Stand: 13.01.2017 17:00 Uhr

Der unbekannte Vorgänger der Elbphilharmonie

Bislang ist die Geschichte schnell erzählt: Der Entwurf der Elbphilharmonie ist demnach auf einen Geniestreich der Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron zurückzuführen. Die Schweizer hatten die Idee, den gewünschten Konzertsaal als einen Glasbau oben auf den historischen Kaispeicher A zu setzen. Als sie ihr Modell im Sommer 2003 der Öffentlichkeit vorstellen, feiert Hamburg den Plan als großen Wurf. Die Geburtsstunde der Elbphilharmonie! So oder so ähnlich ist die Geschichte immer wieder in Hamburg zu hören. Aber ein Kapitel fehlt. Denn die beiden Architekten aus der Schweiz sind nicht die Ersten gewesen, die auf dem Kaispeicher einen geschwungenen Glaskörper vorgesehen haben. Ein weithin unbekanntes Architekten-Duo aus Berlin präsentierte die Idee schon zwei Jahre vor ihnen. Das weiß nur niemand mehr.

Große Pläne für den Kaispeicher A

Neue Ideen für den Kaispeicher

Die Berliner Architekten Gruber + Popp sind keine Stars wie Herzog & de Meuron. Sie haben nicht Hunderte Angestellte, die Projekte in aller Welt stemmen. Sie haben lediglich zehn Mitarbeiter. Ihr Büro liegt auf dem Gelände eines früheren Heizkraftwerks an der Spree. Im ersten Stock. Dort ist die Idee geboren, von der hier die Rede sein soll. Doris Gruber und Bernhard Popp zerbrechen sich im Frühjahr 2001 den Kopf über den Kaispeicher A im Hamburger Hafen. Zu dieser Zeit ist für das Gelände der sogenannte MediaCityPort geplant - ein Hochhaus für die digitale Wirtschaft. Mit vielen Büros und einigen Lofts. Dazu ein Fitnesscenter, Shops, Restaurants und eine Akademie. Ein Internationaler Architekten-Wettbewerb ist ausgelobt. Gruber und Popp machen mit.

Ein Hochhaus oder keins?

Auch andere Büros reichen ihre Pläne für den MediaCityPort ein. 116 Entwürfe sind es insgesamt. Alle sehen ein Hochhaus auf dem Kaispeicher-Gelände vor - nur eine Idee fällt aus dem Rahmen: Doris Gruber und Bernhard Popp schlagen vor, die Büros nicht in einen Turm zu packen - sondern oben auf das frühere Lagerhaus. Die Idee ist bestechend. Aber die Hafencity-Planer sind fixiert auf einen Glasturm. "Damals war ein Hochhaus explizit gefordert," erinnert sich Doris Gruber bei einem Treffen mit NDR.de. "Aber wir hielten die Hochhaus-Idee an dieser Stelle für falsch. Ein Hochhaus hätte den Kaispeicher entwertet." Beide Bauten würden darum konkurrieren, welches die Spitze der Landzunge prägt. "Mit dem Glasbau auf dem historischen Backsteinbau wollten wir dem Kaispeicher neues Leben einhauchen, ohne dass ihm durch ein Hochhaus die Dominanz genommen wird", sagt Gruber.

"Fast ein heiliger Ort"

Beide Berliner Architekten erinnern sich noch gut daran, als sie im Frühjahr 2001 für eine Ortsbesichtigung nach Hamburg reisten. "Der Kaispeicher hat uns umgehauen", sagt Bernhard Popp. "Für uns war es fast ein heiliger Ort." So machen sie sich mit großem Elan daran, ihren Vorschlag für eine Erweiterung des Kaispeichers auszuarbeiten. Die Ähnlichkeit mit der heutigen Elbphilharmonie ist frappierend. Sogar eine öffentliche Aussichtsplattform zwischen dem Altbau und dem Neubau haben die Berliner Architekten vorgesehen. So wie es sie heute gibt. Gemeint ist die Plaza, die im November 2016 eingeweiht worden ist.

Aber das Kaispeicher-Projekt ist für Gruber und Popp nach wenigen Monaten wieder vorbei. Zwar landen sie bei dem Architekten-Wettbewerb für den MediaCityPort unter den ersten zehn (ein Achtungserfolg), aber sie schaffen es im Herbst 2001 nicht in die engere Auswahl. Und so gerät ihr Entwurf schnell in Vergessenheit.

Ein Freundschaftsdienst

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Der Hamburger Projektentwickler Alexander Gérard hatte die Idee, den Kaispeicher A zum Konzerthaus umzubauen - und er holte Herzog & de Meuron an Bord.

