Stand: 22.08.2017 07:44 Uhr

Eine Universität leistet sich ein Literaturhaus

Vor 25 Jahren wurde in Hannover der Literarische Salon ins Leben gerufen. Ein Jubiläum, das jetzt gefeiert und mit Neuerungen begleitet wird. Jens Meyer-Kovac, der zum Programmteam gehört, stellt den "neuen" Literarischen Salon vor.

Herr Meyer-Kovac, was wird es sein, das Neue, das Andere, das den grundsätzlichen Unterschied macht?

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Jens Meyer-Kovac ist Programmleiter des Literarischen Salons in Hannover.

Jens Meyer-Kovac: Der literarische Salon ist jetzt, nach 25 Jahren, zu einer offiziellen Einrichtung der Leibniz-Universität Hannover geworden. Das ist erst einmal sehr gut. Uns war nach zwei Jahrzehnten klar, dass wir ein festeres, institutionelleres Standbein brauchten als "nur" einen Förderverein, der über Eigenmittel, Spenden, über Eigenmittel aus Eintritten und ansonsten ausschließlich über Projektmittel verfügt. Wir haben jetzt mit dem "Einzug" in die Universität einen neuen Status und neue Möglichkeiten. Alles, was wir uns mit anderen an Ideen ausdenken, hat jetzt ein verlässlicheres Fundament.

Zur Frage: Ganz grundsätzlich anders und alles neu - das werden wir nicht machen. Das müssen wir auch gar nicht, denn dafür gibt es keinen Grund, denn das war ja sehr erfolgreich. Mit der Universität im Rücken haben wir jetzt einen sehr verlässlichen Partner und mehr Planungssicherheit.

Gibt es neue Projekte, neuen Schwung oder neue Ideen?

Meyer-Kovac: Auf jeden Fall. An Ideen hat es uns in der Vergangenheit sowieso nicht gemangelt. Wir können - und das werden wir auch - Ideen aus der Universität selbst besser aufgreifen können, als vorher. Wir haben punktuell immer schon mit der Universität, mit dem englischen und mit dem deutschen Seminar, zusammengearbeitet. Eine der qualitativ hochwertigsten Veranstaltungen im letzten Programm war eine Veranstaltung mit Marcel Beyer und Nora Gomringer. Die sind beide nicht nur als Büchner- bzw. Bachmann-Preisträger bekannt, sondern auch als sehr gute Vermittler für etwas sperrige Lyrik. Lyrik wird natürlich an der Leibniz-Universität behandelt, und in dem konkreten Fall haben wir uns zusammengesetzt und gesagt: "Es wäre schön, wenn Lyrik nicht nur für Literaturwissenschaftler interessant ist, sondern für ein breiteres Publikum." Solche Beispiele gab und gibt es immer wieder. Wir hatten aber oft in unserem Programm teilweise nicht genügend Platz. Das hat sich geändert.

Mitte der 60er-Jahre war es der berühmte Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der seine "Literarischen Kolloquien" in Hannover startete. Mit ebenfalls namhaften Autoren: Günter Grass, Erich Kästner, Uwe Johnson. 1992 wurde dann der Literarische Salon gegründet. Spielen diese Anfänge, vielleicht auch dieses große Vorbild Hans Mayer noch eine Rolle in der heutigen Gestaltung des Programms?

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Der Literarische Salon bietet Lesungen und Podiumsgespräche zu Literatur, Kultur, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft.

Meyer-Kovac: Man muss das bestimmt nicht überstrapazieren. Die Schuhe von Hans Mayer sind doch sehr groß. Er hat an der damals noch technischen Universität Hannover das Deutsche Seminar gegründet. Aber es gibt natürlich in gewisser Weise schon eine Traditionslinie, die wir verfolgen. Er selber hatte immer Interesse daran, dass sein Thema Literatur und dass universitäres Geschehen auch in die städtische Öffentlichkeit zurückgetragen werden. Es gibt eine lange, kontinuierliche Tradition, die wir verfolgen, und die wir darüberhinaus wieder an Studierende weitergeben.

Der Literarische Salon versteht sich auch als eine Art Literaturhaus. Nun gibt es in Hannover auch dieses Literaturhaus. Empfinden Sie sich als Konkurrenz oder grenzen Sie sich ab, wie machen Sie das?

Meyer-Kovac: Wenn wir Konkurrenz wären, dann müsste man sagen: Das belebt bekanntlich das Geschäft. Wir sind keine Konkurrenten, ganz im Gegenteil. Dazu kommt noch, dass Literatur bei uns zwar ein sehr wichtiger Bestandteil ist, aber nur ein Teil des Programms. Wir machen sehr viel von dem, was mit Belletristik, mit schöner Literatur nichts zu tun hat, sondern mit Film, Architektur, Theater, Wissenschaft, Sport. Allein dadurch ist es relativ selten, dass wir im gleichen Gewässer fischen.

Die Beziehung zwischen Literaturhaus und Literarischem Salon ist insofern sehr gut, als dass wir glauben, Hannover ist als Stadt mit immerhin 500.000 Einwohnern wirklich groß genug, dass es auch zwei solche Institutionen verträgt. Dass es uns beide gibt, hat beiden Institutionen sehr gut getan.

NDR Kultur ist Kooperationspartner des Literarischen Salons. Gerade bei den letzten Veranstaltungen mit Ian Kershaw und Philipp Winkler ist uns aufgefallen, dass das Publikum vergleichsweise jung ist. Ist das der Zauber der Universität? Oder haben Sie ein eigenes Rezept dafür, dass so junge Menschen zu Ihnen kommen?

Meyer-Kovac: Wir haben insofern ein Rezept, als dass wir seit mittlerweile schon fünf Jahren an der Universität als Programmleiter Seminare geben. Das sind Seminare, in denen man lernt: Wie macht man so eine Veranstaltung? Da geht es um Theorie, aber auch um Praxis. Außerdem geben wir ein sogenanntes Leseseminar, so etwas wie ein Lesekreis: Die Literatur, die bei uns behandelt wird, wird besprochen, die Studierenden haben Gelegenheit, die Autoren kennenzulernen und in Interviewpraxissimulationen auszuprobieren, wie man so eine Moderation übernimmt. Wir haben diesen Bereich mit einem Publikum, was vergleichsweise jung ist, darüber gut gelöst, dass wir junge Leute und Studierende praktisch selbst Programm machen lassen. Aus jedem der erwähnten Seminare entspringt am Ende immer eine Veranstaltung, die bei uns auch abgespielt wird. Die haben alle mit sehr großem Erfolg, was das Publikum angeht, stattgefunden.

Was den Generationswechsel anbetrifft: Ich mache die Programmleitung und die Geschäftsführung nicht alleine, sondern mit meiner Kollegin Charlotte Milsch. Sie ist als Volontärin aus einem Seminar zu uns gestoßen, ist seit sechs Jahren dabei und ist für uns sehr wichtig.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.08.2017 | 19:00 Uhr

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