Stand: 04.08.2017 10:38 Uhr

"Der blinde Fleck" in der Bremer Kunsthalle

von Anette Schneider

Bremen war um 1900 Europas zentraler Umschlagplatz für "Kolonialwaren" aus aller Welt. Im Rahmen eines mehrjährigen Projektes hat die Bremer Kunsthalle als ersten Kunstmuseum in Deutschland erforschen lassen, welche Spuren die Kolonialzeit und deren Handelsbeziehungen im eigenen Bestand hinterlassen haben. Das Ergebnis ist die Ausstellung "Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit".

Exponate der Ausstellung "Der blinde Fleck"

Man stutzt. Was hat das Bild von Paula Modersohn-Becker mit Kolonialismus zu tun? 1905 malte sie ein Früchtestillleben mit einigen Äpfeln und Bananen darauf, das drei Jahre später die Bremer Kunsthalle ankaufte.  Kuratorin Julia Binter erklärt: "Aus heutiger Sicht verwundert das vielleicht gar nicht. Aber: Bananen wurden erst 1902 erstmals nach Deutschland eingeführt - über Bremen. Also: Bremen als der Umschlagplatz für Südfrüchte, für Kolonialwaren. Und dieser wirtschaftsgeschichtliche Kontext macht es überhaupt erst möglich, dass Paula Modersohn-Becker diese Bananen in ihrem Stillleben abbildet."

Kolonialhandel finanziert Kunst

Von solchen "blinden Flecken", die sich im Ausstellungskontext plötzlich in Augenöffner verwandeln, wimmelt die Ausstellung. Denn die Basis dieses ungewöhnlichen Projekts der Kultur- und Sozialwissenschaftlerin bilden zwei grundsätzliche Fragen: "Woher kam der Reichtum, der es den Bremer Kaufleuten ermöglicht hat, den Kunstverein 1823 zu gründen, und dann auch um die Jahrhundertwende die große Sammlung moderner Kunst zu stiften?" Und die zweite Frage war, inwieweit koloniale Weltbilder und koloniale Bilder sich in der Sammlung der Kunsthalle Bremen niedergeschlagen haben.

So steht man gleich zu Beginn der Ausstellung vor einer langen Bildergalerie der Bremer Unternehmer, die sich erst am Handel mit Sklaven bereicherten, dann am Handel mit Baumwolle, Kaffee, Tabak. Und weil man schon damals auf sein Image bedacht war, schenkte der Chef des Norddeutschen Lloyd, der mit dem Transport von Kolonialwaren zur zweitgrößten Reederei der Welt aufstieg, der Kunsthalle Bremen 1906 hunderte Holzschnitte aus Japan.

Die Überheblichkeit Europas

"Die Frage, die ich mir da gestellt habe, ist: Warum ist das die einzige außereuropäische Kunst, die in der Kunsthalle vertreten wird? Wo finden wir andere Kunstformen?", erzählt Kuratorin Binter. Die Antwort lautet: "Im Überseemuseum. Weil die damals während des Kolonialismus eben nicht als gleichwertig mit europäischer Kunst gesehen wurden." Dieser überhebliche Blick zog sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche und spiegelte sich auch in der Kunst: In einem Saal hängen expressionistische Gemälde von Nolde, Kirchner und Pechstein, die in leuchtenden Farben Masken und Skulpturen nach Objekten aus Afrika und Ozeanien malten.

Projektionsfläche für träumende Großstädter

Zwar waren diese Maler mit die ersten, die diese Objekte als Kunst wahrnahmen, doch ignorierten sie dabei, wie die Kunstwerke nach Europa gekommen waren, dass die weißen Unterdrücker sie den Besitzern oft abgepresst oder geraubt hatten. Denn, so Julia Binter: "Diese Kunst aus Afrika und Ozeanien hat als Projektionsfläche gedient für die eigenen Träume und Sehnsüchte. Also: Weg aus der urbanisierten Großstadt, raus aus den moralischen Zwängen der deutschen Gesellschaft, hin zu einem - wie sie glaubten - einem Paradies, in dem (es) sich sexuell freizügig, 'naturverbunden' leben ließ. Das hat natürlich nie der Realität entsprochen.

Kurze Wandtexte erläutern diese Realität, berichten von kolonialer Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung. Dann steht man vor Werbeplakaten der Bremer Reederei, die über 70 Jahre hinweg immer wieder das Bild der exotischen schönen Frau beschworen. Sie schrieben damit die Stereotypen und Rassismen fest, die bis heute nachwirken, und die zu der Überheblichkeit führten, die andere Kulturen nicht als gleichwertig anerkennt und einen Dialog von Gleich zu Gleich unmöglich macht.

Malen mit Pistole in der Hand

Die Wurzeln dazu liegen auch in der Entstehungsgeschichte scheinbar so harmloser Aquarelle, wie Emil Noldes Porträts von Menschen aus Papua Neuguinea. 1916 war Nolde dorthin gereist. Weil sich die Einheimischen jedoch nicht malen lassen wollten, zwang er sie eben dazu, berichtet Binter: "Emil Nolde hat ja zum Beispiel seine Tagebücher aus dieser Zeit veröffentlicht, wo er ganz genau sagt, dass er mit der Pistole im Anschlag gemalt hätte. Und wenn er nicht selbst die Pistole gehalten hat, war er in Begleitung der Schutztruppen. Also, die Idee des Paradieses, die ja sehr oft an Aquarelle von Emil Nolde herangetragen werden, haben mit der Situation, wie er gemalt hat, rein gar nichts zu tun."

Julia Binters eindrucksvolle "Schule des Sehens" gipfelt in dem Bruch mit der tradierten, einseitigen Täter-Opfer-Wahrnehmung der Kolonialzeit: Schließlich wehrten sich die unterdrückten Völker auch gegen die weißen Herren. Auch in der Kunst. Wie ein Sinnbild für diesen Befreiungskampf wirkt eine kleine Holzskulptur aus Papua Neuginea: Auf einem Pferd hockt windschief ein weißer Reiter - noch ein paar Schritte, und er stürzt.

"Der blinde Fleck" in der Bremer Kunsthalle

Welche Spuren hat der Kolonialismus in einer Kunstsammlung hinterlassen? Das zeigt die Ausstellung "Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit".

Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle Bremen
Am Wall 207
28195   Bremen
Preis:
Erwachsene: € 9,-, ermäßigt € 5,-
Öffnungszeiten:
Mi bis So 10 – 17 Uhr
Di 10 – 21 Uhr
Mo geschlossen
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.08.2017 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

03:34
06:59
03:02