Stand: 31.01.2016 09:44 Uhr

Ein Schuss verändert alles: "Die Macht des Schicksals"

von Agnieszka Zagozdzon
Verdis Oper "Die Macht des Schicksals" hat am Sonnabend in der Staatsoper Hannover Premiere gefeiert.

Ein Moment verändert das ganze Leben: Eigentlich wollte die reiche Bürgerstochter Leonora mit ihrem Geliebten Alvaro heimlich durchbrennen, doch Leonoras Vater erwischt die beiden. Es kommt zu einem Handgemenge, ein Schuss fällt und Leonoras Vater ist tot - so der Plot von Verdis Oper "Die Macht des Schicksals", die am Sonnabend in der Staatsoper Hannover Premiere gefeiert hat.

Leonora lebt traumatisiert als Obdachlose

Verdi wurde für die vielen unwahrscheinlichen Schicksalsfügungen in seiner Oper "Die Macht des Schicksals" kritisiert; Regisseur Frank Hilbrich verknüpft sie in seiner Inszenierung nun nachvollziehbar mit realistischen Konsequenzen: So fristet beispielsweise die vom Tod ihres Vaters schwer traumatisierte Leonora ein Leben als Obdachlose. Wenn sie in ihrem verschmutzten Mantel mit dem Einkaufswagen voller Plastiktüten mühsam über die Bühne rollt, immer in panischer Angst sie könnte die Tatwaffe aus Versehen verlieren, schafft Hilbrich beim Zuschauer echte Anteilnahme, ohne gleich den moralischen Zeigefinger zu heben. "Es geht hier nicht unbedingt um eine Sozialstudie, sondern darum, das Obdachlosentum als ein Zeichen für den Verlust der Zivilisation zu beschreiben", erklärt Hilbrich.

Verrohung, Gewalt, Exzesse

Den Zivilisationsverlust zeigt Hilbrich auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene: Verrohung, Gewaltbereitschaft und sinnlose Exzesse. Nicht einmal die Schwächsten - die Kinder - werden verschont. Immer mittendrin: die charismatische Kriegstreiberin Preziosilla - phänomenal dargestellt von Monika Walerowicz. Überhaupt dürfen die Sänger in "Die Macht des Schicksals" einmal zeigen, zu welchen beeindruckenden schauspielerischen Leistungen sie in der Lage sind. Sei es Brigitte Hahn als verzweifelte Leonora, die von den Bildern des toten Vaters verfolgt wird, oder Brian Davis als Don Carlo - Leonoras Bruder -, dessen gesamtes Leben von unerbittlichem Rachedurst vollkommen vergiftet wird. Geradezu herzzerreißend eindringlich spielt Tenor Xavier Moreno die Rolle des Alvaro, gequält von Schuldgefühlen, Selbsthass und Einsamkeit.

Packendes Opernerlebnis

In seiner klugen und äußerst einfühlsamen Inszenierung stellt Regisseur Frank Hilbrich die müßige Frage nach der Macht des Schicksals in den Hintergrund und lenkt stattdessen gekonnt den Fokus auf die tatsächliche Verantwortung, die sowohl jeder Einzelne als auch die Gesellschaft für ein menschenwürdiges Leben hat. Ein packendes, musikalisch erstklassiges Opernerlebnis, das nachdenklich macht. Mit einem Wort: perfekt.

Ein Schuss verändert alles: "Die Macht des Schicksals"

Die Inszenierung von Verdis "Macht des Schicksals" versetzt den Plot in die Moderne und zeigt realistische Konsequenzen auf. Die Premiere in Hannover: packend und musikalisch erstklassig.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Staatsoper Hannover
Opernplatz 1
30159  Hannover
Preis:
Zwischen 22,50 und 55,50 Euro
Kartenverkauf:
Kassen im Opernhaus

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 10 bis 19.30 Uhr (Vorverkauf bis 18.30 Uhr), Sonnabend 10 bis 14 Uhr

Telefonischer Kartenverkauf
Telefon (0511) 9999 1111
Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Sonnabend 10 bis 14 Uhr

Abendkasse
eine Stunde vor Vorstellungsbeginn (kein Vorverkauf)
Hinweis:
Oper von Giuseppe Verdi in vier Akten (1862 / 1869)
Produktion empfohlen ab 16 Jahren

Aufführung auf Italienisch mit deutschen Übertiteln.
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