Stand: 13.09.2015 14:21 Uhr

Schnörkellos modern: "Dreigroschenoper" am Thalia

von Heide Soltau

Bertolt Brecht war 30, als er "Die Dreigroschenoper" schrieb und damit 1928 einen Überraschungserfolg landete. Der Regisseur Antú Romero Nunes, der das Stück zum Saisonauftakt am Hamburger Thalia auf die Bühne brachte, ist kaum älter und gilt als begabter Spielleiter. 2010 wurde er Nachwuchsregisseur des Jahres. Am Thalia Theater inszenierte der 32-Jährige unter anderem "Moby Dick" und zuletzt den "Ring". Am Sonnabend war Premiere für seine Inszenierung von Brechts Klassiker.

Was für ein Fest! Und das ganz ohne Ausstattungsplunder, ohne die übliche Bettlerfolklore ohne Spelunkenschick, die sündigen Kleidchen der Prostituierten. Die Bühne ist schwarz und leer, die Schauspieler und die Musiker im Hintergrund tragen blauen Arbeiterdrillich, Hosen und formlose Jacken über weißen Unterhemden, dazu eine Schirmmütze und eine runde, schwarze Brille. Sie sehen aus wie Brecht. Und so lässt Regisseur Nunes die Schauspieler auch sprechen, mit dem knarzenden, brecht-typischen R, wenn sie dessen Regie- und Szenenanweisungen und aus den Anmerkungen zur "Dreigroschenoper" zitieren.

Darsteller kommentieren das Bühnengeschehen

"Wir befinden uns also in der Bettlergarderobe von Jonathan Jeremiah Peachum: rechts eine Treppe, links Boxen zum Umkleiden ..." Mit diesem Regieeinfall zu Beginn des Abends stellt Nunes die Weichen. Er nimmt Brecht und seine Theorie vom epischen Theater beim Wort. Brecht wollte nicht, dass sich Schauspieler mit ihrer Figur identifizieren. Sie sollten immer wieder aus ihrer Rolle aussteigen, sich an die Zuschauer wenden und das Geschehen auf der Bühne kommentieren. Der Regisseur treibt dieses Prinzip auf die Spitze, indem er auf alle Hilfsmittel wie Requisiten und Kostüme verzichtet. Die müssen die Schauspieler pantomimisch darstellen.  

Eine Welt ohne bürgerliche Moralvorstellungen

"Die Dreigroschenoper" erzählt von den Auswüchsen des Kapitalismus, von Korruption und Gewalt, Diebstahl, Bettelei und Prostitution. Von einer Welt, in der die bürgerlichen Moralvorstellungen nicht mehr gelten. Geld regiert die Welt. Es geht um zwei Männer und ihre verbrecherischen Geschäfte. Um Jonathan Peachum, der am Mitleid Geld verdient, indem er arme Leute zum Betteln schickt und hohe Provision von ihnen verlangt. Und es geht um den Gangster Mackie Messer, der von Diebstahl, Raub und Mord lebt, aber andere für sich die Drecksarbeit machen lässt. Er selbst ist ein notorischer Schürzenjäger, aber auch ein Kerl, bei dem die Frauen schwach werden. Polly, Peachums Tochter erliegt seinem Charme. Sie fasziniert das Unangepasste.

Und ich wusste nicht, was ich tat.
Und als er kein Geld hatte
Und als er nicht nett war
Und sein Kragen war auch am Sonntag nicht weiß,
Und als er nicht wusste, was sich bei einer Dame schickt
 Zu ihm sagte ich nicht Nein
Da behielt ich meinen Kopf nicht oben
Und ich blieb nicht allgemein.
Textauszug "Barbarasong"

Die Dreigroschenoper enthält keine feinsinnigen Dialoge, die Handlung ist holzschnittartig. Wahrheit und Poesie enthalten die Songs und Balladen, die Power steckt in der Musik von Kurt Weill.

Soldaten wohnen
Auf den Kanonen
Vom Cap bis Couch Behar.
Wenn es mal regnete
Und es begegnete
Ihnen 'ne neue Rasse
'ne braune oder blasse
Da machen sie vielleicht daraus ihr Beefsteak Tatar.
Textauszug "Kanonensong"

Regisseur Nunes setzt komische Momente in Szene

Die Inszenierung enthält sich platter Kommentare. Regisseur Nunes hat gut daran getan, auf Bezüge zur Gegenwart zu verzichten. Die erschließen sich jedem auch so, die muss man nicht extra herausstellen: die schmutzigen Kriege, die Bettlermafia, die organisierte Kriminalität, die Kungelei mit der Polizei. Er hat die komischen Momente herausgearbeitet und mit viel Witz in Szene gesetzt. So zum Beispiel das Eifersuchtsduett zwischen Polly Peachum und ihrer Nebenbuhlerin Lucy, das er als Opernpersiflage auf die Bühne bringt - mit einer klassischen Sängerin.

Ein Abend von wunderbarer Leichtigkeit

"Eifersucht", stöhnt Lucy und reißt wie eine große Diva die Arme gen Himmel. So gewinnt der Abend eine wunderbare Leichtigkeit. Die Thalia-Schauspieler sind hinreißend. Allen voran Jörg Pohl als Peachum und Franziska Hartmann als Spelunken-Jenny. Dass manche Übergänge noch etwas hakten, war der Premiere geschuldet. Das wird sich einspielen. Der Abend endet märchenhaft klassisch in der Illusion. Die Schauspieler legen ihre Kittel ab und schlüpfen in hübsche Kostüme. Da stehen sie, brave Bürger, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Dann erscheint der reitende Bote und begnadigt den zum Tode verurteilten Mackie Messer und erhebt ihn in den Adelsstand. Und am Schluss steht wirklich ein Pferd auf der Bühne. Begeisterter Beifall.

"Und der Haifisch, der hat Zähne ..."

Weitere Informationen

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