Stand: 09.02.2016 15:25 Uhr

Bürgerwehr: Angst, die Kontrolle zu verlieren

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Sind eine Woche bei der Lawitzer Bürgerwehr mitgelaufen: Hans Jakob Rausch und Frida Thurm.

Diebstähle? Nicht mehr in Lawitz! In dem kleinen Ort in Brandenburg, kurz vor der polnischen Grenze, zieht sich Nacht für Nacht eine Gruppe Dorfbewohner Warnwesten an und geht auf Streife. Angestellte, Rentner - sogar die Bürgermeisterin - notieren fremde Kennzeichen, leuchten in Garagen, fahren mit Blinklicht am Auto die Straße ab.

Für den Film 7 Tage... Bürgerwehr sind Frida Thurm und Hans Jakob Rausch eine Woche mit auf Streife gegangen - und haben bei Lawitzern gewohnt, mit ihnen gekocht, gegessen, gestritten. Es wird klar: Hier übt zwar niemand Selbstjustiz. Doch die Bürgerwehr ist Ausdruck für ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat und Nährboden für Gerüchte und Vorurteile: über die Diebe - und in letzter Zeit auch über die Asylbewerber im benachbarten Eisenhüttenstadt.

Frau Thurm, Herr Rausch, das Aufkommen von Bürgerwehren ist nach den Übergriffen in der Silvesternacht ein viel diskutiertes, hochaktuelles Thema. Sie haben sich mit der Bürgerwehr in Lawitz schon vor der Jahreswende beschäftigt. Ist sie eine der rechten Bürgerwehren, die in Brandenburg immer wieder in der Kritik stehen?

Frida Thurm: Die Mitglieder legen großen Wert darauf, nicht als rechts eingestuft zu werden. Deshalb nennen sie sich selbst auch Bürgerstreife und nicht Bürgerwehr. Wir haben uns dennoch dazu entschieden, den Film "7 Tage… Bürgerwehr" zu nennen, weil der Begriff in der Forschung und im normalen Sprachgebrauch für genau solche Gruppen verwendet wird. Und in unseren Gesprächen mit den Bürgern sind uns relativ häufig rechte Einstellungen begegnet.

Zum Beispiel?

Thurm: Zum Beispiel glauben viele Bewohner, dass die Diebe Ausländer sind. Da wird dann einfach von dem "Polen" gesprochen. Dabei zeigt die Polizeistatistik eindeutig, dass die meisten Täter Deutsche sind.

Die vermeintlich einseitige Medienberichterstattung wird momentan stark kritisiert. Stichpunkt Lügenpresse. War es schwierig, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen?

Hans Jakob Rausch: Bei unserem ersten Besuch haben wir uns spontan dazu entschieden, die Kamera wegzulassen, weil wir gemerkt haben, dass die Bewohner tatsächlich große Vorbehalte gegenüber der Presse haben. Wir haben dann erst mal so mit ihnen gesprochen. Und das hat tatsächlich geholfen, Vertrauen aufzubauen.

Thurm: Während der Dreharbeiten mussten wir dann oft erklären, wie Journalisten eigentlich arbeiten und dass es keine Zensur bei uns gibt. Das war für uns schon überraschend.

Sie haben in Ihrer Woche vor Ort viele Mitglieder der Bürgerwehr kennengelernt, bei einem Ehepaar auch gewohnt. Wovor haben die Lawitzer Angst?

Thurm: Vor vielem, was neu und fremd ist. Ich hatte das Gefühl, dass sie Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren. Die Bürgermeisterin hat ganz klar gesagt, dass sie fürchtet, dass unsere Kultur überrannt wird.

Rausch: Das haben wir ganz deutlich gemerkt, als wir einige Bewohner beim Fernsehen in ihren hübschen, ordentlichen Wohnzimmern gefilmt haben. Die Nachrichten zeigten Bilder von Flüchtlingen, die einen Grenzfluss durchqueren. Da wurde die gefühlte Bedrohung plötzlich sehr sichtbar.

Wenn die Lawitzer sich so bedroht sehen - haben Sie in Ihrer Zeit in Lawitz tatsächlich Diebe erwischt?

Thurm: Nein.

Rausch: Es ist schon ein bisschen absurd. Das Ganze wirkt eher wie eine Jagd auf Gespenster. Jedes fremde Kennzeichen wird notiert und an die Polizei weitergegeben. Egal, wie begründet der Verdacht ist.

Lawitz hat 600 Einwohner. 40 gehen auf Streife. Steht das Dorf hinter der Bürgerwehr? Oder gibt es auch Kritiker?

Thurm: Die Bürgermeisterin, die auch Mitglied der Bürgerwehr ist, hat bei der letzten Wahl wieder gewonnen. Allerdings gab es diesmal eine Gegenkandidatin, die erklärte Kritikerin der Bürgerwehr ist. Die hat fast die Hälfte aller Stimmen bekommen. Man sieht also: Das Dorf ist gespalten.

Das Interview führte Vivienne Schumacher.

Programmtipp
mit Video

7 Tage... Bürgerwehr

14.02.2016 15:30 Uhr

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