Stand: 27.06.2017 18:44 Uhr

Ehrenamt in Deutschland: "Vielfältig und cool"

Die Kulturprogramme des NDR werfen in diesem Monat verschiedene Blicke auf gesellschaftliches Engagement, in der Debatte: "Jammer nicht, tu was!" Nina Apin ist Leiterin des Meinungsressorts bei der "TAZ" und hat 2013 ein Buch geschrieben über "Das Ende der Ego-Gesellschaft. Wie die Engagierten unser Land retten".

Frau Apin, Sie sind durch ganz Deutschland gereist und haben Sterbebegleiter, Essensspender, Bürgerbusfahrer, Community-Organisierer und viele mehr getroffen. Was war Ihre wichtigste Entdeckung dabei?

"Unter dem Begriff Ehrenamt wird sehr viel gefasst, was ganz unterschiedliche Facetten und Motivationen hat", sagt Nina Apin.

Nina Apin: Wie lebendig und wie vielfältig dieser Ehrenamtssektor ist. Ich habe bislang als Nichtbeteiligte eher an die klassischen Bereiche, also Freiwillige Feuerwehr oder kirchliche Ehrenamtstätigkeiten, gedacht, was ja ein ehrenwertes Image hat, aber auch ein leicht angestaubtes. Ich war sehr positiv davon überrascht, wie wenig angestaubt, wie vielfältig, wie cool ehrenamtliche Arbeit sich heutzutage darstellt.

Das heißt, der verbreitete Glaube, wir lebten in einer Ego-Gesellschaft, in der jeder zuerst und vor allem an sich selbst denkt, ist falsch?

Apin: Natürlich nie ganz falsch, aber ich würde, gerade nachdem ich für dieses Buch recherchiert habe, zu der Glas-halb-voll-Theorie neigen. Es steht doch besser um den Zusammenhalt und um den Gemeinnutz in diesem Land, als man denken würde. Die Zahlen geben das auch her: Rund 23 Millionen Bundesbürger über 14 Jahre sind engagiert - das sind ungefähr 36 Prozent der Bevölkerung. Und das ist ja nicht nichts.

Aus welchem Antrieb engagieren sich diese Menschen? Engagieren sie sich vielleicht als Gegenreaktion zu einer doch zunehmenden Vereinzelung in der Gesellschaft?

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Apin: Viele engagieren sich deshalb, weil sie sich um das Gemeinwohl Sorgen machen, weil sie individuell etwas beitragen wollen, weil sie anderen helfen wollen - das ist der klassische altruistische Antrieb: Ich möchte anderen helfen. Aber darüberhinaus ist so etwas wie eine übergeordnete Sorge spürbar, eine Sorge, dass sich die Gesellschaft spaltet, dass sich gewisse Dinge zurückentwickeln, dass eine gewisse Vereinzelung einsetzt. Aus dieser Sorge heraus entspringt dann sehr oft Engagement.

Und manchmal ist das so etwas wie eine Reaktion auf eine Lücke, die sich in einer Gesellschaft auftut, oder eine gesellschaftliche Schieflage, der die Politik nicht adäquat begegnen kann. Da ist das neueste Beispiel die sogenannte Flüchtlingskrise.

Als Sie vom Ende der Ego-Gesellschaft schrieben, stand die sogenannte Flüchtlingskrise erst noch bevor. Sahen Sie in der ersten großen Welle der Hilfsbereitschaft Ihre Hoffnungen auf mehr Solidarität bestätigt?

Apin: Ja, auf jeden Fall. Viele Beobachter wirkten zunächst wie vor den Kopf gestoßen, wie in einem Land, in dem sich angeblich jeder nur noch um sich selbst und um seinen eigenen Vorteil kümmert, plötzlich so viel Nächstenliebe, so viel uneigennütziges Engagement aufblühen kann. Gleichzeitig wurde ja immer davon gesprochen, dass die Zahlen geschönt seien, in Wirklichkeit sei das alles gar nicht so weit her mit dem ehrenamtlichen Engagement in Deutschland. Und als es dann soweit war, als es wirklich sehr viel zu tun gab - da waren die Leute da, haben geholfen, haben nicht lange gefragt. Das bestätigt diesen Befund, dass es sehr viele Leute gibt, die bereit sind, sich zu engagieren.

