Stand: 10.02.2016 17:36 Uhr

Flügelaltäre: Zur Fastenzeit wird zugeklappt

von Daniel Kaiser

Den Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch kann man in vielen alten Kirchen in Norddeutschland sogar sehen. Denn dort werden die mittelalterlichen Flügelaltäre zugeklappt. Zum Vorschein kommen dann eher schlichte Bilder von der Altar-Rückseite. Auch das sind kostbare Kunstwerke.

Pause für den Goldrausch

Die prächtigen Schnitzereien verschwinden

Es quietscht und knarzt in der Lübecker Marienkirche. Das Geräusch hallt in der leeren Kathedrale lange nach. Zu zweit müssen sie die mächtigen Flügel des Altars in Zeitlupe schließen. Eben noch strahlte der berühmte Antwerpener Altar mit Szenen aus dem Leben und Sterbens Mariens als Goldrausch aus dem Mittelalter. "Es wirkt wie viele kleine Puppenstuben, in die Figuren hineingestellt sind", schwärmt Pastorin Annegret Wegner-Braun. Ein besonderes Highlight für Touristen ist dabei immer ein Apostel in Goldgewand, der scheinbar mit Sonnenbrille am Sterbebett Mariens sitzt - die Antwerpener Künstler haben einem Heiligen tatsächlich eine Brille auf die Nase geschnitzt. "Und wenn man das Ganze zuklappt, sieht man die ganze, prächtige Schnitzarbeit nicht mehr, sondern nur noch die Rückseite mit auf Holz gemalten Bildern."

Von der himmlischen in die irdische Sphäre

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Die goldene Seite des Flügelaltars in St. Marien in Lübeck wird bis Ostern nicht zu sehen sein.

Der Altar ist dann zwar immer noch ein Hingucker. Die Gemälde sind aber deutlich schlichter. "Wir haben die goldene Seite geschlossen, weil wir auch das Auge zum Fasten bringen wollen", erklärt Pastor Robert Pfeifer. "Statt der himmlisch-goldenen haben wir jetzt eine schlicht bemalte Ansicht, die ganz irdische Szenen darstellt. Wir kommen von der himmlischen in die irdische Sphäre." Am Aschermittwoch beginnt die Passionszeit, die erst in der Osternacht endet. Erst dann werden die Altäre wieder feierlich geöffnet. Jetzt hat man sieben Wochen lang die Chance, Kunstwerke zu sehen, die den Rest des Jahres verborgen sind. Manchmal werden die Altäre allerdings auch in der Adventszeit verschlossen.

Sitzt, wackelt und hat Luft

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Um die schweren Flügel des Altars bewegen zu können, muss Restauratorin Ewa Giluń auf den Altar klettern.

In der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi gibt es heute besonders viel zu tun. Hier stehen nämlich gleich drei prächtige Flügelaltäre aus dem Mittelalter. Die Restauratorin Ewa Giluń hat sich Samthandschuhe übergezogen, um auf dem kostbaren Holz nicht einmal Fingerabdrücke zu hinterlassen. Sie hat ihre Schuhe ausgezogen, klettert auf den Altar und greift an seine mächtigen Flügel. Ganz verschließen kann sie ihn nicht. "Die Flügel sind so schwer, dass sich die Scharniere verzogen haben", erklärt sie. Trotzdem: Es sitzt, wackelt und hat Luft. Auch bei diesen Altären kommen jetzt die Kostbarkeiten von der Rückseite zum Vorschein: Wunderschöne Gemälde, die das Thema des Altars aufnehmen. Pastorin Andrea Busse ist begeistert. "Die Menschen kommen rein und stutzen. 'Huch! Was ist denn hier los?'", lacht sie. "Das verändert den Raum sehr. Wenn die Flügel zugeklappt sind, ist der Altar auch nur noch halb so groß."

Luxus-Schränke aus dem 15. Jahrhundert

Ein bisschen erinnert so ein verschlossener, kompakter Altar an eine Schrankwand aus dem Möbelkatalog. Das ist kein Zufall, sagt Restauratorin Ewa Giluń. "Im Mittelalter haben dieselben Schreiner, die auch Schränke hergestellt haben, diese Altäre erschaffen. Das verleitet manche Menschen leider heute dazu, die Altäre so wie Schränke zu öffnen und dabei machen sie alles noch viel kaputter", seufzt die Restauratorin mit den Samthandschuhen.

Psychedelisches in Ochsenwerder

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Üppig: Zu den bunten Schnitzereien im Inneren des Altars in der St.-Pankratius-Kirche in Hamburg-Ochsenwerder gehört auch diese Figur.

Besonders drastisch ist der Vorher-Nachher-Effekt in der Kirche St. Pankratius in den Hamburger Marschlanden. Pastor Andreas Meyer-Träger steht vor der knallbunten Festtagsseite des kostbaren Altars, den Hein Baxmann 1632 schuf. Man spürt, die Bewohner des Dorfes wollten damals nicht kleckern, sondern klotzen. Man sieht leuchtend rote Blumen, Engelsflügel in Signalfarben und auch die Dächer Jerusalems in der Kreuzigungsszene wirken fast psychedelisch. Sogar eine barbusige Frau schaut dem Pastor ins Gesicht, wenn er vor dem Altar steht und betet. Jetzt macht dieses Leuchten sieben Wochen Pause. "Die Scharniere müssten wirklich geölt werden", lacht Meyer-Träger, denn die Flügel quietschen, als er sie vorsichtig schließt und auch hier dezente, eher dunkle Ölbilder zum Vorschein kommen lässt. Die Kirche bekommt eine andere Ausstrahlung, wie auch die Gottesdienst-Liturgie der Passionszeit reduziert ist und beispielsweise auf das "Halleluja" verzichtet.

Sieben Wochen ohne Glanz

Manche Kirchengemeinden verbinden das Schließen ihrer Altäre mit einer kleinen Zeremonie. In der Lübecker Marienkirche haben sich morgens früh um 8 Uhr eine Handvoll Gläubige zu einer kleinen Andacht getroffen, um unter Orgelmusik in einer kleinen Prozession von Altar zu Altar zu ziehen. In Ochsenwerder findet die Feier am Abend des Aschermittwochs statt. "Zunächst verbrennen wir die getrockneten Palmzweige des Palmsonntags vom letzten Jahr", erklärt Pastor Andreas Meyer-Träger. "Mit der Asche zeichne ich denen, die wollen, ein Kreuz auf die Stirn - ein Zeichen der Buße. Und danach schließen wir dann den Altar." Man spürt: Mit dem Aschermittwoch beginnt hier nicht nur ernährungstechnisch sondern auch geistlich und künstlerisch eine neue Zeit. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 10.02.2016 | 19:00 Uhr