Stand: 06.09.2016 14:20 Uhr  | Archiv

So sind Kinder sicher im Straßenverkehr unterwegs

von Wiebke Neelsen
Immer weniger Kinder bewältigen ihren Schulweg alleine.

Jahrzehntelang war es ein vertrautes Bild: Kinder auf ihrem Schulweg. Den Ranzen mit bunten Motiven und Reflektoren auf dem Rücken. Oft in kleinen Grüppchen, mit Geschwistern, Nachbarn, Mitschülern. Jedenfalls ohne begleitende Erwachsene. Doch so, wie der Verkehr auf deutschen Straßen zugenommen hat, scheinen Kinder immer seltener alleine zur Schule zu gehen. Zu gefährlich, finden manche Eltern und fahren ihre Kinder tagtäglich bis vor den Eingang. Tatsächlich hat sich die Zahl der Kinder, die selbstständig zur Schule kommen, einer forsa-Umfrage zufolge von 91 Prozent im Jahr 1971 auf nur noch 50 Prozent im Jahr 2012 verringert.

Jungen verunglücken häufiger als Mädchen

Zweifellos passiert viel im Straßenverkehr: Im Jahr 2015 sind dem Statistischen Bundesamt zufolge etwa 22.500 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren verunglückt, 53 davon tödlich. Demnach erleidet alle 23 Minuten ein Kind dieser Altersgruppe einen Verkehrsunfall. Auffällig ist, dass Jungen wesentlich häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt werden als Mädchen - sowohl mit dem Fahrrad (67 Prozent) als auch als Fußgänger (57 Prozent). Das könne laut Statistischem Bundesamt daran liegen, dass Jungen häufiger alleine im Straßenverkehr unterwegs sind bzw. sein dürfen. Auch eine größere Risikobereitschaft von Jungen wird in Betracht gezogen. Die absolute Zahl sei jedoch rückläufig: Im Jahr 1991 verunglückten noch mehr als 34.000 Kinder in derselben Altersgruppe.

Selbstständigkeit ist das Ziel

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Erwachsene sollten den Kindern im Straßenverkehr Vorbilder sein und z.B. einen Helm tragen.

Dennoch sollten Kinder möglichst früh auch im Straßenverkehr selbstständig werden. "Das ist die Zielvorstellung", sagt Peter Albrecht von der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung im Gespräch mit NDR.de. Aber das sei ein Lernprozess, der von verschiedenen Faktoren abhänge: Länge des Schulwegs, Einbindung von öffentlichen Verkehrsmitteln, persönliche Entwicklung des Kindes, Uhrzeit (etwa sechs Prozent aller Kinder seien schon morgens um 7 Uhr in der Schule). Schließlich bekomme nicht jedes Kind einen Platz an der nächstgelegenen Schule oder entschieden sich Eltern aufgrund eines bestimmten Schulprofils für eine weiter entfernte Bildungseinrichtung.

Übung macht den Schulweg-Meister

Einige Eltern brächten ihre Kinder nicht nur zur Schule, sondern sogar bis in den Klassenraum, sagt Albrecht. "Der Loslösungsprozess muss stattfinden", meint er. Es sei daher Konsens unter den Hamburger Grundschulleitern, dass die Kinder spätestens ab Klasse 3 selbstständig in die Schule kommen. Auch die schulische Radfahrausbildung ist dann bereits im Gang. Zudem bieten die Verkehrsdirektionen bei den Polizeidienststellen Verkehrsschulungen in Grundschulen und sogar schon in Kindergärten an.

"Trotz allem sind die Eltern gefordert, individuell den Schulweg mit ihren Kindern abzugehen und auf Gefahrenstellen aufmerksam zu machen - und das auch mehrfach, denn Wiederholungen prägen sich ein", sagt Isabel Wenzel aus dem Polizeipräsidium Rostock. Sie empfiehlt, bei einem dieser gemeinsamen Wiederholungsgänge das Kind selbst führen zu lassen. So könne kontrolliert werden, was es schon behalten hat. Wichtig sei es auch, nicht nur die Verkehrsregeln an sich zu vermitteln. "Selbst, wenn grün ist - nicht einfach über die Straße gehen. Das sollte dem Kind auch beigebracht werden", erklärt Wenzel.

Ein Plan ist alles

Auch Schulwegpläne sind laut ADAC hilfreich. Sie zeigen sichere Fahrbahnübergänge und Geh-Empfehlungen auf und sollten von Verkehrsbehörden ggf. in Zusammenarbeit mit Schulen und Eltern erstellt werden. Der ADAC weist weiterhin auf Reflektoren an Schulranzen und Kleidung hin - denn Sichtbarkeit erhöhe die Sicherheit.

