Stand: 27.09.2017 17:58 Uhr

"Die Erwartungshaltung im Osten ist zu groß"

Die Ursachenforschung für das Ergebnis der Bundestagswahl geht weiter: Wer sind diese 12,6 Prozent, die mit ihrer Stimme die rechtspopulistische AfD gewählt haben? Demoskopen waren mit Zahlen schnell bei der Hand: Die AfD-Wähler sind überwiegend männlich, überwiegend ostdeutsch, überwiegend mittleren Alters. Es sind Frustrierte, Abgehängte, Enttäuschte - heißt es pauschal. Aber kann man das so einfach sagen? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Hans Vorländer.

NDR Kultur: Herr Vorländer, Frustrierte, Abgehängte, Enttäuschte - das klingt sehr einfach. Ist es wirklich so einfach?

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Hans Vorländer ist Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden.

Hans Vorländer: Es steckt ein gewisser Kern von Wahrheit in dieser Aussage, aber die Sache ist ein bisschen komplizierter. Es ist nicht nur ein Ostphänomen, was ins Auge springt: Auch in Bayern und Baden-Württemberg, auch in den sozialen Brennpunkten im Westen der Republik haben wir ziemlich hohe Werte für die AfD gesehen. Tatsache ist, dass in Sachsen die AfD nach Zweitstimmen die stärkste Partei geworden ist, knapp vor der CDU - das ist in der Tat sehr bemerkenswert.

Im Osten gibt es ganz spezifische Probleme: Es ist vielleicht weniger eine Frage des ökonomischen Abgehängtseins, sondern eine Frage der Wahrnehmung einer Zurücksetzung und ein Nachholen der Revolte gegen die letzten 27 Jahre, wo man in Ostdeutschland sehr vieles verändert hat. Der Umbruch war radikal, und da ist etwas an Demütigung, Traumatisierung, Verletzung übrig geblieben - und das bringt sich jetzt zum Ausdruck.

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Vorländer: Ich glaube, dass die Täuschung nicht da war, sondern dass die Anstrengungen nach der Wende von allen erbracht werden mussten und dass die "blühenden Landschaften" versprochen wurden. Es sind eigentlich schöne Landschaften und Städte geworden. Das Problem ist nur, dass in einigen Regionen die Arbeitsplätze verschwunden sind, die Infrastruktur brüchig geworden ist, die Gesundheitsversorgung nicht mehr überall sichergestellt wurde, dass Schulen geschlossen worden sind. Das sind ganz normale Umbrüche, die man in Westdeutschland, in der Pfalz oder in der Eifel, auch gehabt hat, aber zu einem früheren Zeitpunkt. Und das ist die diffuse Gemengelage, die jetzt zusammengekommen ist, wo die etablierten Parteien nicht hineingehen konnten oder den Rückhalt verloren haben, und wo es in Ostsachsen etwa auch schon so eine Kultur der Revolte und auch des Rechtsextremismus gegeben hat. Die NPD war früher dort stark, und da ist jetzt auch die AfD stark.

Jens Bisky spricht in der "Süddeutschen Zeitung" von einer Haltung der "Verweigerung" und "Enthemmung". Das klingt sehr drastisch - können Sie damit etwas anfangen?

Vorländer: Ja, natürlich. Ich habe das selbst auch sehr oft gesagt, dass die Pegida-Demonstrationen gezeigt haben, wie solche Enthemmungsprozesse ablaufen. Das waren Eskalationsspiralen, und die Schreie, die in Dresden durch die Pegidisten wahrgenommen wurden, waren sehr drastisch. Enthemmungen haben wir auch in den sozialen Netzwerken.

Die Verweigerung besteht darin - da würde ich Bisky Recht geben -, dass die Menschen sich nicht mehr aktiv beteiligen. Sie haben nicht verstanden, wie sie ihre Enttäuschung überwinden können und dass sie in Parteien gehen oder Initiativen gründen müssen, um konkret und praktisch etwas zu verbessern. Die Erwartungshaltung ist einfach zu groß: Der Staat muss sich kümmern, die Parteien sollen sich kümmern, sie sollen die Menschen in den Arm nehmen und ihnen den Weg weisen. Diese Anspruchshaltung ist natürlich überzogen und resultiert in dieser Verweigerungshaltung. Ich glaube, dass Bisky das richtig beobachtet. Was er gleichzeitig auch sagt, dass Gewalt hier seit vielen Jahren an der Tagesordnung ist - das ist etwas übertrieben. So unmittelbar kann man von Verweigerung auf Gewaltbereitschaft nicht schließen.

27 Jahre sind seit der Wende vergangen, aber viele Menschen im Osten fühlen sich immer noch als Menschen zweiter Klasse. Man kann das ein Stück weit nachvollziehen, wenn wir sehen, dass Löhne und Renten beispielsweise immer noch kein West-Niveau erreicht haben. Wäre es da nicht eine kleine Stellschraube, zu sagen, wir sind jetzt nach 27 Jahren in der Tat gleich?

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Vorländer: Das ist eine etwas verquere Diskussion, denn bei den Renten sind die Ostdeutschen bisher bevorzugt, weil die Gewichtungsfaktoren für den Osten anders in Rechnung gebracht werden. Die Rentenangleichung wird dafür sorgen, dass die Renten im Osten relativ zum Westen geringer werden. Das ist aber nie offen diskutiert worden.

Es gibt ein Grundmuster des Sich-zurückgesetzt-Fühlens, das man auch in der Politik allzu lange hat gewähren lassen und man hat nicht darauf hingewiesen, dass manches vollkommen unberechtigt ist. Tatsache ist, dass die Wandlungen ökonomischer, sozialer und demografischer Natur enorm gewesen sind. Die Löhne sind geringer, die Arbeitszeit ist länger als im Westen - das liegt daran, dass die Gewerkschaften hier viel weniger stark verankert sind. Insofern gibt es schon das Gefühl, dass man nicht so sehr wertgeschätzt wird, und die eigene Lebensleistung der letzten 27 Jahre sieht man auch nicht richtig anerkannt.

Auch jetzt wird der Osten wieder sehr stark angegriffen, zum Teil auch stigmatisiert. Das spielt all den Leuten in die Hände, die sagen: Der Westen hat uns nicht verstanden, er sieht uns als Menschen zweiter Klasse an. Dass sich aber sehr vieles getan hat gegenüber der DDR-Zeit, verschwindet dahinter ein bisschen. Die Relationen und die Wahrnehmung stimmen nicht mehr - sowohl im Osten wie auch im Westen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Politikwissenschaftler Hans Vorländer von der Universität Dresden. © TU-Dresden

Hans Vorländer über die AfD-Wähler

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Wer gehört zu den AfD-Wählern? Es sind Frustrierte, Abgehängte, Enttäuschte - heißt es pauschal. Aber kann man das so einfach sagen? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Hans Vorländer.

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NDR Kultur | Journal | 27.09.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Hans-Vorlaender-ueber-die-AfD-Waehler,journal1020.html

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