Stand: 10.04.2013 19:30 Uhr

Deutscher Helfer für russischen Oligarchen

Es sind Einblicke in eine andere Welt, in die Welt der Steueroasen, des großen Geldes, das weitab in der Karibik lagert. Im Rahmen eines weltweiten Projekts hatten Journalisten der "Süddeutschen Zeitung", des Teams Recherche des NDR Fernsehens und des Reporterpools von NDR Info Zugang zu Daten zweier Firmen, die Stiftungen oder Firmengründungen auf den Britischen Jungferninseln vermitteln - und das Geld Tausender Kunden vor den Steuerbehörden schützen. Ein prominenter Klient: der russische Top-Oligarch und Multimilliardär Michail Fridman. Dessen wichtigster Mann im Konstrukt der Offshore-Firmen ist der Deutsche Franz Wolf - ausgerechnet der Sohn des früheren Spionagechefs der DDR.

Von Lena Gürtler (NDR Fernsehen) und Jürgen Webermann (NDR Info)

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Markus Wolf war der Chef der Stasi-Auslandsspionage. Sein Sohn Franz arbeitet für den russischen Milliardär Fridman.

Der Mann stürzte einst Bundeskanzler Willy Brandt: Markus, genannt Mischa Wolf, langjähriger Spionagechef der Stasi. Ein Foto von ihm gab es lange Zeit nicht. Wolf war stets "das Phantom". Nach der Wende war Wolf dagegen nicht mehr kamerascheu, gerne zeigte der einstige Meisterspion in einer ARD-Dokumentation Bilder aus seiner Familie und von Weggefährten. Auf den Fotos verweist er unter anderem stolz auf seinen früheren Partner beim KGB, Vladimir Krjutschow, der später Chef des sowjetischen Geheimdienstes wurde. Auch daran wird deutlich: Moskau war für Markus Wolf wie eine zweite Heimat.

Spur von Wolf-Sohn in russischen Unternehmen auf den Jungferninseln

Der ehemalige Spionagechef starb 2006. Doch für seine Familie spielt Russland immer noch eine besondere Rolle - zumindest für einen Sohn von Markus Wolf: Franz Thomas Alexander Wolf, geboren im Mai 1953 in Berlin. Auch er ist eine Art "Phantom", es findet sich öffentlich fast nichts über ihn. Dabei ist Franz Wolf anscheinend ein sehr aktiver Geschäftsmann: Der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" sind in den Daten russischer Offshore-Firmen auf den Britischen Jungferninseln immer wieder auf Franz Wolf gestoßen. Die Unternehmen gehören einem der bedeutendsten russischen Oligarchen: Michail Fridman.

Fridmans verschachteltes Imperium namens Alfa umfasst insgesamt mehr als 60 Milliarden Dollar. Es geht um Wodka, Mobilfunk, Supermärkte und Erdöl. Franz Wolf, der unbekannte Sohn des früheren Stasi-Auslandschefs, scheint mit seiner zurückhaltenden Lebensweise gut in das Netzwerk zu passen. Denn wie Franz Wolf ist auch Michail Fridman ein diskreter Mensch, so der Russlandexperte Hans Henning Schröder von der Stiftung Wissenschaft und Politik: "Fridman gibt sehr wenig Interviews. Über sein Privatleben lässt er wenig verlauten. Er ist ein bisschen so der Oligarch, wie ihn sich der Kreml wünscht. Geld verdienen, aber nicht damit auftrumpfen."

Vielleicht hält sich Fridman auch deshalb zurück, weil er seine wichtigsten Adressen in Liechtenstein, Gibraltar und auf den Britischen Jungferninseln hat. Steueroasen - dort treffen sich viele russische Oligarchen, so Schröder: "Sie versuchen dafür zu sorgen, dass der russische Staat, dem sie nicht wirklich trauen, weil er Eigentumsrechte nicht wirklich respektiert, keinen wirklich klaren Blick in ihre Geschäfte hat."

Der Mann, der die Offshore-Geschäfte offenbar für Fridmans Alfa-Gruppe übernimmt, ist Franz Wolf. Offiziell arbeitet Wolf als Direktor der CTF-Holding in Gibraltar. In der CTF bündelt die Alfa-Gruppe ihre 60 Milliarden Dollar, die sie weltweit angelegt hat. Doch Wolf hat noch weitaus mehr Posten. Er taucht den Unterlagen zufolge als Bevollmächtigter der Crown Finance Foundation in Liechtenstein auf. Diese Stiftung ist der geheimnisumwitterte Überbau der Alfa-Gruppe, ihr untersteht das gesamte Imperium. Direkt Begünstigte der Stiftung sind Michail Fridman und zwei Geschäftspartner.

