Stand: 07.01.2015 09:10 Uhr

Helgoländer Hummer: Wechselvolle Geschichte

von Angela Hachmeister

Der Hummer ist nicht umsonst das Wappentier Helgolands. Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Küste vor der einzigen deutschen Hochseeinsel ein Paradies für die begehrten Krustentiere. Etwa 1,5 Millionen Exemplare tummelten sich auf dem Helgoländer Felssockel, ihrem einzigen Lebensraum in deutschen Gewässern. Lange war die Hummerfischerei eine Lebensgrundlage der Insulaner. Hummerfänge sind schon für das Jahr 1615 dokumentiert. In den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gingen Rekordmengen von bis zu 80.000 Tieren jährlich in die Fangkörbe, rund 100 Familien lebten davon. Unter dem Markennamen "Echt Helgoländer Hummer" wurden die Krustentiere vor allem nach Hamburg verkauft. Lieferungen gingen aber auch bis nach England. Heute ist Helgoländer Hummer eine seltene Delikatesse. Nur noch wenige Hundert Stück dürfen jährlich aus dem Meer geholt werden, meist als Beifang von anderen Krebsen wie dem Knieper. Nur noch fünf Fischer verfügen über eine Fanggenehmigung.

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Sprengungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Felssockel beschädigten, raubten dem Hummer Lebensraum.
Weltkriegsbomben zerstörten Hummer-Felsen

Die Hummer-Population rund um Helgoland ist nach Schätzungen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) auf 30.000 Tiere geschrumpft. Es gibt vermutlich mehrere Gründe für den dramatischen Rückgang. Eine Ursache sehen Wissenschaftler des AWI in der starken Bombardierung Helgolands im Zweiten Weltkrieg. Die Engländer versuchten 1947 zudem, Militäranlagen auf der Insel mit gewaltigen Sprengsätzen zu zerstören. Dabei wurden nicht nur Teile der Insel verwüstet, auch die Felsen unter dem Wasserspiegel wurden in Mitleidenschaft gezogen. Der Hummer verlor einen Teil seines Lebensraums. Von diesem Einbruch habe sich der Bestand bis heute nicht erholt, sagt AWI-Projektleiter Heinz-Dieter Franke.

Der Helgoländer Hummer

Helgoländer Hummer gehören zur Art des Europäischen Hummers. Sie bilden jedoch seit Tausenden Jahren eine von den übrigen Europäischen Hummern getrennte Population rund um Helgoland. Der Helgoländer Hummer ist an das Leben auf felsigem Untergrund angepasst und kann anders als andere Hummerarten nicht auf Sand leben. Die Zahl der Hummer rund um Helgoland ist von geschätzten 1,5 Millionen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf aktuell rund 30.000 zurückgegangen.

Hummer leiden besonders unter Umweltsünden

Ein Problem für den Hummer ist zudem die Verschmutzung der Nordsee. Hummer reagieren sensibel schon auf kleinste Öl- und Treibstoffrückstände im Meer, die ihren empfindlichen Geruchssinn stören. Sie spüren damit ihre Beute auf und kommunizieren untereinander über Duftstoffe, die sie ins Wasser abgeben. Ist diese Kommunikation gestört, finden die Hummer keine Partner zur Vermehrung. Geschwächte Exemplare werden auch von anpassungsfähigeren Arten wie beispielsweise Taschenkrebsen verdrängt.

Hummer-Projekt startete 1999

Bereits seit vielen Jahren gibt es Bemühungen, die Population zu stärken. In der Biologischen Anstalt Helgoland werden Hummer nachgezüchtet und im Alter von einem Jahr am Helgoländer Felssockel ausgewildert. Das Projekt wird vom Land Schleswig-Holstein finanziell unterstützt. Tierfreunde können für 25 Euro eine "Hummer-Patenschaft" übernehmen. Seit dem Beginn der Aktion wurden rund 12.000 Junghummer ausgesetzt. Zwar zeigen Forschungen, dass die ausgewilderten Hummer gute Überlebenschancen haben. Von einer dauerhaften Stabilisierung sind die Helgoländer jedoch noch weit entfernt.

Ein neues Forschungsprojekt soll das jetzt ändern. Der Hummer soll auch außerhalb Helgolands in der Deutschen Bucht angesiedelt werden. Wissenschaftler glauben, dass Windparks in Zukunft ein geeigneter Lebensraum sein könnten. An den Sockeln der Windräder werden große Mengen Natursteine aufgeschüttet, um die Bauwerke vor dem Einfluss der Wassermassen zu schützen. Zwischen den Felsbrocken entstehen Hohlräume, die dem Hummer als Wohnhöhle dienen könnten. Doch auch andere Faktoren müssen stimmen: Finden die Hummer genug Nahrung? Wie viele Fressfeinde gibt es?

Im Sommer 2014 wurden die ersten 3.000 Jungtiere im Windpark Riffgat vor Borkum angesiedelt. Ob ihnen der neue Lebensraum zusagt, prüfen die Wissenschaftler im Spätsommer dieses Jahres. Falls sich der Hummer im Windpark wohlfühlt, stünden ihm mit dem Ausbau der Offshore-Windenergie viele neue Lebensräume offen.

Dieses Thema im Programm:

DIE REPORTAGE | 06.10.2017 | 21:15 Uhr