Stand: 16.03.2017 14:22 Uhr

Olga Grjasnowa unterwegs in fremden Welten

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Als Elfjährige kam Olga Grjasnowa mit ihrer Familie nach Hessen. Heute lebt sie in Berlin.

Nach Syrien führt Olga Grjasnowa ihre Leser in ihrem neuen Roman "Gott ist nicht schüchtern". Darin erzählt sie vom Ausbruch des Bürgerkriegs und der abenteuerlichen, oft tödlichen Flucht über das Meer. Mit vielen Augenzeugen hat sie gesprochen - und mit ihrem Mann, der ebenfalls aus Syrien stammt. Dass aus diesem Projekt ein Roman werden würde, war der Autorin lange nicht klar. Sie habe einfach irgendwann zu schreiben angefangen, "weil es für mich der einzig mögliche Weg ist, über etwas nachzudenken". NDR Kultur Autorin Katja Weise hat mit Olga Grjasnowa über ihr neues Buch gesprochen.

Ich war relativ verblüfft, als ich angefangen habe, Ihren neuen Roman "Gott ist nicht schüchtern" zu lesen. In den beiden Vorgängern "Der Russe ist einer, der Birken liebt" und "Die juristische Unschärfe einer Ehe" gibt es eine sehr deutliche Verbindung nach Aserbaidschan, wo Sie 1984 geboren sind. Und jetzt lande ich plötzlich in Syrien. Wie ist es dazu gekommen?

Olga Grjasnowa: Ich habe vor vielen Jahren meinen Mann kennengelernt, der aus Syrien stammt. Dann habe ich mehr und mehr Geschichten über Syrien gehört und habe angefangen, mich selber damit auseinanderzusetzen, was da passiert, wie es dort politisch und vor allem historisch aussieht. Ich habe gemerkt, dass mir sehr viel historisches und kulturelles Wissen gefehlt hat, und das wollte ich zumindest ein wenig aufholen. So kam eins zum anderen.

Buchtipp

Ein Land, das es nicht mehr gibt

In Olga Grjasnowas Geschichte "Gott ist nicht schüchtern" werden Amal und Hammoudi zu Vertrauten, denen in Syrien und auf der Flucht nach Deutschland Ungeheures widerfährt. mehr

Als diese Fluchtbewegungen in Richtung Europa einsetzten, war das etwas, was ich aus meiner Kindheit sehr gut kannte, und zwar aus den Erinnerungen meiner Großmutter. Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, war sie 14 und ist von Weißrussland nach Baku mit ihrem neunjährigen Bruder geflohen - zwei Kinder allein auf der Flucht. Für mich war das immer eine der prägendsten Erinnerungen meiner Kindheit: immer weider die Erinnerungen an diese Flucht und an den Holocaust, wie es sich damals zugetragen hat, vor allem aus der Sichtweise meiner Großmutter.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich tatsächlich darüber schreiben sollte, erst mal nur für mich. Das war noch nicht der Gedanke, später einen Roman daraus zu machen. Für mich ist der einfachste und der einzig mögliche Weg, ernsthaft über etwas nachzudenken, wenn ich darüber schreibe. Irgendwann hatte ich ein halbfertiges Manuskript und musste mir eingestehen, dass ich tatsächlich einen Roman über Syrien schreiben möchte.

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Ich bin überrascht, dass Sie nur von Ihrer Großmutter sprechen, weil Sie selbst als Elfjährige mit Ihren Eltern aus Baku nach Deutschland gekommen sind. Das hat aber für Sie nicht den Charakter einer Flucht gehabt?

Grjasnowa: Das war überhaupt keine Flucht. Offiziell hießen wir jüdische Kontingentflüchtlinge, aber im Vergleich zu einer richtigen Fluchtgeschichte, wie zum Beispiel jetzt mit den Flüchtlingen aus Syrien, war das eine unglaublich priviligierte Art der Auswanderung. Am ehesten sind wir das, was man in den Medien als Wirtschaftsmigranten bezeichnet. Es hat natürlich recht lange gedauert, bis wir ein Visum bekommen haben, und es war recht aufwendig, aber im Prinzip konnten wir ins Flugzeug steigen, sind in Deutschland ausgestiegen und alles war geregelt. Wir hatten von Anfang an eine Aufenthaltsgenehmigung, wir mussten nie um unseren Aufenthalt in Deutschland bangen oder eine gefährliche Flucht hinter uns bringen oder irgendetwas, was nur den Anschein einer Flucht hatte. Deswegen würde ich auch nie auf den Gedanken kommen, das mit meiner eigenen Migrationserfahrung zu vergleichen.