Die fünf wichtigsten Tipps für mehr Verkehrssicherheit

  • Neue Gefahrenquellen

    Auch, wenn das Kind durch mehrfaches Wiederholen den Schulweg schon alleine gut kennt, sollten Eltern immer mal wieder mitgehen. Sie sollten überprüfen, ob das Kind sich so verhält, wie es mit ihm eingeübt wurde oder ob es z.B. schnell abgelenkt wird. Außerdem sollte der Schulweg regelmäßig auf neue Gefahrenquellen wie Baustellen und blockierte Gehwege untersucht werden.

  • Keine Eile

    Eltern sollten darauf achten, dass die Kinder rechtzeitig das Haus verlassen und auf dem Schulweg nicht in Eile geraten. Unter Zeitdruck sind Kinder nicht mehr so aufmerksam. Flüchtigkeitsfehlern und unüberlegtem gefährlichem Verhalten sind Tür und Tor geöffnet.

  • Sicheres Ein- und Aussteigen

    Kinder sollten wenn möglich auf der Gehwegseite ein- und aussteigen. Außerdem sollten erwachsene Autofahrer die Kinder idealerweise an der Seite herauslassen, an der auch das Fahrtziel, z.B. die Schule, liegt. So werden weitere Fahrbahnüberquerungen vermieden.

  • Ich sehe dich - aber du mich nicht unbedingt

    Kinder sind noch sehr ichbezogen: Ich sehe dich, also kannst du mich auch sehen. Das ist aber nicht automatisch so. Die Wichtigkeit von Augenkontakt im Straßenverkehr sollte ihnen vermittelt werden. Auch sollten ihnen Ampeln aus der Sicht von Autofahrern erklärt werden: Ist es bei uns rot, haben die Autos grün - und können uns gefährlich werden, wenn sie plötzlich heranfahren. Niemals bei rot gehen - das sollten auch Erwachsene vormachen.

  • Was zieh' ich an?

    In den frühen Morgenstunden ist es oft noch dunkel. Helle Kleidung als Kontrast ist daher angeraten. Außerdem sollten Sicherheitswesten oder Kleidung mit Reflektoren getragen werden. Auch Schulranzen sollten reflektieren und die DIN-Norm erfüllen.
    (Quelle: ADAC-Schulwegratgeber)

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Und wenn das Kind doch mit dem Auto zur Schule gebracht werden soll, böten sich sogenannte Hol- und Bringzonen in Schulnähe an. Denn aufgrund der Menge an Fahrzeugen komme es oft zu Regelverstößen, bei denen auch andere Kinder gefährdet werden können: Etwa die Behinderung von Schulbussen sowie gefährliche Fahr- und Wendemanöver. "Da entstehen zum Teil große Staus", berichtet Behördensprecher Albrecht. Eine Lösung sei, nicht direkt vor der Schule zu halten. "Die letzten Meter sollten dann vom Kind alleine zurückgelegt werden, vielleicht zusammen mit Klassenkameraden", sagt Albrecht.

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ADAC-Schulwegratgeber

Tipps zum sicheren Schulweg hat der ADAC hier zusammengefasst. extern

Hände weg vom Handy

Nicht zuletzt appelliert der ADAC auch an die Vorbildfunktion der Erwachsenen: umsichtiges Verhalten im Straßenverkehr, keine riskanten Manöver - ob mit einem Fahrzeug oder zu Fuß -, Tragen eines Fahrradhelmes. Außerdem weniger Smartphone-Nutzung im Straßenverkehr, denn, so Albrecht: Auch Handys tragen zur Ablenkung von Kindern bei - obwohl sie doch eigentlich deren Sicherheit dienen sollen.

Unfallversicherung: So sind Kinder auf dem Schulweg versichert

  • auf direkten Wegen zwischen dem häuslichen Bereich und der Schule
  • mit schulischen Veranstaltungen zusammenhängende Wege
  • Es sollte der kürzeste und direkte Weg gewählt werden.
  • keine Unterbrechungen, die länger als zwei Stunden andauern (z.B. zum Einkaufen)

Ausnahmen/Ergänzungen:
  • eine Abweichung vom direkten Weg ist verkehrsgünstiger oder ungefährlicher
  • Mehrere Schüler/Eltern bilden eine Fahrgemeinschaft.
  • Die berufliche Situation der Eltern erfordert es, das Kind in fremde Obhut zu geben.
(Quelle: Ministerium für Arbeit und Soziales)

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.09.2016 | 08:00 Uhr

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