Sendedatum: 27.10.2014 07:40 Uhr

Das Erziehungslexikon: "Der Jesper-Juul-Stil"

von Jan Wiedemann & Sarah Heuberger
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Kinder sollen als ernsthafte Gesprächspartner respektiert werden, empfiehlt Jesper Juul.

Wenn junge Eltern in eine Buchhandlung gehen und auf der Suche nach ein paar Tipps für die Erziehung sind - dann werden sie vom Ratgeber-Regal meist völlig erschlagen. Aufgereiht sind verschiedensten Konzepte und Philosophien, Autoren aus der ganzen Welt sind der Meinung, den einzig richtigen Weg der Kindererziehung entdeckt zu haben. Ein Name, der immer wieder auftaucht: Jesper Juul.

Bei dem dänischen Familientherapeuten steht vor allem eines im Mittelpunkt: Sein Kind ernst nehmen. "A little Respect" - der Song von Aretha Franklin dürfte ihm daher wohl auch gefallen. Denn um gegenseitigen Respekt zwischen Eltern und Kind geht es bei seiner Erziehungsphilosophie. Laut Juul ist ein Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent, wie ein Erwachsener. Eltern sollten deshalb nicht autoritär auftreten und sondern ihr Kind "gleichwürdig" behandeln.

Kinder sollen ernstgenommen werden

"Gleichwürdigkeit hat damit zu tun, dass jeder so wie er ist ernst genommen wird. Und sein Kind ernstzunehmen heißt nicht, dass man alles machen muss, was das Kind will. Das heißt nur, dass man seinem Kind zuhören und eine anständige Antwort geben muss", sagt er.

Was lobenswert klingt, lässt sich allerdings in der Praxis nicht immer umsetzen, sagt Cornelie Dietrich, Erziehungswissenschaftlerin an der Leuphana Universität Lüneburg. Dies hänge stark von der jeweiligen Situation ab: "Wann sage ich wirklich autoritär 'nein, das gibts jetzt nicht'? Zum Beispiel beim Medienkonsum, Essen, Gemüse, all diese alltäglichen Dinge, wie Schlafen gehen. Und wann lasse ich das Kind mitbestimmen? Oder wie vermittle ich das Nein so, dass sich das Kind trotzdem nicht entwürdigt fühlt?"

Wann sage ich trotzdem Nein?

Viele Mütter von Kleinkindern kennen dieses Problem aus dem täglichen Leben. Etwa, wenn ihr Kind zum Frühstück Spaghetti mit Tomatensoße essen möchte: Dann kommen viele doch nicht um das autoritäre "Nein" herum. "Da muss man auch mal sagen: Nee ist nicht, jetzt gibt's Müsli oder ein Brot oder so. Das ist vielleicht für ein kleines Kind wieder schwer zu verstehen. Aber dass man das Kind nicht so von oben herab betrachtet, das find ich schon sehr wichtig", sagt eine Mutter. Eine andere hat die Erfahrung gemacht: "Jetzt fängt sie an zu fragen: Warum, wieso, weshalb - und dann muss man da schon drauf eingehen, sonst kann man's bleiben lassen." Der Philosophie von Jesper Juul können viele Eltern etwas abgewinnen. Sie 24 Stunden am Tag selbst zu leben ist hingegen gar nicht so einfach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.10.2014 | 07:40 Uhr

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