Stand: 15.12.2015 11:22 Uhr

Nitratbelastung: Mehr Druck auf Gülle-Sünder?

von Ina Lebedjew, Claudia Plaß, NDR Info

Viele Menschen in Norddeutschland sorgen sich um das Trinkwasser: Die Grundwasserverschmutzung mit Nitrat ist so hoch, dass EU-Grenzwerte zum Teil weit überschritten werden. Und das seit Jahren. Verursacher sind vor allem Landwirte, die zu viel Gülle auf ihre Äcker und Wiesen streuen. Mehrfach hat die EU Besserung angemahnt, passiert ist bisher nichts. Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen machen Druck auf Berlin.

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Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel: "Die Nitratbelastung ist ein schwerwiegendes Problem."

Niedersachsens Grundwasser ist in weiten Teilen mit Nitrat belastet. An 41 von 123 Messstellen wird der vorgeschriebene Grenzwert - 50 Milligramm pro Liter Wasser - zum Teil deutlich überschritten. Betroffen ist vor allem der Nordwesten, die Region mit den meisten großen Tierställen und Biogasanlagen. Dort schlagen die zuständigen Wasserversorger schon seit Langem Alarm: Zum Teil messen sie Werte von mehr als 100 Milligramm Nitrat pro Liter. Umweltminister Stefan Wenzel von den Grünen ist alarmiert: "Das ist ein schwerwiegendes Problem, weil Wasser unser wichtigstes Lebensmittel ist."

Nitrat, eine Stickstoffverbindung, gelangt von der Erdoberfläche über die Versickerung im Boden in das Grundwasser. Verantwortlich dafür ist vor allem die Landwirtschaft. Wird zuviel gedüngt, steigt die Nitratbelastung des Grundwassers.

Auch in Schleswig-Holstein weist ein Drittel, nämlich 61 der 181 Messstellen im Land, Nitratgehalte über dem Grenzwert auf. Insgesamt sind dort 22 von 55 sogenannten Grundwasserkörpern in einem schlechten Zustand. Im Kieler Umwelt- und Landwirtschaftsministerium heißt es: "Als dem größten Flächennutzer im Lande kommt daher der Landwirtschaft eine besondere Anforderung zur Vermeidung und Verringerung der Nitratbelastung zu." In Mecklenburg-Vorpommern ist fast ein Drittel der Grundgewässer mit Nitrat belastet. An 14 von 52 Messstellen wird der Grenzwert überschritten. In Sommersdorf in der Nähe von Helmstedt wurden im Sommer 2014 sogar 600 mg Nitrat pro Liter gemessen.

Mahnungen aus Brüssel blieben bislang ohne Folgen

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Wo Landwirtschaft besonders intensiv betrieben wird, gelangt mehr Nitrat ins Grundwasser.

Schon vor gut zwei Jahren, im Oktober 2013, hat die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet - wegen Nicht-Einhaltung der Nitrat-Richtlinie. Passiert ist seitdem nichts. Im Juli dieses Jahres hat Brüssel nachgelegt und bereitet ein weiteres Vertragsverletzungsverfahren vor. Diesmal geht es um die Wasserrahmenrichtlinie. Sie schreibt den EU-Staaten vor, das Wasser besonders zu schützen. In der entsprechenden Pilotanfrage kommt die EU zu einem vernichtenden Urteil über Deutschland: "Im Jahr 2009 befanden sich nur 9,5 Prozent der Wasserkörper in einem guten Zustand."

Wasserkörper, das sind Flüsse, Seen, Meere und sogenannte Grundwasserkörper. 370 dieser Grundwasserkörper sind laut EU in einem schlechten chemischen Zustand. Bei der Mehrheit, 268, liegt das an der hohen Nitratbelastung. Wichtigste Ursache sind laut der Pilotanfrage "übermäßige Nitrateinträge, vorwiegend aus landwirtschaftlichen Quellen". Die Pilotanfrage ist der erste Schritt zu einem Vertragsverletzungsverfahren.

Minister fordern Verschärfung der Düngeverordnung

Die Einhaltung der Nitrat-Grenzwerte ist eigentlich durch die Düngeverordnung geregelt. Die Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Norddeutschland fordern eine Verschärfung. Niedersachsens Umweltminister Wenzel will ein Gesetz mit "mehr Zähnen": "Wir haben heute keine Möglichkeit der Düngeverordnung, die eine Sanktionierung zulässt. Wir haben in freiwillige Maßnahmen zwar viele Millionen Euro investiert, das reicht aber nicht aus. Wir brauchen bei einer Missachtung der Regeln auch das Ordnungsrecht."