Ich stelle es mir schwer vor, zu einer Geschichte eine Haltung zu entwickeln, die so schwer ist und von so viel Grauen und Tod erzählt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Grjasnowa: Irgendwann war es tatsächlich das tägliche Leben. Die Nachrichten kamen täglich von immer mehr Todesfällen und von Riesenunglücken. Man konnte dem eigentlich nicht entkommen, selbst im sicheren Europa. Wir wurden ständig mit Nachrichten konfrontiert, mit Lebensgeschichten, und es gab kein Entrinnen. Die ganzen Geschichten sind nicht wirklich neu - die gibt es in jeder Familie. Die gibt es nicht unbedingt in jeder Generation, aber zumindest eine erzählte Generationserfahrung gibt es in jedem von uns. Das ist leider etwas sehr Aktuelles und etwas Immerwährendes, was sich immer wieder ereignet. Nach jedem Krieg sagen wir "Nie wieder", aber trotzdem dauert es nicht lange, bis dieses "Nie wieder" gebrochen wird.

Veranstaltungen

Olga Grjasnowa liest in Hannover

30.04.2017 20:00 Uhr

Olga Grjasnowa stellt ihren neuen Roman "Gott ist nicht schüchtern" vor. Sie erzählt von Hammoudi und Amal, die sich nach ihrer Flucht in Berlin begegnen. mehr

Das klingt sehr pessimistisch.

Grjasnowa: Ich habe im Sommer vor zwei Jahren den Glauben an die Menschheit verloren.

Sie erzählen in dem Buch sehr konkret das, was in Syrien passiert ist. Sie erzählen von Folter, von diesem Arzt, der unter Lebensgefahr versucht, die Menschen, die gegen Assad kämpfen, irgendwie zu retten. Sie erzählen von der Schauspielerin, die auf Demonstrationen gegen Assad geht und im Gefängnis sehr rüde behandelt wird und nur wieder herauskommt, weil ihr Vater viel Geld hat und sie freikauft. Sind das alles Dinge, die sie aus Erzählungen zusammengesetzt haben?

Grjasnowa: Ja. Das Buch beruht auf sehr vielen Recherchen. Ich habe Interviews geführt mit Leuten, die ich vorher ganz gut kannte und mit Leuten, die ich erst durch das Buch kennengelernt habe. Es gab auch einen Aufruf im Internet, ob Leute bereit wären, mir ihre Geschichten zu erzählen, wo es immer klar war, dass es keine journalistische Arbeit werden würde, sondern eine literarische. Ich hatte das große Glück, dass sich sehr viele Menschen bereit erklärt und mir sehr viel erzählt haben. Aber viele Geschichten sind im Buch weit entfernt von der Wirklichkeit, weil sie sehr harmlos wirken. Ich wollte keine Gewaltorgie darstellen. Es ist sehr viel Gewalt präsent im Buch, aber es geht nur soweit, dass man zumindest die Hintergründe versteht und die konkrete Bedrohung im Land und außerhalb des Landes. Mir ging es nicht darum, alle Schrecklichkeiten aufzulisten und darzustellen - da gibt es genügend Dokumente drüber.

Sie haben gesagt, um Dinge zu verarbeiten, müssten Sie darüber schreiben. Was wollen Sie noch mit dem Buch?

Grjasnowa: Dinge verstehen, nicht unbedingt verarbeiten. Ich habe bei mir festgestellt, es muss möglichst weit weg von meinem eigenen Leben und von meinem eigenen Erfahrungsschatz sein, weil ich dann nicht kaltblütig genug bin beim Schreiben. Dann versinke ich in Selbstmitleid. Wenn mir die nötige Distanz dazu fehlt, bin ich nicht ehrlich genug, und das klappt dann auch nicht beim Schreiben. Deswegen muss es immer etwas sein, was möglichst weit weg von meinen eigenen Erfahrungen, von meinem privaten Leben ist.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 17.03.2017 | 13:00 Uhr

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