Stand: 21.09.2017 15:02 Uhr

Gibt es zu wenig Lehrer im Norden?

von Claudio Campagna
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Lehrermangel in Norddeutschland: Bis zu 14 Prozent der Lehrerstellen können in Norddeutschland nicht besetzt werden.

"Lehrerbestand: mangelhaft." Das stellen Eltern und Schüler vielerorts fest, nun da deutschlandweit das neue Schuljahr begonnen hat. Jetzt schon fehlen viele Pädagogen. Und laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wird sich dieses Problem massiv verschärfen. Im Jahr 2025 werden demnach eine Million Schüler mehr in Deutschland auf die Schule gehen, als man bislang angenommen hat. Zehntausende Lehrer würden bundesweit dann fehlen. NDR Kultur hat sich in den Norddeutschen Bundesländern umgehört, wie dort die Lage aussieht und was die Länder tun wollen, um dem Lehrermangel entgegenzuwirken.

Gymnasiallehrkräfte an Grundschulen

1.649 Stellen wurden in Niedersachsen zum Schuljahresbeginn neu besetzt; 151 mussten offen bleiben, also rund acht Prozent. Insgesamt gibt es 72.000 Lehrer und Lehrerinnen in Niedersachsen, so viele wie noch nie. Und doch immer noch nicht genug. Vor allem an den Grund-, Haupt- und Realschulen herrscht Knappheit beim pädagogischen Personal. Weil die Ausbildungszeit verlängert worden ist, sind in diesem Jahr nur 400 Studenten fertig geworden und konnten neu in den Schuldienst eintreten; im nächsten Jahr sollen es dann schon wieder 1.000 sein - so kalkuliert das Kultusministerium. Bis dahin helfen an den Grundschulen Lehrer von anderen Schulen, zum Beispiel von Gymnasien, aus.

Mit einem 17-Punkte-Plan versucht das Land, den gegenwärtigen Engpass zu überbrücken und langfristig mehr Lehrer zu gewinnen. Unter anderem hat Kultusministerin Heiligenstadt den Quereinstieg erleichtert, bereits pensionierte Lehrer wieder aktiviert und den einzelnen Schulen mehr Freiheiten beim Einstellen neuer Lehrer gewährt.

Sonderpädagogen gefragt

In Schleswig-Hosltein wurden 1.351 neu besetzt; 121 mussten offen bleiben, also ebenfalls rund acht Prozent. Insgesamt unterrichten an den schleswig-holsteinischen Schulen 28.000 Lehrkräfte. Gesucht werden dort vor allem Lehrer an Förderzentren und in bestimmten Fächern an Berufsbildenden Schulen. Studien sagen voraus, dass auch in Schleswig-Holstein die Schülerzahlen weiter steigen werden. Wie viel mehr Lehrer deshalb fehlen, will Bildungsministerin Prien bis zum Jahresende genau ermitteln.

Im Bildungsministerium arbeitet man gerade an einem Maßnahmenpaket. Geplant ist, die Berufsschulausbildung zu stärken. Im Studiengang Sonderpädagogik wurden mehr Plätze geschaffen. Und um kurzfristig neue Lehrkräfte zu gewinnen, hat das Land den Quereinstieg und ähnliche Ausbildungsumwege und -verkürzungen ausgebaut. Außerdem soll das Image des Lehrerberufs verbessert werden, unter anderem mit einer besseren Bezahlung.

Den Lehrerberuf attraktiver machen

Insgesamt unterrichten an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern 11.500 Lehrerinnen und Lehrer. 408 Stellen wurden dort neu besetzt; 60 Stellen sind bislang offen geblieben, knapp 13 Prozent. Von einem Lehrermangel will man beim Bildungsministerium trotzdem nicht sprechen. Das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern weist darauf hin, dass es sich bei den Angaben um Momentaufnahmen handelt. Gab es zum Start des Schuljahrs keine offenen Stellen, so waren es zum Zeitpunkt unserer Abfrage 60 und später sogar mehr. Es handele sich laut Ministerium dabei jedoch nicht um unbesetzt gebliebene Stellen, sondern um neue Ausschreibungen. Der Unterricht sei zu 100 Prozent abgesichert, heißt es. Aber die Lehrergewerkschaft GEW widerspricht: Ausfälle würden oft durch das Zusammenlegen von Klassen ausgeglichen. Und besonders in ländlichen Gebieten mangele es eben doch an Lehrern. Die Schülerzahlen werden voraussichtlich auch in Mecklenburg-Vorpommern steigen.

Die Landesregierung erarbeitet gerade eine nach Regionen gegliederte Bevölkerungsprognose, um danach die Schülerzahlen und den Lehrerbedarf neu zu berechnen. Mit einer bundesweiten Werbekampagne versucht Bildungsministerin Hesse möglichst viele Lehrer nach Mecklenburg-Vorpommern zu locken. Die Aussicht auf Verbeamtung und gute Verdienstmöglichkeiten sollen den Beruf dabei attraktiver machen.

Mangelfächer Mathematik und Naturwissenschaft

In Hamburg unterrichten derzeit 20.800 Lehrerinnen und Lehrer. 540 Stellen wurden in diesem Jahr neu besetzt; neun von allen ausgeschriebenen Stellen sind noch offen, weniger als zwei Prozent. Über Lehrermangel klagt die Schulbehörde daher bislang nicht, allerdings über sogenannte Mangelfächer. In den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaft und Technik fehlen Lehrer. Und perspektivisch rechnet auch der Stadtstaat mit einem höheren Bedarf.

Schulsenator Raabe lässt seit ein paar Jahren etwas mehr Lehrer einstellen, als unbedingt notwendig, zum Beispiel um Flüchtlinge zu unterrichten. Auf diese Reserve setzt Hamburg nun sowie auf seinen Metropolenstatus, der die Stadt bei Lehrfachkräften beliebt macht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.09.2017 | 16:20 Uhr

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