Stand: 28.08.2017 17:12 Uhr

"Wir driften weg von dem, was Kinder brauchen"

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff veröffentlicht seit seinem ersten Bestseller "Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit" 2008 in regelmäßiger Folge seinen Plan zur Kindererziehung. Im Gespräch macht er die Überlastung der Erwachsenen für Defizite bei der Kinderentwicklung verantwortlich.

Herr Winterhoff, als niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater erleben Sie jeden Tag auch deren Eltern. Deshalb gleich zu Beginn unsere Debattenfrage: Versagen Eltern bei der Erziehung?

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"Wir sehen die Kinder nicht mehr als Kinder, sondern als kleine Erwachsene", sagt Michael Winterhoff.

Michael Winterhoff: Das Interessante ist, dass es heute gar nicht um die Frage der Erziehung geht. Denn die Kinder, die zu mir in die Praxis kommen, sind zum Teil grundsätzlich sehr gut erzogen. Die Eltern sind sehr bemüht und haben alles für ihre Kinder getan - und trotzdem sind diese Kinder enorm auffällig und respektlos. Also kann es gar nicht um das Thema Erziehung gehen, sondern das neue Thema ist: Wie entwickelt sich die Persönlichkeit, die Psyche? Und das - ich mache das mehr als 30 Jahre - hat sich sehr verändert.

Bis Mitte der 90er-Jahre waren alle Kinder, die zu mir kamen, grundsätzlich auf dem Entwicklungsstand ihres Alters: Mit drei Jahren kindergartenreif; sie haben erkannt: Ich bin in einem Kindergarten, da ist eine Erzieherin, die etwas zu sagen hat. Mit sechs Jahren schulreif: Sie wollten in die Schule gehen, sie waren lernwillig, wissbegierig, sie haben viele Dinge gemacht, zu denen sie keine Lust hatten: üben, Hausaufgaben etc. Und mit 16 Jahren war man ausbildungsreif.

Wir haben jetzt die Situation, dass mehr als jeder Zweite der Heranwachsenden nach Schulabschluss gar nicht mehr herkömmlich ausbildungsreif ist. Es fehlen ihnen Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit, Erkennen von Strukturen und Abläufen, das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht. Und über das, was sie mal gelernt haben, können sie nicht angemessen verfügen. Das neue Thema ist: Wie entwickelt sich die Psyche der Kinder und warum entwickelt sie sich nicht mehr? Wieso bleiben immer mehr Kinder auf der Stufe von Kleinkindern stehen?

Und warum ist das so? Haben Sie eine Erklärung dafür?

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Winterhoff: Ja. Grundsätzlich, wenn Kinder Auffälligkeiten haben, müssen die Eltern unbewusst etwas falsch machen. 80 Prozent von dem, was wir tun, ist unbewusst. Sie müssen Blockaden in sich tragen. Diese Blockaden lagen bis Mitte der 90er-Jahre immer in der Lebensgeschichte der Eltern: Wenn man sich als Kind nicht ausreichend anerkannt gefühlt hat, war die Gefahr groß, dass man diese Problematik auf eines seiner Kinder überträgt. Oder nehmen wir eine schwierige Geburt, und jemand sagt: Hoffentlich geht das gut - dann ist die Gefahr groß, dass Eltern unbewusst in eine Behinderung erziehen.

Seit Mitte der 90er-Jahre liegt es nur an gesellschaftlichen Veränderungen. Aus der täglichen Erfahrung kann ich sagen: Es liegt daran, dass wir in ein digitales Zeitalter hineingerutscht sind, überrollt wurden und noch gar nicht in der Lage sind, damit so umzuguhen, dass es auch unserer Psyche bekommt. Die Zeit vor der digitalen Zeit war für unsere Psyche ein Segen, wir hatten immer mehr Zeit für uns. Und heute, weil wir noch nicht damit umgehen, gehen wir die ganze Zeit, die wir haben, in die digitale Welt hinein, und durch die Erfindung des Smartphones sind viele Erwachsene überfordert, nehmen viel zu viele Meldungen auf, müssen viel zu viele Entscheidungen treffen. Der Erwachsene gerät in einen Zustand der Reizüberflutung, er ist nicht mehr derjenige, der steuert, der bestimmt als freier Mensch, sondern er wird nur noch von der Umgebung bestimmt. Es wird nur noch unmittelbar bedient und reagiert und nicht mehr agiert.

