Stand: 22.09.2017 15:30 Uhr

Der Zauber des Minnesangs

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Die Anthologie von Jan Wagner (links) und Tristan Marquardt ist eine Liebeserklärung an die Liebesgedichte des Mittelalters.

Der Lyriker Jan Wagner und sein junger Göttinger Kollege Tristan Marquardt haben die wichtigsten Werke des mittelhochdeutschen Minnesangs ins heutige Deutsch übertragen lassen. Das Ergebnis kann man nachlesen in der Anthologie "Unmögliche Liebe" und vom 25. September bis zum 1. Oktober nachhören in unserer Reihe Lauter Lyrik. Im Gespräch erzählen die beiden Dichter, warum uns der Minnesang immer noch so verzaubert.

Herr Wagner, müssen sich die Leser der von ihnen beiden herausgegebenen Anthologie "Unmögliche Liebe" auf Jugendslang und Umgangssprache einstellen, mit dem die großen Alten gewaltsam ins Jetzt gezerrt werden?

Das komplette Gespräch zum Nachhören

Jan Wagner & Tristan Marquardt im Gespräch

23.09.2017 18:00 Uhr
NDR Kultur

Die Lyriker befragt von Alexander Solloch Audio (26:13 min)

Jan Wagner: Nein, nicht durchgehend. Das Schöne an dem Buch, und was uns auch überrascht hat, ist, dass so viele verschiedene Möglichkeiten des Übersetzens präsentiert werden. Wir bilden nicht nur ab, was damals an Reichtum da war, was es an Minnesang gibt oder gab, sondern es ist eine Art Doppelporträt der großen alten Minnesänger und fast der ganzen heutigen schreibenden, dichtenden Zunft. Und zum dritten auch ein schöner Überblick über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die das Übersetzen von Lyrik generell bietet. Die ganze Bandbreite an Slang und an formalen Strukturen wird abgebildet, sodass wir im Grunde ein dreifaches Porträt haben von Minnesang, aktueller Dichtung und den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Nachdichtens generell.

Man könnte aber fast vermuten, wenn es zumindest im hohen Maße auch darum geht, die Gegenwartslyrik zu porträtieren und ihre Vielfalt zu zeigen, dann ist der Minnesang im Grunde bloß ein Vehikel - Sie hätten sich ebenso gut überlegen können, Goethes sämtliche Gedichte neu ins Deutsche zu übertragen.

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"Unmögliche Liebe": Was ist Minne?

25.09.2017 10:40 Uhr
NDR Kultur

Die Lyriker Jan Wagner und Tristan Marquardt haben die Dichtkunst des Hochmittelalters ins Heute übertragen lassen. Eine Liebeserklärung an den Minnesang in der Sendung "Lauter Lyrik". mehr

Tristan Marquardt: Das würde ich nicht sagen. Ich habe das Gefühl, dass bei dieser Herangehensweise auch der Minnesang in einer viel minnesanghaftere Weise häufig übertragen wurde. Wenn man sich die bisherigen Übertragungen anschaut, die häufig für die Benutzung in der Universität erstellt worden sind, die auch dazu dienen, den mittelhochdeutschen Text zu verstehen, gehen dort viele Qualitäten des Minnesangs verloren. Der Minnesang ist eine Dichtkunst, die sehr über den Klang kommt, die sehr mit Reim und Rhythmik arbeitet und wo es hochkomplexe Sprach- und Wortspiel gibt, die in Übersetzungen, die nur nach Sinn übersetzen, bisher zu kurz gekommen sind. Wir haben unter den heutigen Dichterinnen und Dichtern große Virtuosinnen und Virtuosen, die in der Lage sind, mit Sprache auf eine Art und Weise umzugehen, wie es kein Akademiker, keine Akademikerin, die das übersetzt, wäre. Wir haben in diesem Buch Übertragungen, wo dreifache Silbenpalindrome in ein dreifaches Silbenpalindrom übersetzt worden sind.