Aber gleichzeitig fühlten sich viele auch allein gelassen in ihrer Versorgung der Flüchtlinge. Zeigt dieses Beispiel, dass Ehrenamtliche, freiwillige Helfer dort den sozialen Zusammenhalt schaffen, aus dem der Staat sich in einigen Teilen zurückgezogen hat?

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Apin: Die ehrenamtliche Arbeit ist eigentlich per se immer in diesem Dilemma, dass sie sich in einer gesellschaftlichen Lücke zwischen Staat und Wirtschaft befindet, und in dieser Lücke entstehen natürlich Chancen, es anders, besser, unbürokratischer zu machen, als es der Staat oder die Wirtschaft könnte. Aber es entstehen auch Begehrlichkeiten: dass die Ehrenamtlichen als Lückenbüßer missbraucht werden für einen Staat, der sich zurückzieht, für eine Wirtschaft, die immer mehr dereguliert wird. Das spüren aber die Leute. Es gab vor Kurzem eine Studie des Instituts für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin, und die haben einen großen Frust bei den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern festgestellt. Dieser Frust äußerte sich in immerwährenden Antworten, man fühle sich missbraucht. Missbraucht vom Staat, der die Füße hochgelegt hat auf Kosten der ehrenamtlichen Helfer, mit den Worten: Ist doch schön, dass sich die Leute kümmern.

Gesellschaftliches Engagement ist aber nicht nur Sprachunterricht für Geflüchtete, Vorlesen in der Kita oder gemeinsames Tafeln auf offener Straße für eine offene Gesellschaft, sondern es ist auch Protest, wie er etwa nächste Woche beim G20 Gipfel in Hamburg erwartet wird. Aber lauter, gemeinsamer Protest - auch wenn er friedlich ausgetragen wird - ist viel weniger anerkannt als die Aufopferung Einzelner im Stillen, oder?

Apin: Ja. Während im Engagement-Bericht der Bundesregierung die ehrenamtliche Arbeit, gerade im sozialen, im kirchlichen und im Jugendbereich sehr gepriesen wird, werden die sogenannten Protest- oder Wutbürger in einem ganz kleinen Kapitelchen erwähnt. In dieser Gewichtung sieht man, dass es vielen Politikern offenbar eher ungeheuer ist, wenn sich dieses Engagement in eine Protestecke entwickelt. Der Übergang ist fließend zwischen Leuten, die protestieren und Leuten, die sich dauerhaft engagieren: Nicht jeder, der mit einem Schild auf der Straße steht, ist ehrenamtlich engagiert. Man denke beispielsweise an die Pegida-Demos: Auch das ist in gewisser Weise Engagement, wenn man sich unbezahlt auf die Straße stellt. Aber es ist ein Engagement, das sich gegen die demokratische Grundordnung richtet. Und ob man hier noch von bürgerschaftlichem Engagement sprechen kann, würde ich bezweifeln.

Bei den Anti-G20-Protesten ist auch die Frage: Wie weit geht Protest, das ja durch dieses Etikett "bürgerschaftliches Engagement" gedeckt ist? Darüber gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Wenn Sie einen Grünen-Politiker fragen oder eine CSU-Politikerin, dann werden Sie zwei sehr unterschiedliche Bewertungen hören. Aber ansonsten wird unter dem Begriff Ehrenamt sehr viel gefasst, was ganz unterschiedliche Facetten und Motivationen hat.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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NDR Kultur | Journal | 27.06.2017 | 19:00 Uhr

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