Stand: 31.01.2017 13:12 Uhr

Greifswald bleibt bei Uni-Umbenennung

Die Greifswalder Bürgerschaft wird den Senat der Universität nicht auffordern, die Entscheidung zur Ablegung ihres Namens Ernst-Moritz-Arndt zu überdenken. In einer Sondersitzung scheiterte ein Antrag von CDU und Wählergemeinschaft Kompetenz für Vorpommern.

Nach einer emotionalen Debatte im überfüllten Sitzungssaal stimmten 21 der 39 Mitglieder gegen den Antrag. Zuvor wurden zwei offene Briefe der drei ehemaligen Oberbürgermeister von Greifswald, Reinhard Glöckner, Joachim von der Wense und Arthur König sowie der Unirektorin Hannelore Weber verlesen. Sie forderte die Bürgerschaft auf, die im Rahmen der Hochschulautonomie getroffene Entscheidung zu respektieren.

Rassistische Aussagen des umstrittenen Ernst Moritz Arndt aus dem 19. Jahrhundert sorgen seit Jahren für Diskussionen, ob sein Name für die Universität Greifswald heute tragbar ist.

"Arndt ist ausgesprochender Antisemit"

"Er ist ein ausgesprochener Antisemit gewesen, ein Nationalist, und, wenn man es aus der heutigen Sicht sieht, ein Antidemokrat. Und das ist eigentlich nichts Vorbildhaftes für Studierende an einer Universität heute", sagt Arno Herzig, Professor für Geschichte an der Universität Hamburg über Arndt. Mit einer Zweidrittel-Mehrheit hatte sich der Senat der Universität Greifswald Mitte Januar durchgerungen: Arndts Name soll weg.

Ernst Moritz Arndt ist eine widersprüchliche Figur der deutschen Geschichte. Seine gottesfürchtigen Lieder werden bis heute in der evangelischen Kirche gesungen. Er war Abgeordneter der Ersten demokratischen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 und setzte sich für Freiheit in Deutschland ein. "Das Deutschland, was er sich da vorstellte, war in dem Sinne kein demokratisches Deutschland", sagt Arno Herzig.

Namensgebung durch Hermann Göring

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Die Universität in Greifswald ist eine der ältesten in der Bundesrepublik Deutschland.

Arndts Werke wurden im Laufe der Zeit für verschiedenste Interessen in Deutschland instrumentalisiert. Für die Nazis war er ein Vordenker ihrer Rassenideologie. 1933 gab Hermann Göring persönlich der Uni Greifswald den Namen des Wissenschaftlers. Nach dem Krieg gab sie ihn wieder ab, 1954 nahm sie ihn wieder an. Arndt war jetzt Gallionsfigur des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Er hatte eine Schrift gegen die Leibeigenschaft in Pommern verfasst. Die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille war bis in die 80er-Jahre eine hohe Auszeichnung für patriotische Leistungen in der DDR.

Entscheidung wird nicht von allen akzeptiert

Im Vorfeld der Bürgerschafts-Sitzung hatten in Greifswald etwa 250 Menschen für Ernst Moritz Arndt als Namenspatron der Universität demonstriert. Am Rubenow-Denkmal vor dem Hauptgebäude der Universität legten sie Rosen nieder und forderten, die Entscheidung zurückzunehmen.

Viele Schulen und Institutionen in Ost- und Westdeutschland tragen seinen Namen. Auch in Greifswald gehört er zum Stadtbild - und deshalb fällt es vielen hier schwer, sich von ihm zu trennen.

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