Nitrat im Wasser und die Folgen

Nitrat ist ein Salz, das aus Stickstoff und Sauerstoff besteht. Es ist natürlicher Bestandteil von Düngern, wie zum Beispiel Gülle. Überschüssiger Dünger landet im Grundwasser. Naturschutzverbände kritisieren, Landwirte würden ihre Pflanzen über Bedarf düngen, nach dem Prinzip "viel hilft viel". Die Bauern entgegnen, dass sie sich das gar nicht leisten könnten. Für den Menschen ist Nitrat selbst nicht toxisch, aber Bakterien wandeln es im Körper in krebserregende Stoffe um. Erwachsene verarbeiten ein gewisse Menge Nitrat. Säuglinge aber können von zu viel Nitrat sterben - die sogenannte Blausucht nimmt ihnen die Luft zum Atmen.

Derzeit ist die Sanktionierung schwierig, weil die Länder nicht überprüfen können, welcher Landwirt seine Felder überdüngt. Die Bauern liefern Angaben zur Anzahl ihrer Tiere und der bewirtschafteten Hektar an unterschiedliche Behörden. Würden die Daten zusammengefasst, ließen sich Gülle-Sünder leichter ausmachen. Auch deswegen drängt Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer von den Grünen auf bessere Transparenz und Kontrollmöglichkeiten: "Dazu brauchen wir einen effektiven Abgleich der Nährstoffströme, so dass die Düngebehörde auch die von anderen Einrichtungen erhobenen Daten über Flächen und Tierzahlen nutzen kann. Zudem muss die Düngebehörde effektiv und wirkungsvoll prüfen können. Der bisherige Entwurf der Düngeverordnung liefert die Voraussetzungen dafür nicht."

Eine neue Düngeverordnung sei längst überfällig, heißt es auch in Schleswig-Holstein. Ressortchef Robert Habeck, ebenfalls von den Grünen, betont, wichtig sei das Zusammenspiel von rechtlichen Rahmenbedingungen und freiwilligem Engagement der Landwirte.

Landwirte fordern pragmatische Lösungen

Marco Gemballa, Vizepräsident des Bauernverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, fordert eine pragmatische Lösung. Dafür müssten Naturschutz und Landwirtschaft Kompromisse eingehen. Nicht nur Landwirte seien Verursacher der Nitratbelastung. Wichtig seien deswegen standortbezogene Grundwasser-Messungen unter Berücksichtigung der Bodenbeschaffenheit. Gemballa betont, dass es statt einer pauschal geltenden Düngeverordnung am Ende auf jeden Standort angepasste Lösungen brauche. Kritik äußern die Landwirte auch an einer möglichen neuen Meldepflicht, außerdem seien Fragen der Güllelagerung nicht gelöst.

Novelle tritt frühestens im April in Kraft

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Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus: "Uns droht eine dreistellige Millionenstrafe."

Das Bundeslandwirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einer neuen Verordnung. Grundlage dafür ist die Änderung des Düngegesetzes. Diese soll in Kürze im Kabinett beschlossen werden. Auf Anfrage von NDR Info teilte das Ministerium mit, mit der Novelle der Düngeverordnung könne nicht vor dem zweiten Quartal 2016 gerechnet werden. Ziel sei es, "einen angemessenen Ausgleich zwischen Umweltinteressen einerseits und praktikablen Lösungen für die Landwirtschaft andererseits zu schaffen."

Bis die neue Verordnung kommt, wollen die norddeutschen Minister weiter Druck auf Berlin machen. Till Backhaus (SPD), in Mecklenburg-Vorpommern zuständig für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz, warnt: "Wenn die Bundesregierung diese Verordnung nicht vorlegt, droht uns eine dreistellige Millionenstrafe, die die Länder mitbezahlen müssten. Das kann nicht sein. Ich erwarte jetzt vom Bund, dass man unverzüglich mit dieser Verordnung kommt, die dann auch in Brüssel akzeptiert wird." Schließlich gelte es, das EU-Vertragsverletzungsverfahren abzuwenden.

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NDR Info | 14.12.2015 | 06:20 Uhr