Sendedatum: 26.11.2012 22:00 Uhr  | Archiv

Die Mär von der CO2-Einsparung

von Nicolai Kwasniewski, NDR Info
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Der Bund wirbt für eine umweltgerechte Gebäudesanierung. Aber wird der CO2-Ausstoß dadurch tatsächlich entscheidend verringert?

Wer CO2 sparen will, muss erst einmal wissen, wie viel er verbraucht. Und da gehen die Probleme los, sagt der Bauphysiker Frank Essmann. Energieberater messen nämlich nicht, wie viel Heizenergie in einem Haus tatsächlich verbraucht wird, sondern sie berechnen, wie viel verbraucht würde, wenn jeder Raum einer Wohnung rund um die Uhr auf eine Temperatur von 20 Grad geheizt wäre. Diese Annahme sei vollkommen veraltet, sagt Essmann: "Das zeigen auch die Berichte der Ablese-Firmen: Das Heizverhalten hat sich verändert. Der Verbrauchswert ist also ganz anders als der errechnete Bedarf. Bei Wohnhäusern unterscheiden sich die Werte um bis zu 50 Prozent."

Wenn weniger verbraucht wird als vermutet, kann eine Wärmedämmung also auch nur weniger einsparen. Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle hat außerdem ergeben, dass unsanierte Häuser viel weniger Energie verbrauchen als allgemein angenommen. Die Wissenschaftler analysierten die Daten von 200.000 Häusern und kamen zu dem Ergebnis, dass gerade bei klassischen Altbauten eine Wärmedämmung nur zehn bis 15 Prozent Heizenergie spart.

Dämmstoffe sind zu dick

Die Energie-Einsparverordnung (EnEv) nimmt auf solche Feinheiten keine Rücksicht, obwohl sie die weltweit wohl detaillierteste Verordnung zum Thema Gebäudesanierung ist. Im Laufe der vergangenen 35 Jahre hat sich das Regelwerk zu einem 1.000 Seiten starken Buch entwickelt. Und so wie die Regeln an Umfang zunahmen, tat es auch der Dämmstoff, kritisiert der Bausachverständige Axel Rahn, man sei "blindlings in eine Sackgasse gelaufen". Früher seien acht oder zehn Zentimeter Wärmedämmung verbaut worden - ein sinnvoller Wert, sagt Rahn. Denn jeder zusätzliche Zentimeter dämme nur noch wenig, das hätten Messungen ergeben. Die jetzt verbauten 30 Zentimeter seien Ausdruck einer "unreflektierten Wärmedämmhysterie", denn sie lohnten sich nicht - weder finanziell noch ökologisch.

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Der Bausachverständige wünscht sich eine CO2-Gesamtbilanz: "Wenn ich sage, ich möchte CO2-Emissionen reduzieren, dann darf ich natürlich nicht nur überlegen, wie viel Wärmeenergie spare ich ein, sondern ich muss auch überlegen, wie viel CO2-Emissionen treten auf bei der Herstellung, der Produktion, beim Transport und beim Einbau." So eine Bilanz aber gibt es nicht einmal in der 1.000 Seiten dicken Energie-Einsparverordnung.

Der Einfluss der Lobbyisten

Hinter vorgehaltener Hand kritisieren viele Branchenkenner den Einfluss von Lobbyisten: Die Vorgaben der Energie-Einsparverordnung werden am Deutschen Institut für Normung geschrieben. Der zuständige Bauausschuss ist personell eng verwoben mit der Industrie. So arbeitet der Fachbereichsleiter gleichzeitig für einen Dämmstoffhersteller; der Verantwortliche für Wärmedämmstoffe ist Leiter des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW), einem Lobby-Verein der Dämmstoffindustrie.

Beim FIW sitzt wiederum Wolfgang Setzler im Vorstand, er ist gleichzeitig Geschäftsführer des Fachverbandes Wärmedämm-Verbundsysteme und hält diese Verknüpfung für unproblematisch. Die Arbeit für das FIW sei ehrenamtlich, ohne Menschen wie ihn, die dieses Amt ohne Bezahlung führen, gäbe es gar keinen Vorstand. Im Übrigen könne "ein gewisser Lobbyismus" in keiner Richtung ausgeschlossen werden: "Es ist so, dass überall dort, wo Menschen sind, deshalb sagt man das, menschelt es." Das "Menscheln" zwischen Politik und Industrie ist der Bundeskanzlerin offenbar ganz recht: Die Förderprogramme für die energetische Sanierung verkauft Angela Merkel als großen Erfolg, auch für die Wirtschaft.

Konjunkturmaßnahme statt Umweltschutzmaßnahme?

Der Bauphysiker und Energie-Berater Frank Essmann, der ebenfalls an der Energie-Einsparverordnung mitarbeitet, hält das Sanierungsprogramm deshalb auch eher für ein Konjunkturpaket als für eine Umweltschutzmaßnahme. Es sei wie bei der Abwrackprämie: "Letztlich geht es auch hier ganz klar um wirtschaftliche Interessen und nicht nur um die CO2-Einsparung. Denn wenn man wirklich mal die Gesamtbilanz aufstellt, ist sie häufig nicht so positiv, wie sie immer dargestellt wird." Ihre Klimaziele werde die Bundesregierung so allerdings nicht erreichen.

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NDR Info | 26.11.2012 | 22:00 Uhr