Auch Herzog & de Meuron sollten beim Wettbewerb für den MediaCityPort im Hamburger Hafen mitmachen. Sie sind zumindest eingeladen. Aber sie verzichten. Der geplante Bürobau reizt sie nicht. Und so befassen sie sich erst Ende 2001 - nach dem Wettbewerb - zum ersten Mal mit dem Kaispeicher A. Und zwar als eine Art Freundschaftsdienst: Ihr früherer Studienkollege Alexander Gérard aus Hamburg reist kurz vor Weihnachten 2001 nach Basel. Er ist derjenige, ohne den es die Elbphilharmonie nicht geben würde. Der Projektentwickler und Musikfan bringt 2001 zusammen mit seiner Frau Jana Marko die Idee auf, in der Hafencity einen neuen Konzertsaal zu bauen - dort, wo der Kaispeicher A steht. Am spektakulärsten Ort im Hafen.

Ein Hahnenkamm auf dem Kaispeicher

Die Schweizer Architekten finden das Konzerthaus-Projekt auf Anhieb spannend. So erzählt es Gérard. "Bei unserem ersten Besuch in Basel haben wir ihnen eine Postkarte vom Kaispeicher A gezeigt. Jacques Herzog hat dann mit wenigen Strichen eine Art Hahnenkamm draufgezeichnet. Einfach um zu zeigen, dass die neue Nutzung über den historischen Bau hinausragen solle." Bis zum ersten richtigen Entwurf der Elbphilharmonie aber verstreicht noch mehr als ein Jahr.

Zunächst reisen Gérard und Marko um die Welt, um sich insgesamt 30 Konzertsäle anzuschauen. Sie sprechen mit Intendanten und Akustikern. Welches ist der beste Konzertsaal? Welche Fehler gilt es zu vermeiden? Zurück in Hamburg werben sie für ihren Traum. Zunächst vergeblich. Was auch kein Wunder ist. Auf dem Kaispeicher-Gelände soll ja der MediaCityPort entstehen. Inzwischen ist sogar der Abriss des historischen Lagerhauses für den Neubau geplant. Aber das Hamburger Ehepaar lässt sich nicht beirren. Sie mutmaßen, dass sich der MediaCityPort nicht verwirklichen lässt. Der Immobilienmarkt liegt zu der Zeit brach.

Ursprünglich sollte das Hotel in ein Hochhaus im Wasser

Was Gérard und Marko anfangs vorschwebt, hat wenig mit der Elbphilharmonie zu tun, wie sie heute zu sehen ist. Sie denken nicht an ein Konzerthaus auf dem Kaispeicher, sondern im Kaispeicher. Zusätzlich soll es einen modernen Turm geben, in dem ein Luxushotel und Luxuswohnungen Platz finden. Einfach um das Projekt finanzieren zu können. Dieses zweite Gebäude soll im Wasser stehen. So sehen es auch die frühen Entwürfe von Herzog & de Meuron aus dem Frühjahr 2003 vor. Gérard lässt sich die Pläne schicken, ist aber alles andere als begeistert. "Ein Hochhaus neben dem Kaispeicher wirkte einfach nicht", verrät Gérard im Gespräch mit NDR.de. Das hatten die Berliner Architekten Gruber + Popp schon zwei Jahre vorher festgestellt.

Erst spät kommt alles oben drauf

Dann kommen Herzog und de Meuron eines Tages mit der Frage: "Was ist, wenn alles obendrauf kommt?" Also Konzerthaus, Hotel und Wohnungen auf den Kaispeicher gesetzt werden. Das ist der Wendepunkt. "Anfangs war ich skeptisch, ob so eine Mischung aus öffentlichem Konzertsaal und einem privaten Teil mit Hotel und Wohnungen rechtlich überhaupt möglich ist", erinnert sich Gérard. Als sich das Rechtliche aber nicht als Hindernis erweist, dämmert ihm, dass sie nun auf dem richtigen Weg sind. Am 26. Juni 2003 ist der große Tag: Gérard stellt der Öffentlichkeit - zusammen mit Pierre de Meuron - den Entwurf für ein neues Konzerthaus im Hamburger Hafen vor. "Die Begeisterung war überall zu spüren", erinnert sich Gérard. Sogar im Ausland. "Eine leuchtende Krone für die Hafencity" titelt beispielsweise die "Neue Zürcher Zeitung".

Dieses Thema im Programm:

NDR Elbphilharmonie Orchester | 02.01.2017 | 22:00 Uhr

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