Stand: 21.09.2015 09:28 Uhr  | Archiv

Schweinefleisch zu Dumpingpreisen

von Claus Hesseling

Fast zwei Drittel des gesamten Fleischkonsums entfallen in Deutschland auf Schweinefleisch. 52 Kilo verbraucht jeder Deutsche pro Jahr. Im Laufe eines Lebens macht das durchschnittlich 45 Schweine. Das hat die Heinrich-Böll-Stiftung für den Fleischatlas 2014 errechnet.

Fleisch wird immer billiger

Circa 6,27 Euro - so viel mussten Käufer im Durchschnitt im Juli 2015 für ein Kilogramm Schweinefleisch an der Ladentheke oder im Supermarkt zahlen. Das sind rund 1,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Das hat die Marktbeobachtungsstelle AMI errechnet. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Lebensmittelpreise in der Regel langsamer entwickelt als die durchschnittliche Inflationsrate. Im Klartext: Fleisch und Co. wird für Verbraucher billiger. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium musste ein Arbeitnehmer 1970 für ein Kilogramm Schweinekotelett noch 96 Minuten arbeiten, 2013 waren es nur noch 23 Minuten.

Was verdienen die Bauern?

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Nur 6,27 Euro kostet ein Kilogramm Schweinefleisch im Durchschnitt, der Erzeuger bekommt davon nur etwa 1,48 Euro.

"Kühe machen Mühe, Schweine bringen Scheine" - diese alte Bauernweisheit ist mittlerweile überholt. Denn viele Schweinebauern klagen, dass die Margen nicht ausreichen und die Kosten höher sind als die Erträge. Von den 6,27 Euro bekommt der Erzeuger, also der Schweinemäster, nur rund 1,48 Euro. Vor drei Jahren lag der Ertrag noch bei 1,71 Euro. Nach Berechnungen der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. operieren viele Schweinemäster unter der Wirtschaftlichkeitsschwelle: Ein 95-Kilo-Schwein bringt ihnen bei 1,48 Euro pro Kilo insgesamt 142 Euro. Die Kosten belaufen sich jedoch auf rund 150 Euro pro Schwein plus Transportkosten. Das bedeutet: Erst ab einem Erlöspreis von rund 1,65 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht lohnt sich die Schweinemast für die Landwirte - und dieser Preis wird seit Jahren unterschritten.

Viele Bauern müssen deshalb ihren Betrieb aufgeben. Zum Beispiel zählten die Statistiker 1999 in der Gemeinde Wesendorf nahe Gifhorn 14 Betriebe mit Schweinehaltung. 2010 war es nur noch ein einziger Betrieb.

Lockangebote zu Dumpingpreisen

Der Rest - also 4,79 Euro pro Kilogramm - geht an Schlachter, Fleischgroßhandel und Einzelhandel. Aber wie sich die Anteile aufteilen, darüber wird in der Branche geschwiegen. Weder Schlachter noch Handel wollen sich in die Karten gucken lassen. Offenbar verdient der Handel jedoch auch nicht viel am Fleisch, sagen Experten. Aber Fleisch ist wichtig, damit die Kunden kommen und noch andere Produkte kaufen. Deswegen sind Fleisch-Sonderangebote in fast jedem Supermarktprospekt zu finden. Experten schätzen, dass 70 bis 80 Prozent allen Schweinefleischs über Angebote verkauft wird - oft zu Dumpingpreisen. Die vier großen Ketten Edeka, Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi haben so eine große Marktmacht, dass sie einen Großteil der Preise diktieren können. Zusammen machen die vier Großen rund 67 Prozent des Einzelhandelsumsatzes aus. Rund 44 Prozent aller Fleisch- und Wurstwaren werden bei Discountern verkauft.

Wie steht es um den Tierschutz?

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Niedrige Preise, geringe Margen - da bleibt der Tierschutz auf der Strecke.

Immer wieder müssen sich Schweinemäster in Norddeutschland Kritik an der Art und Weise der Schweinehaltung gefallen lassen. Immer wieder kommt es auch zu kritischer Berichterstattung in den Medien über die Zustände in den Ställen und Schlachthöfen. Allerdings sind vielen Bauern die Hände gebunden: Sie würden die Zustände gerne verbessern, dann würde sich die Schweinezucht aber noch weniger lohnen. Nur wenn mehr vom Verkaufserlös im Supermarkt beim Erzeuger ankommt, sind langfristig Veränderungen möglich.

Würden Verbraucher mehr bezahlen?

Laut einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR wären 88 Prozent der Verbraucher bereit, mehr für Fleisch auszugeben, wenn sich im Gegenzug die Haltungsbedingungen für Tiere ändern. Dass Fleisch aus biologischem Anbau kommt, finden 57 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig. 61 Prozent finden es gut, Fleisch aus der Region zu kaufen.

Dieses Thema im Programm:

21.09.2015 | 21:00 Uhr

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