Stand: 18.08.2017 16:10 Uhr

Einladung zur Anarchie: Die Nacht der Maulwürfe

Die Maulwürfe sind los beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel! NDR 90,3-Reporter Peter Helling war bei der Premiere von "Die Nacht der Maulwürfe" des Franzosen Philppe Quesne. Er unterhielt sich mit NDR 90,3-Redakteur Daniel Kaiser über die Aufführung.

Daniel Kaiser: Peter, die Maulwürfe toben gerade nicht nur durch Kampnagel, sondern wie ich hörte durch die ganze Stadt?

Peter Helling: Ja die Maulwürfe machen Hamburg unsicher, fläzen sich in die edlen Foyers der Elbphilharmonie - pressen arglose Besucher zwischen ihre schweren Pelze. Ja, belästigen sogar die Besucher eines stadtbekannten Juweliers. Unmöglich.

Was ist das Besondere an diesen niedlichen Erdbewohnern?

Helling: Niedlich sind die erst mal gar nicht. Im Schnitt zwei Meter große Fellmonster ohne Augen mit kleinen Rüsseln und riesigen Schaufelhänden. Die Schauspieler in den Kostümen müssen umkommen vor Hitze! Was mir neu war: Es gibt Katzen- und Hundeliebhaber, aber es gibt auch eine Maulwurfs-Fangemeinde.

"Ich bin ein Maulwurfliebhaber und war natürlich voll zärtlicher Gefühlen gegenüber diesen Monstern", meinte ein Zuschauer. "Super, es war einfach nur schön!", schwärmte ein anderer. "Überwältigend!", "Grandios!", aber auch "extrem berührend" urteilte das Publikum.

Sprechen die Maulwürfe auch miteinander?

Helling: Klar! "Maulwürfisch" klingt bei Philippe Quesne wie eine krude, sehr dunkle Mischung aus schlechtem Hochdeutsch und Grunzlauten.

Wie sieht denn das Leben der Maulwürfe auf der Bühne aus?

Helling: Zu Beginn brechen die Tiere mit der Spitzhacke in ein kleines Spanholz-Haus ein. Maulwürfe haben einen herben Humor, sie lieben Kunst! Sie trauern um einen verstorbenen Kompagnon. Als Säugetiere gebären sie kleine Minimaulwürfe.

In einem finsteren Ritual umkreisen sie gefangene Regenwürmer wie Indianer den Marterpfahl, bevor sie über die ekligen und meterlangen Tiere herfallen und sie verspeisen. Daneben plumpsen sie von oben auf Rutschen, rempeln sich gerne an – haben Sex.

Sex?

Helling: Ja, sogar ausführlich. Philippe Quesne hat eine Nacht der Maulwürfe versprochen, und wir haben sie bekommen. In einem Raum, der an eine Geisterbahn erinnert - mit Styropor-Tropfsteinen und Bühnennebel. Und: Die Maulwürfe sind eine super Band.

Da stellt sich mir schon die Frage: Was soll das Ganze?

Man darf den Abend nicht mit den Augen eines Thalia-Abonnenten ansehen. Das Stück ist auch einfach großer Quatsch. Eine tiefere Bedeutung? Schwer zu sehen. Außer: Tiere sind die perfekten Spiegel des Menschen. Wir sehen uns selbst zu, dürfen endlich Dinge tun, grunzen, spielen, wie uns der Schnabel - oder hier: der Rüssel - gewachsen ist. Es ist eine Einladung zur Anarchie. Krude und komisch. Und das Dunkle, das Tier in uns: Warum soll es kein Maulwurf sein?

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 18.08.2017 | 19:00 Uhr

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