Wagner: Es ist auch so, dass Goethe jeder lesen kann, während beim Mittelhochdeutschen Verständnisprobleme da sind. Wir fühlen uns dieser Sprache sehr nah. Die Übersetzung ist notwendig. Es gibt viele wissenschaftliche Hinleitungen und Anthologien, aber es gibt weniger Anthologien, die probieren, das lyrisch treu zu übersetzen. Was ist Treue, wenn man Lyrik übersetzt? Kann die Treue auch darin bestehen, dass man die lyrischen Möglichkeiten wie Form und Sprachmusik ausreizt? Das war unser Grundgedanke.

All diese Lieder kreisen um das sogenannte Minne-Paradox, dass die Unmöglichkeit der Liebe zur Folge hat. Besungen wird eine Frau, die der Sänger preist und liebt, weil sie die wunderbarste und schönste aller Frauen ist - aber gerade deswegen muss sie auch unerreichbar bleiben und kann die Liebe nicht erwidern. Welche Rolle spielt denn die Frau im Minnesang? Ist sie die Kühle, Abweisende oder leidet sie selbst darunter, dass sie nicht "ja" sagen kann, dass sie so unnahbar bleiben muss?

Marquardt: Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie damit umgegangen werden kann. Sie spielt insofern eine riesige Rolle, weil es nur um sie geht. Aber sie spielt auch eine erstaunlich geringe Rolle, weil sie nicht aktiv ist. Die Aktionslosigkeit der Frau ist der Anlass dieses Singens, und das führt teilweise zu ganz komplexen und hoch interessanten Reflexionen, wo man merkt: Hier geht es nicht nur um Gefühle, hier geht es auch um soziale Werte. Hier geht es nicht nur um Ästhetik, hier geht es auch um Ethik. In der Frage, warum sie die Beste ist und was es überhaupt heißt, die Beste zu sein, im reflexiven Umgang mit diesem Ausgangsproblem werden die Werte der Gesellschaft reflektiert, auf eine hoch komplexe und hoch interessante Art und Weise.

Dabei kann aber auch die Frau selbst zu Wort kommen - wir haben sogenannte Frauenlieder und -strophen, die natürlich aus der Feder eines männlichen Dichters geschrieben sind. Aber auch das ist hoch interessant, weil man dort sehr unterschiedliche Frauenstimmen hört. Frauen, die begründen, warum sie abweisend sind, aber auch Frauen, die sagen: "Eigentlich will ich doch auch die Liebe, und die Gesellschaft ist es, die uns daran hindert."

Wir haben aber auch Texte, in denen das Paradox, dass die Frau unerreichbar ist, wieder seinerseits unterlaufen wird - und plötzlich ist die Frau ganz nahbar. Sie kommt bei Heinrich von Morungen durch die Wände gelaufen und befindet sich plötzlich im Zimmer des Dichters. Ein andere Dichter sagt: "Ich weiß, wo die Frau ist, und ich kann sie sofort haben, denn wenn man mir die Brust aufbräche, dann würdet ihr dort die Frau sofort finden." Es gibt also unterschiedlichste Möglichkeiten.

Sie versammeln Dutzende von Gedichten, von Gesängen, die die Schönheit von Frauen anhimmeln. Man müsste dieses Buch "Unmögliche Liebe" eigentlich als sexistisch anprangern, oder?

Marquardt: Teils, teils. Ich glaube, dass viele dieser Texte, wenn man sie nicht in ihrem Kontext sieht und nicht sieht, was das für eine Kunst in der damaligen Zeit war, wenn man sie kontextlos heute läse, könnte man tatsächlich sagen, dass es da sexistische Momente gibt. Aber es gibt auch ganz überraschende Momente. Es gibt viele Momente, wo man sagen würde: Wow, solche starken Frauenfiguren! Wir haben oft Texte, wo die Frau in einer viel mächtigeren Position ist, wo sie den Minne auflaufen lässt. Es gibt schon Positionen, die überraschend sind. Es gibt auch Gender-Positionen, die variieren. Und das ist gerade spannend, in dieser Vielfalt zu sehen, was für Gender-Rollen eigentlich existieren. Man wird dort auf einige Überraschungen stoßen.

Das Interview führte Alexander Solloch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 23.09.2017 | 18:00 Uhr

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