Stand: 28.11.2017 10:45 Uhr

"Tod eines Handlungsreisenden" im Thalia

"Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller wurde 1949 mit dem Pulitzer-Preis für Theater ausgezeichnet. In der Inszenierung am Thalia Theater spielt Kristof Van Boven die Hauptrolle.

Am Sonnabend hat das Drama "Tod eines Handlungsreisenden" nach Arthur Miller am Hamburger Thalia Theater Premiere gefeiert. Kristov Van Boven spielt den Vertreter Willy Loman. Das Stück ist ein moderner Klassiker, spätestens seit der Verfilmung von Volker Schlöndorff mit Dustin Hoffman ein Welthit. Sebastian Nübling hat das Drama vom Ende des amerikanischen Traums auf die Bühne des Thalia Theaters gebracht. Peter Helling war da.

Das Stück aus dem Jahr 1949 ist doch eigentlich wieder brandaktuell, oder?

Peter Helling: Kann man wohl sagen. Es geht darum, dass Menschen ihr ganzes Leben lang arbeiten und es nicht schaffen, dem amerikanischen Traum - vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird - gerecht zu werden und an der Wirklichkeit scheitern. Der Tellerwäscher ist hier ein Vertreter, Willy Loman, der hat sein ganzes Leben lang gearbeitet, um sein Haus abzubezahlen. Er hat zwei längst erwachsene Söhne, die leben noch bei ihm zu Hause. Biff und Happy - und auf diese beiden Söhne projiziert er nun all seine Träume. Sie müssen dieses Versprechen des amerikanischen Traums einlösen. Aber leider scheitern dann alle daran. Willy bringt sich am Ende sogar um, um aus der eigenen Lebensversicherung noch so ein bisschen Geld für seine Familie zu bekommen.

Wie wird das im Thalia Theater gezeigt?

Helling: Der noch ziemlich junge Schauspieler Kristof Van Boven spielt Willy Loman - er ist wirklich großartig. Ein zappelnder kleiner Spießer mit Kassengestell und braunem Trainingsanzug. Kristof Van Boven sitzt da, mit einer Papp-Box auf dem Schoß. Solche Menschen sah man oft in der Finanzkrise 2008, als Banker reihenweise gefeuert wurden und mit dieser Papp-Box auf die Wallstreet traten. Das Publikum war vor allem von der schauspielerischen Leistung von Van Boven begeistert - vor allem dass ein junger Mann so überzeugend einen alten spielen kann.

Willy Lomans Sohn, gespielt von Sebastian Rudolph, ist ein in die Jahre gekommener Ex-Footballspieler, der mit Tattoos geradezug übersät ist. Immer wieder fällt er vom Blitzschlaf übermannt auf den Boden. Regisseur Sebastian Nübling stellt sich wohl so den sozial unterprivilegierten "Loser" vor. Und den unerreichten amerikanischen Traum, den zeigt der Regisseur überdeutlich durch eine Gruppe Footballspieler, die immer wieder auf die Bühne stürmt und Sprüche skandiert wie "Du musst erfolgreich sein", "Du musst es schaffen".

Also, das hört sich schon sehr plakativ an.

Helling: Das ist es auch: Anstatt mit diesen starken Schauspielern ein echtes Psychodrama zu liefern, zeigt die Regie nicht gerade raffinierte Bilder vom bösen Kapitalismus: Da rutscht Sebastian Nüblings Abend endgültig ins Zeige-Theater. Der Kapitalismus, er wird auch dargestellt durch eine langbeinige Table-Dancerin, die mit Monstermaske an den Bühnenrand tritt und grimmig ins Publikum starrt. Willys Ehefrau Linda, eigentlich eine ganz gefühlvolle Figur, raucht eine Zigarette nach der nächsten und starrt mit leerem Blick in den Saal. Und es gibt auch eine ferngesteuerte Tischtennisplatte.

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

1915: Der Geburtstag des amerikanischen Dramatikers Arthur Miller

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 17 Oktober 1915 wurde der Dramatiker Arthur Miller geboren. Seine Stücke wie "Tod eines Handlungsreisenden" und "Hexenjagd" zählen heute zu den Klassikern.

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Eine ferngesteuerte Tischtennisplatte?

Helling: Ja, und zigtausend Tischtennisbälle, die über die Bühne rollen. Ich hab keine Ahnung, warum. Bei so vielen Requisiten werde ich immer ein bisschen misstrauisch. Ich finde, die zeigen meistens, dass das Regieteam etwas ratlos war. Der Text verlangt von Regisseuren viel ab, die können sich sozusagen nicht selbst verwirklichen, sie müssen den Figuren sehr genau auf den Puls fühlen, sonst funktioniert es gar nicht.

Geht denn irgendwas an diesem Theaterabend unter die Haut, was berührt?

Helling: Ich finde, gar nicht. Er lässt einen total kalt, weil die Schauspieler keine Spur Zuneigung zeigen dürfen - im Zweifel schreien sie sich dann einfach an. Und diese Eiseskälte lässt den Abend erfrieren - es wird fürchterlich langweilig. Arthur Millers Figuren brauchen widerstreitende Gefühle - und eine im Gegenwartstheater fast altmodische Forderung: Diese Figuren müssen auch die Fähigkeit haben, zu lieben. Sonst sagt man sich irgendwann: Soll der Familientyrann Willy Loman doch einfach umkommen! Der Abend wird also hier zu einem spröden Aufsage-Drama vom Loser in der bösen kapitalistischen Welt. Auch das Publikum reagierte durchaus gemischt auf diesen Abend.  

Das Gespräch führte Patricia Seeger.

"Tod eines Handlungsreisenden" im Thalia

"Tod eines Handlungsreisenden" ist Arthur Millers bekanntestes Theaterstück. Regisseur Sebastian Nübling feierte mit dem Drama um den Vertreter Willy Loman Premiere am Thalia Theater.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 32 81 44 44
Preis:
10 bis 52 Euro
Öffnungszeiten:
Tageskasse am Alstertor
Mo bis Sa von 10 bis 19 Uhr
So-/Feiertage 16 bis 18 Uhr
Hinweis:
"Tod eines Handlungsreisenden"

Regie: Sebastian Nübling
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Julia Lochte

Kristof Van Boven (Willy Loman)
Marina Galic (Linda)
Sebastian Rudolph (Biff)
Rafael Stachowiak (Happy)
Alicia Aumüller (Die Frau / Howard Wagner / Miss Forsythe)
Tim Porath (Bernard / Charley / Stanley)
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 27.11.2017 | 19:00 Uhr

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