Stand: 09.10.2015 16:54 Uhr

Der Geist des Wilden Westens

von Tom Schimmeck
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Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Menschen scharenweise nach Kalifornien, um das schnelle Geld zu machen. Später verkamen viele Orte zu Geisterstädten.

Am 24. Januar 1848 hob ein gewisser James Marshall auf einer Ranch im heutigen County El Dorado das erste Nugget auf. Bald begann der Goldrausch. Hunderttausende kamen - auf dem Planwagen oder per Schiff - den ganzen langen Weg um Kap Hoorn, an die Westküste, um ihre Spitzhacken in die Erde Kaliforniens zu schlagen.

Das Tempo war schon damals rasant. Ein Jahr nach dem ersten Fund ward Kalifornien gegründet. Im Jahr darauf trat es dem Bund der Vereinigten Staaten von Amerika bei. Ein Mythos von Anfang an, ein Traum, eine Mission. Eine Erzählung vom Neubeginn, von der Freiheit, vom gierigen Glück und dem schnellen Reichtum. Bis heute ist sie fest einprogrammiert in das Betriebssystem Kaliforniens.

Expansion bis zur Westküste

Das Edelmetall war nur Beschleuniger, die Expansion nach Westen längst im Gange. Schon vor dem Goldrausch hatte der Journalist John L. O'Sullivan den Begriff der "Manifest Destiny" geprägt. Die "offenkundige Bestimmung" der noch jungen Vereinigten Staaten, den ganzen Kontinent bis zur Westküste zu erobern - oder, wie er es etwas vornehmer formulierte: "zu überdecken". Es ging O'Sullivan um nichts weniger als um "Gleichheit, die moralische Würde und die Erlösung des Menschen". Idealerweise weltweit. Natürlich war dies von Gott genau so gewollt.

Die Doktrin lieferte eine angemessen schwülstige Begründung für den Expansionismus des neuen Amerika, für die Annexion von Texas und den Krieg mit Mexiko und später Spanien. Sie wirkte tief hinein ins 20. Jahrhundert. Ihr Pathos schwingt bis heute bei der Begründung US-amerikanischer Feldzüge mit.

Über den Autor

Tom Schimmeck, 55, Journalist und Radioautor, schreibt für Zeitungen, Magazine und Rundfunkanstalten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seine Texte und Radio-Feature wurden mehrfach preisgekrönt. Ein Überblick über seine Arbeit findet sich auf www.schimmeck.de.

Wiewohl es im Westen bekanntlich wild zuging, chaotisch und brutal. Etwa ein Zwölftel aller Neuankömmlinge soll in den ersten Jahren Verbrechen zum Opfer gefallen sein. Als das Gold knapper wurde, vertrieben die weißen Glückssucher die Konkurrenz der Latinos und Chinesen - mit hohen Steuern und roher Gewalt.

Für jene, die schon Jahrtausende am Pazifik gelebt hatten, war der Goldrausch ohnehin ein Alptraum. Sie verhungerten, weil die Jagdgründe okkupiert, die Flüsse vergiftet waren. Sie wurden versklavt und ermordet. Der neue Staat Kalifornien schuf 1850 ein Gesetz, das den Handel mit den "Indians" - Männern, Frauen wie Kindern - zum ganz legalen Business machte. Wer noch nicht tot war, wurde verkauft.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 11.10.2015 | 19:05 Uhr

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