Stand: 21.09.2017 18:12 Uhr

Documenta 14 - ein trauriges Desaster?

von Claudia Christophersen
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NDR Kultur Redakteurin Claudia Christophersen meint, die kuratorische Freiheit dürfe nicht so weit gehen, dass damit die Zukunft der documenta insgesamt in Gefahr gerät.

Verzockt, verplant, verspielt. Es wäre schade, wenn am Ende dieser fade Dreiklang übrig bliebe. Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter, hatte Großes vor mit seiner documenta: kritisch, politisch, weitsichtig, allumfassend - einfach ganz anders sollte die 14. Ausgabe der renommierten Weltausstellung für zeitgenössische Kunst sein. Als die 163 documenta-Tage letzten Sonntag nun zu Ende gingen, musste am Schluss die Jubel-Party ausfallen, weil schlicht kein Cent mehr übrig war. Vielleicht war den Verantwortlichen auch das letzte Fünkchen Feierlaune vergangen. In der letzten Woche hatte sich die Hiobsbotschaft angekündigt - eine verheerende Bilanz: das Budget mit rund sieben Millionen Euro überzogen, knapp an der Insolvenz vorbei, wären nicht Stadt und Land mit Bürgschaften eingesprungen.

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Was ist nur schief gelaufen bei dieser "d14"? Angefangen hatte es so hoffnungsvoll. Eine völlig neue documenta sollte es werden. Kassel hatte einen gleichberechtigten Schauplatz bekommen: Athen. Mit dieser Idee war Szymczyk angetreten, konnte alle überzeugen, die für ihn votiert hatten. Der Eröffnungsstandort Athen war innovativ: moderne Gegenwartskunst bis dato dort nahezu ein Stiefkind, Griechenland gebeutelt von der Schuldenkrise und den auferlegten Sparprogrammen. Ab März schaute die Welt für ein paar Wochen, und sei es "nur" die Kunstwelt, mit einem anderen, neugierigen, leichteren Blick auf das Land. Und vielleicht war es eben dieser Blick, der das sich anbahnende Finanzchaos nicht wahrhaben wollte.

Was für Athen funktionierte - für Kassel funktionierte es nicht

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"Von Athen lernen" - damit hatte Szymczyk seine documenta überschrieben. Zurückhaltend sollte dieser Satz gemeint sein, bloß nicht mit Deutungshoheiten nach Athen reisen, erst recht nicht aus deutscher Perspektive, das hatte Herr Schäuble ja schon gemacht. Für Griechenland mag das funktioniert haben. Für Kassel funktionierte es nicht. Experimentierfreude, Exotik, Extra-Ideen sind für eine Hochglanz-Ausstellung wie die documenta zu wenig. Erst recht, wenn sich die Irrungen und Wirrungen der Kuratoren, auch der Künstler, in einem bunten Knäuel von Kunstfantasien verstricken. Immer wieder haben ausgewiesene Kritiker in den Feuilletons gefragt: Was soll das, was ist das, was heißt das? Klar, Kunst muss nicht gefallen, bedient keine Komfortzone, Kunst soll verstören. Wenn aber die Werkauswahl und die Qualität der Kunst zweifelhaft und rätselhaft erscheinen, dann darf Kritik angemeldet werden. Die documenta ist weder ein Bazar für indigene Kunst noch ein Forum für geschmacklose Performance-Aktivitäten. Schlechtestes Beispiel: "Auschwitz on the beach" - ein Programmpunkt, bei dem die Veranstalter im letzten Moment noch halbwegs die Reißleine gezogen und die Aktion zumindest umbenannt hatten.

Natürlich gab es auch Gutes. Von allen Seiten hochgelobt wurde Marta Minujins "Parthenon der Bücher". Wahrscheinlich wird es das Kunstwerk der documenta 2017 sein, das haften bleibt. Auf unzähligen Fotos wurde es festgehalten. Und wieder hat das Sinnbild der Demokratie zu tun - mit Athen.

Also, Athen - war gut, war experimentell, war mutig. Die kuratorische Freiheit darf aber nicht so weit gehen, dass damit die Zukunft der documenta insgesamt in Gefahr gerät.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.09.2017 | 19:00 Uhr

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