelacht. Akhtar verschränkt gekonnt Boulevardkomödie und psychologisches Drama. Denn allmählich spitzt sich die Situation zu. Es beginnt eine heftige Diskussion - über den Islam: "Ich halte ihn für eine rückständige Denk- und Lebensweise." - "Meinst du nicht, du bist da ein bisschen zu pauschal? Immerhin gehört er zu den großen spirituellen Traditionen der Welt."

"Das ist meine Herkunft, das sitzt in den Knochen"

Trotzdem gesteht Amir schließlich ein, einen kleinen Hauch von Stolz gespürt zu haben, als die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasten. Da kippt die Situation vollends: "Amir, das kann nicht dein Ernst sein. Stolz worauf? Dass die Türme plötzlich weg waren?" Und der Mann, der dem Islam eigentlich abgeschworen hatte, entgegnet: "Dass wir plötzlich siegten. Ich hatte vergessen, welches Wir meins ist. Du bist Amerikaner. Das ist meine Herkunft, das sitzt in den Knochen. Du hast keine Ahnung, wie ich aufgewachsen bin. Da muss man richtig an sich arbeiten, um diese Scheiße aus sich rauszukriegen."

Dem versteckten Rassismus nachspüren

Um dieses Wir geht es. Zu welcher Gruppe gehört man? Wie offen ist eine Gesellschaft? Welche Rollen spielen die ethnischen und religiösen Wurzeln auch in der zweiten oder gar dritten Einwanderer-Generation noch? Akhtar stellt diese Fragen, spürt verdecktem Rassismus nach, und er tut dies, indem er wie Yasmina Reza geschickt die Mittel der Boulevardkomödie nutzt. Das ist klug und funktioniert hier, in der Inszenierung von Klaus Schumacher, wie geschmiert. Zumal Carlo Ljubek Amir die nötige Zerrissenheit, Härte und Verletzlichkeit schenkt.

Trotzdem ist der Abend noch nicht ganz rund. Spannung und Tempo werden nicht durchgängig gehalten. Was auch an den deutlich schwächeren Frauenfiguren liegen mag. Das Premierenpublikum war dennoch begeistert. 

Premiere für "Geächtet": Wie Herkunft prägt

Fragen über Glauben und Herkunft werden in "Geächtet" von Ayad Akhtar diskutiert - im Setting einer Dinnerparty. Am Hamburger Schauspielhaus hatte das Stück Samstagabend Premiere.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
E-Mail:
kontakt@schauspielhaus.de
Preis:
Zwischen 15 und 69 Euro, ermäßigt 10 Euro
Kartenverkauf:
Telefon (040) 24 87 13
kartenservice@schauspielhaus.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.01.2016 | 09:53 Uhr