Zur Alfa-Gruppe gehört ein weiteres Netz von Offshore-Firmen, die bis 2009 registriert wurden. Die drei bedeutendsten, A1, Altimo und Ventrelt, beteiligten sich unter anderem an Telekommunikationsunternehmen und Wasserversorgern - und lange Zeit auch am Ölriesen TNK BP. Direktor von A1, Altimo und Ventrelt: Franz Wolf. Auch in US-amerikanischen Geschäftskreisen ist Wolf kein Unbekannter - in US-Dokumenten tauchen er und die von ihm betreuten Firmen immer wieder auf. Unter anderem geht es um Streitigkeiten mit anderen Konzernen - die Alfa-Gruppe hat laut Schröder den Ruf, Konflikte auch mit internationalen Mitbewerbern nicht zu scheuen.

Welche Rolle spielt Franz Wolf bei all den Geschäften?

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Auf den Britischen Jungferninseln in der Karibik taucht Franz Wolf in den Daten mehrerer Unternehmen auf.

Doch welche Rolle spielt Franz Wolf dabei wirklich? Wie viel Macht hat er in der Alfa-Gruppe? Zumindest auf dem Papier sitzt Wolf an Schaltstellen in Fridmans Firmengeflecht. Dazu betreut er aber auch weitere kleinere Offshore-Firmen der Gruppe als "Direktor", meist in Kombination mit einer 32 Jahre alten Russin, die auch in Gibraltar gemeldet ist. In den Daten, die dem NDR und der "Süddeutschen Zeitung" vorliegen, finden sich zudem Referenzen für Wolf - von einem österreichischen Geldinstitut bis zu einer Bank aus dem Alfa-Imperium, die ihm und den Holdings, die er betreut, ein seriöses Geschäftsgebaren attestieren. Wolf könnte diese Schreiben benötigt haben, um Unternehmen auf den Britischen Jungferninseln registrieren zu lassen.

Der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" schickten ihm und der Alfa-Gruppe jedenfalls einen umfangreichen Fragenkatalog. Wolf ging nicht darauf ein. Dafür faxte ein Rechtsanwalt aus Hamburg im Namen der Alfa-Gruppe nicht wie üblich nur den Reportern, sondern gleich an NDR Intendant Lutz Marmor: "Unsere Mandantin hat uns mitgeteilt, dass sie nicht beabsichtigt, diese Fragen zu beantworten."

Wolfs Arbeit bleibt im Verborgenen

Offen bleibt also, wie Franz Wolf Ende der 90er-Jahre zu Fridmans Alfa-Imperium gestoßen ist. Hatten er oder sein Vater ein altes Netzwerk in Russland? Oder gar über den früheren sowjetischen Geheimdienst KGB Kontakt zu Fridman? Daran glaubt Russland-Experte Schröder nicht - Fridman habe mit Geheimdiensten eher wenig zu tun gehabt. Auch Franz Wolfs Schwester Tanja Trögel sagte einst in der ARD-Dokumentation, die Spionagearbeit des Vaters Markus habe in der Familie keine Rolle gespielt: "Spionage war für uns eher so ein Gag. Ernsthaft haben wir uns damit nicht beschäftigt."

So bleibt Franz Wolf - wie früher sein Vater - weiter im Verborgenen. Dass er für einen russischen Oligarchen arbeitet, wollen Angehörige der Familie nicht kommentieren. Nur einmal, 2002, findet sich neben einem Eintrag auf der Internetseite der Alfa-Gruppe eine weitere öffentliche Spur von Franz Wolf. Vor Spanien war gerade der Öltanker "Prestige" gesunken und hatte eine Ölpest verursacht. Die Ladung gehörte einer schweizerischen Firma der Alfa-Gruppe, was vor allem in der Schweiz für Gesprächsstoff sorgte. Unter anderem kritisierte Greenpeace damals, dass die Firma namens Crown Resources mit Sitz in Zug nichts dazu beigetragen habe, die Ölpest zu bekämpfen. Der "Neuen Zürcher Zeitung" bestätigte Wolf lediglich eine Verbindung der Crown Resources nach Gibraltar. Kurz darauf verschwand die Öl-Firma vom Markt und tauchte unter neuem Namen wieder auf. Ganz diskret natürlich.

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NDR Info | 11.04.2013 | 07:08 Uhr