Sie machen also für bestimmte Defizite bei der Kinderentwicklung die elterliche Überlastung verantwortlich?

Winterhoff: Genau - aber die aller Erwachsenen. Es hat sich ja nicht nur im Bereich der Familien etwas getan, sondern auch im Bildungswesen: Wir haben mittlerweile die geschlossene Schreibschrift abgeschafft, es steht dem Lehrer frei, ob er Diktate einfordert oder nicht - stattdessen machen wir sexuelle Aufklärung über alle Praktiken des Erwachsenenbereichs in der zweiten Grundschulklasse. Wir driften völlig weg von dem, was Kinder brauchen. Wir sehen gar nicht mehr die Bedürftigkeit der Kinder, sondern wir fragen uns nur noch: Wie können wir reagieren und wie können wir erreichen, dass es irgendwie klappt?

Ihr neues Buch fordert "Die Wiederentdeckung der Kindheit". Das klingt ein bisschen idyllisch. Was meinen Sie damit?

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Michael Winterhoffs Buch "Die Wiederentdeckung der Kindheit" ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 17,99 Euro.

Winterhoff: Wir haben einen großen Fehler gemacht: Mitte der 90er-Jahre brauchten wir sehr viel Zeit für die Digitalisierung und haben viel Zeit gewonnen, indem wir die Kinder gar nicht mehr als Kinder sehen, sondern als kleine Erwachsene. Wir haben die Vorstellung, dass sie vieles von alleine lernen, vieles eigenverantwortlich machen sollen. Was aber Kinder brauchen, gerade kleine Kinder, ist ein Erwachsener, der sie führt, anleitet, begleitet, der viele Entscheidungen für die Kinder angemessen trifft. Es muss auch vieles eingeübt werden. Seitdem wir die Kinder zu kleinen Erwachsenen gemacht haben, fehlt das, und das sind wichtige Grundlagen, um überhaupt Psyche zu bilden.

Wir haben dann das Internet bekommen, was ein großes Problem ist: Wir suchen immer nach "richtig" und "falsch" - und im Internet bekommen wir für jedes Problem tausende von Antworten. Der Erwachsene ist also durch das Internet immer orientierungsloser geworden und unbewusst - das Kind ist immer das schwächste Glied in einer Gesellschaft - wird das Kind in die Verantwortung gebracht, uns zu orientieren. Früher hätte eine Mutter in meiner Praxis gesagt: "Du setzst dich da an den Tisch, malst ein Bild, ich bin nebenan im Gespräch." Heute werden die Kinder immer gefragt: "Möchtest du dies, möchtest du das, möchtest du jenes?" Und die Entwicklung ist dann noch weiter vorangeschritten.

Es fehlt in diesem Land eine Vision: Wo wollen wir hin als Deutschland, wo wollen wir hin als Europa? Und wenn den Menschen die Vision fehlt, fehlen ihnen Anteile wie glücklich sein, zufrieden sein, sich auf etwas freuen zu können usw. Jetzt ist die Gefahr groß, dass das Kind zur unbewussten Kompensation benutzt wird - dann ist das Glück des Kindes mein Glück. Und somit fühlen Eltern fürs Kind, denken fürs Kind, gehen fürs Kind in die Schule - eine Psychenverschmelzung, eine Symbiose.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Michael Winterhoff (Archivbild vom 15.03.2009) © Will Media Fotograf: Wolfgang Borrs

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Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff fordert die "Wiederentdeckung der Kindheit". Er macht die Überlastung der Erwachsenen für Defizite bei der Kinderentwicklung verantwortlich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.08.2017 | 19:00 Uhr

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