Lübeck 1996: Kein Nazi-Anschlag - oder doch?

von Oliver Diedrich

An das furchtbare Feuer in Lübeck erinnert heute nicht mehr viel. Autos stehen auf der freien freien Fläche an der Ecke Hafenstraße/Konstinstraße - es ist ein Gewerbegebiet. Von dem Parkplatz sind es ein paar Hundert Meter zur Jugendherberge oder zum Amtsgericht. Früher gab es dort anstelle des Parkplatzes ein großes Haus. In den 1990er-Jahren wohnten darin Asylbewerber. Vor allem Afrikaner, die vor Kriegen in ihren Heimatländern geflüchtet waren. "Sie waren nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu finden", steht auf einem mannshohen grauen Stein. Er soll an die Nacht mahnen, als zehn von ihnen starben.

Alle schlafen als das Feuer ausbricht

In der Nacht auf Donnerstag den 18. Januar 1996 befinden sich 48 Menschen in dem dreistöckigen Gebäude. Als alle schlafen - kurz nach 3 Uhr - ruft jemand "Feuer!" Die Flammen breiten sich rasch aus. Hitze, Rauch, Schreie. Entsetzliche Szenen spielen sich ab. Im Eingangsbereich des Hauses stirbt der erste Bewohner. Eine 32-Jährige aus dem Haus alarmiert per Telefon die Feuerwehr. Kurz darauf ersticken sie und ihr fünfjähriger Sohn. Andere klettern in Panik aufs Dach oder springen aus den Fenstern. Gegen 3.45 Uhr erreicht die Feuerwehr das brennende Haus. Im zweiten Stock stehen noch Kinder am Fenster! Doch das Leiterfahrzeug der Retter kippt um - die Kinder sind verloren. Weitere Menschen sterben beim Versuch, sich aus dem Gebäude zu retten. Andere ersticken. Die Feuerwehr holt schließlich in einer dramatischen Rettungsaktion die Überlebenden vom Dach. Viele sind schwer verletzt.

Festgenommene Neonazis kommen wieder frei

Am Vormittag nach dem Feuer gibt die Polizei bekannt: Es war wohl Brandstiftung. Und vier Verdächtige seien bereits gefasst worden. Die jungen Männer aus Mecklenburg-Vorpommern seien in der Nähe des Brandortes gewesen. Sofort spekulieren Beobachter: Es war ein rechtsradikaler Anschlag. Dabei ist in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt, dass die Festgenommenen tatsächlich zur rechten Skinhead-Szene gehören. Innerhalb von Stunden rollt in Lübeck ein internationaler Medien-Tross an: Die Rede ist vom schlimmsten rassistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. In Hamburg und Lübeck demonstrieren 36 Stunden nach dem Ausbruch des Feuers bereits Hunderte Menschen gegen Gewalt und Rassismus.

Doch am Mittag des 19. Januar teilt die Lübecker Polizei mit, dass die aus Grevesmühlen stammenden verdächtigen Neonazis freigelassen wurden: "Die Entscheidung beruht nicht nur auf der Einlassung der vorläufig festgenommenen Personen, sondern auch auf objektiven Beweiserhebungen."

Zündete ein Bewohner das Haus an?

Die Polizei verfolgt zu diesem Zeitpunkt schon eine ganz andere Spur. Beamte nehmen Safwan E. und zwei seiner Brüder fest. Die Libanesen wohnten selbst in der Asylunterkunft. Der 21-jährige Safwan soll einem Sanitäter im Verlauf der Rettungsarbeiten gesagt haben: "Wir waren es." Gegen ihn ergeht Haftbefehl wegen des Verdachts des zehnfachen Mordes und der besonders schweren Brandstiftung. Safwan E. soll das Feuer wegen eines Streits mit anderen Bewohnern gelegt haben.

Nun donnert ein Sturm der Entrüstung durchs Land: Dass der Brand ein Neonazi-Anschlag war, klang doch so einleuchtend. Wollen die Behörden nun etwa das Opfer zum Täter machen? Im September 1996 beginnt ein äußerst umstrittener Prozess.

Gericht kann das Wie, Wann und Wo nicht aufklären

Doch es gibt wieder eine Wende: Am 30. Juni 1997 spricht das Landgericht Lübeck Safwan E. aus Mangel an Beweisen frei. Es gibt kein klares Motiv. Und nicht einmal die Fragen, wie, wann und wo genau das Feuer ausbrach, können die Richter klären. Allerdings steht E. in dem Prozess nicht immer gut da. Und offensichtlich sind einige Hausbewohner beeinflusst worden, zu seinen Gunsten auszusagen.

Ein halbes Jahr nach Prozess-Ende wird die Brandruine in Lübeck abgerissen. Und dann kommen plötzlich unerwartete Neuigkeiten!

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/geschichte/chronologie/neunzigerjahre/luebeckbrand101.html
dossier
Grafik norddeutscher Länder. © NDR
 

Die rechte Szene in Norddeutschland

NDR und Radio Bremen untersuchen Strukturen und Netzwerke der Rechtsradikalen. mehr

Weitere Informationen
Feuerwehrmänner stehen 1992 in Mölln vor einem der Brandhäuser. © AP/dapd Fotograf: Christian Eggers
 

Mölln 1992: Neonazis ermorden drei Menschen

Es ist der erste rassistische Anschlag im vereinigten Deutschland, bei dem Menschen sterben. mehr

Weitere Informationen
Menschen vor einem brennenden Auto bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 © Reuters/Corbis Fotograf: Lutz Schmidt
 

Lichtenhagen: Wo sich der Fremdenhass entlud

Tagelang dauern im August 1992 die Übergriffe auf Ausländer an. mehr

Weitere Informationen
22.08.1980: Brandanschlag auf ein Wohnheim für vietnamesische Flüchtlinge in Hamburg. Der Hausmeister steht in einer ausgebrannten Wohnung. © picture alliance Fotograf: Lothar Heidtmann
 
Video

"Deutsche Aktion": Neonazi-Terror 1980

Bei einem Anschlag in Hamburg sterben zwei junge Vietnamesen. mehr