Stand: 18.09.2017 16:35 Uhr

"Ohne gute Lehrer ist die beste Schule nichts"

Mehr als 3.300 Lehrerstellen sollen derzeit deutschlandweit unbesetzt sein. Der Lehrermangel betrifft vor allem die Grundschulen, weniger die Gymnasien, jedenfalls weniger direkt. In Niedersachsen etwa wurden an die 1.000 Gymnasiallehrer an andere Schulen, vor allem Grundschulen, abgeordnet, um dort auszuhelfen. Der Vorsitzende des Philologenverbands Horst Audritz kritisiert diese Entwicklung.

Herr Audritz, wie schätzen Sie die Situation in Niedersachsen ein und wie hätte die Landesregierung Ihrer Meinung nach auf den Lehrermangel reagieren sollen?

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"Wenn man in großer Zahl Quereinsteiger einstellt, dann ist das automatisch ein Qualitätsverlust", sagt Horst Audritz.

Horst Audritz: Ohne gute Lehrer ist die beste Schule nichts. Wir brauchen Lehrer, die auf die Schulform hin orientiert sind, die Schüler den Schulformen gemäß unterrichten können. Und das ist in Niedersachsen offensichtlich versäumt oder zu wenig vorhergesehen worden. Der Lehrermangel an den Grundschulen war vorauszusehen. Es gab schon im vorigen Jahr einen 17-Punkte-Plan zur Sicherung der Unterrichtsversorgung - das war das Indiz dafür, dass man Lehrermangel befürchtete. Aber man hat ihn nicht zielgerichtet in Angriff genommen, sondern offensichtlich bis zum Schuljahresbeginn 2017/2018 gewartet, um das mit den Maßnahmen zu regeln. Das ist nicht geglückt.

Auch die Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich eine düstere Prognose herausgegeben: 2025 würden danach über 18.000 Lehrer fehlen und bis 2030 können das sogar 42.000 sein. Wie erklären Sie sich, dass die Kultusministerkonferenz diese Prognosen offenbar nicht so berechnet hat oder vielleicht nicht ernstgenommen hat?

Audritz: Prognosen sind langfristig immer fehlerträchtig. Es ist noch nie geglückt, zuverlässig vorauszusagen, wie viele Lehrer man braucht. Man hat vor ein paar Jahren noch mit einer demografischen Rendite gerechnet, mit zurückgehenden Schülerzahlen und die Lehrerausbildung daraufhin eingerichtet. Man hat also sogar vor dem Lehrerstudium gewarnt, davor, dass nicht alle eine Stelle finden werden. Das hat dann dazu geführt, dass viele Lehramtsstudenten das Studium gar nicht aufgenommen haben, sondern gerade in Zeiten einer guten wirtschaftlichen Entwicklung berufliche Perspektiven in der freien Wirtschaft gesucht und gefunden haben.

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Aber das können nicht die einzigen Gründe sein für den aktuellen und wachsenden Lehrermangel.

Audritz: Das sind nicht die einzigen Gründe. Es gibt auch hausgemachte Gründe, je nach Bundesland. Das sind verschiedene Reformen, die Unterrichtsstunden kosten, weil Lehrer diese Reformen umsetzen müssen. Es gibt auch Reformen, die das Studium betreffen, z.B. die Umstellung vom Staatsexamen-Studium auf Bachelor- und Master-Studiengänge, die 2007/2008 in Niedersachsen begonnen haben. Das hat u.a. dazu geführt, dass 2014/2015 das Studium für die Grund-, Haupt- und Realschullehrer verlängert worden ist - und das führt zu einer Lücke von Lehrern, die durch Einsatz geschlossen werden muss.

Die Länder reagieren unterschiedlich auf diese Situation: Die einen ordern Gymnasiallehrer an Grundschulen ab, die anderen besetzen Grundschullehrerstellen mit Seiteneinsteigern. Wie schätzen Sie diese Tendenz ein, pädagogische Laien in den Schulbetrieb einzufügen?

Audritz: Wenn man in großer Zahl Quereinsteiger einstellt statt ausgebildeter Lehrer, dann ist das automatisch ein Qualitätsverlust oder es entwertet das Lehrerstudium. Wir gehen davon aus, dass man zielgerichtet auf den Einsatz in der Schule hin studiert haben muss, dass man nicht beliebig von der Wirtschaft in die Schule und umgekehrt wechseln kann. Das kann nur eine Notsituation, eine Ausnahme darstellen - es darf nicht zu einer Regel werden.

Sie sind selber Lehrer am Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel. Schlägt sich die Abordnung von Gymnasiallehrern an Grundschulen auch bei Ihnen im Schulbetrieb nieder?

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Audritz: Ich bin im Moment nicht mehr im Schuldienst, war es aber bis Ende Juli noch. Es schlägt sich nieder, denn in der Tat sind über 1.000 Lehrer von Gymnasien an Grundschulen abgeordnet worden. Da wir etwa 260 Gymnasien in Niedersachsen haben, ist durchschnittlich jedes Gymnasium mit etwa vier Lehrkräften, die abgeordnet werden, betroffen. Da manche Gymnasien gar nicht von Abordnungen betroffen sind, sind andere umso stärker betroffen. Das bedeutet eine große Unruhe für den Schulbetrieb, gerade zum Schuljahresanfang, die Umstellung von Stundenplänen, Verschiebungen beim Einsatz in den Fächern. An manchen Gymnasien ist sogar jede zweite bis vierte Lehrkraft betroffen, oder es werden Fächer gekürzt - das merken dann auch die Eltern und die Schüler.

Beobachten Sie auch Tendenzen, dass Eltern ihre Kinder eher auf Privatschulen schicken, weil die staatliche Versorgung nicht mehr garantiert ist?

Audritz: Das ist je nach Schulform unterschiedlich. Das Privatschulsystem ist in der Tat aufsteigend, ich glaube inzwischen etwa bei zehn Prozent. Andererseits konkurrieren die Privatschulen auf dem Arbeitsmarkt mit den öffentlichen Schulen. Und wenn es keine Lehrkräfte mit zweitem Staatsexamen gibt, dann müssen sie auf Lehrkräfte zurückgreifen, die nur das erste Examen haben, denn im Privatschulsystem braucht es das Referendariat nicht zwingend. Ich würde es mir als Elternteil sehr überlegen, ob ich mein Kind auf eine Privatschule schicke - das öffentliche Schulsystem gewährleistet immerhin die zweiphasige Ausbildung und damit eine hohe Qualität des Unterrichts.

Das Interview führte Natascha Freundel.

Philologenverband-Vorsitzender Horst Audritz steht in einem Fernseh-Studio des NDR.

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NDR Kultur | Journal | 18.09.2017 | 19:00 Uhr

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