Stand: 06.11.2017 15:52 Uhr

Brutalismus: Bausünden erleben Comeback

Sie sind einschüchternd groß, eckig, klotzig und ziemlich raumgreifend. Die Bauten des Architekturstils Brutalismus entstanden vor allem in den 60er- und 70er-Jahren und wirken bis heute faszinierend radikal. Erst recht, weil inzwischen der Zahn der Zeit an ihnen nagt. Die jahrzehntelang als Bausünde geschmähte Betonarchitektur, die ihren Namen der französischen Bezeichnung "béton brut" - "roher Beton" - verdankt, erlebt ein Comeback. Doch die Freude daran wird nicht lange währen. Denn vielen Brutalismus-Bauten weltweit - auch in Norddeutschland - droht der Abriss.

Gebäude.

Brutalismus: Bausünden erleben Comeback

Kulturjournal -

Sie sind groß, eckig und klotzig: die Bauten des Brutalismus. Entstanden in den 60er- und 70er-Jahren, wirken sie heute faszinierend radikal und erleben ein Comeback - besonders im Netz.

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Roher Beton, nichts wird versteckt

Roher Beton ist das Hauptbaumaterial des Brutalismus. Der Architekturstil kam 1954 weltweit auf. Grundriss, Konstruktion und Baumaterial sind so transparent wie möglich. Nichts wird versteckt. Die Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin, das Institut für Hygiene der Charité und die sogenannte Post-Pyramide in Hamburg sind Beispiele dieses Stils.

Rettung der Post-Pyramide gescheitert

Letztere versteckte den Beton hinter einem Hauch Farbe. Und wartete einsam und verlassen auf den Abriss. Der hat jetzt begonnen, obwohl Brutalismus-Fans wie Marco Alexander Hosemann versucht haben, die norddeutsche Beton-Ikone zu retten. "Allgemein wirken die Bauten des Brutalismus ein bisschen unnahbar", sagt er. "Und natürlich tun sich durch den rohen Beton auch gewisse Assoziationen im Kopf auf. Man denkt da vielleicht gleich an Bunker und solche Geschichten." Was viele ablehnen, findet Hosemann schön. Er gehört zur wachsenden Fangemeinde des Brutalismus.

Brutalismus-Bauten in Deutschland

Wachsende Szene von Brutalismus-Fans

Vor allem im Netz hat sich eine lebendige Szene entwickelt. Sie dokumentiert Gebäude weltweit. Sobald ein Abriss droht, können Bürger gegensteuern. Bei der Post-Pyramide in Hamburg hat alles nichts genützt. Die Eigentümer haben sich durchgesetzt und reißen ab: Die Pyramide sei unrentabel und nicht energieffizient. "Man muss dem Gebäude in gewisser Weise auch ein Stück weit zuhören und es lesen. Und auch verstehen, welche Gedanken eigentlich dahinterstecken", hält Hosemann dagegen.

Die meisten Brutalismus-Bauten sind nämlich wohldurchdacht. Die Funktion bestimmt die Form, aber das schützt nicht immer vor einem Abriss. Gleich neben der Post-Pyramide stand bis 2014 eine Brutalismus-Ikone der 70er, das BP-Gebäude. 2015 wurde es abgerissen - trotz Denkmalschutzes.

Sollen Brutalismus-Bauten erhalten werden?

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Mitte der 70er wurde mit großen Hoffnungen das Ihme-Zentrum in Hannover eröffnet. Seine ehemals perfekt brutalistische Betonfassade hat es schon seit einiger Zeit eingebüßt. "Hübscher" sollte es werden. Doch heute liegt die Anlage in weiten Teilen brach und harrt einer Sanierung.

Die kann aber auch gelingen - erst recht, wenn es ein ästhetisches Bewusstsein für die Gebäude des Brutalismus gibt. Wie bei der ehemaligen St. Maximilian Kolbe-Kirche in Hamburg. Spitzname: "Klorolle". Der Abriss konnte Dank engagierter Bürger abgewendet werden. Nun wird aus dem Gebäude eine soziale Begegnungsstätte.

Manch anderes Erbe des Brutalismus hätte es auch verdient, erhalten zu werden. Für die Post-Pyramide ist es jetzt zu spät. Aber ein anderer Blick auf die alten Betonmonster lohnt sich auf jeden Fall.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 06.11.2017 | 22:45 Uhr

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