Stand: 12.10.2017 08:39 Uhr

Getanzte Geschichten von der Macht

von Katja Weise

Der Belgier Sidi Larbi Cherkaoui zählt zu den berühmtesten zeitgenössischen Choreographen. Er gastiert und inszeniert an vielen großen internationalen Bühnen. Er hat schon mit Shaolin-Mönchen gearbeitet und mit Flamenco-Tänzern. Immer wieder bringt er verschiedene Stile und Musiken zusammen. In Hamburg ist der Tänzer und Choreograf auf Kampnagel ein gern gesehener Gast. Dort stand er am Mittwoch zur Spielzeiteröffnung auch selbst auf der Bühne, in "Fractus V" - einer von Schriften des jüdisch-amerikanischen Philosophen Noam Chomsky inspirierten Choreografie.

Hände, immer wieder Hände. Als Krone, Messer, Schwerter, Hörner, als Spinnenweben, die zu einem Netz zusammenfinden. Allein, um zu erleben, wie Sidi Larbi Cherkaoui Hände choreografiert, lohnt das Stück "Fractus V". Eine Hand wirft ein Mikrofon um, ein Tänzer krümmt sich - wie getroffen. Die vier anderen schauen zu, während er sich windet, und am Ende die Arme austreckt - wie ein Gekreuzigter.

Cherkaoui inszeniert Gewalt und Indoktrinierung

Indoktrinierung und Gewalt sind zentrale Themen

Gewalt ist ein zentrales Thema an diesem Abend auf Kampnagel in Hamburg, den Sidi Larbi Cherkaoui mit vier anderen Tänzern gestaltet, mit einem reinen Männerensemble also. Dabei beleuchtet er nicht nur die körperliche Gewalt, sondern befasst sich - ausgehend von Texten von Noam Chomsky - beispielsweise auch mit dem Thema der Indoktrinierung, vor der man sich oft nur schwer schützen kann. Das Stück löst bei den Zuschauern viele Assoziationen aus: "Für mich hat das Stück ganz viel mit Macht zu tun, die Finger, die ihm auf den Kopf gesetzt wurden, das sah aus wie eine Krone", sagt eine Besucherin.

Bis an die Grenzen des Ertragbaren

Doch Cherkaoui und seine Tänzer zeigen Gewalt auch ganz explizit: Sie treten mit Pistolen auf, ein Mann wird erschossen, steht wieder auf, wird wieder erschossen. Virtuos ist das getanzt, beinahe unerträglich in seiner Deutlichkeit. Später bilden alle fünf Tänzer gemeinsam eine Art Monster, das in seiner Schwerfälligkeit und Bedrohlichkeit an die Orks aus Peter Jackson "Herr der Ringe"-Filme erinnert. Das Stück stimmt die Besucher nachdenklich: "Da hat man schon so leicht so ein Unbehagen bekommen, und man musste auch teilweise so an politische Zustände denken, über man fast täglich liest."

Energie der Bilder und Musik

Cherkaoui entwirft starke Bilder, die sich oft fließend verändern. Aus einer Schießerei, einer Schlägerei kann da Annäherung werden; Hände, die eben noch eine Pistole hielten, finden sich zusammen, eine Art Netz entsteht, in dem die Tänzer Schutz suchen. Jeder von ihnen steht außerdem für einen anderen Stil - mit dem er die anderen mal in die Enge treibt, mal inspiriert und mitreißt. Beispielsweise zum ausgelassen Stepptanz.

Viele Geschichten werden so erzählt. Zu deren Gelingen tragen ganz wesentlich auch die fantastischen Musiker bei, die mit ihrer Energie den Raum ebenso fluten wie die Tänzer: Am Ende deshalb: Standing Ovations. Da finden die Hände der Zuschauer lange keine Ruhe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 12.10.2017 | 09:20 Uhr

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