Stand: 01.11.2012 09:17 Uhr  | Archiv

Neuer Trend: Fummel leihen - nicht kaufen

von Hanna Grimm, NDR.de
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Thekla Wilkening (links) und Pola Fendel wollen lieber Kleidung tauschen, statt sie zu kaufen.

Maries Hände gleiten über einen grauen Kashmirpullover mit großen Glitzerknöpfen. "So ein ausgefallenes Teil hab ich nicht im Schrank", sagt sie bewundernd und zieht sich den Pulli über. Er passt. Doch Marie kauft sich den Fummel nicht - sie leiht ihn sich für eine Woche aus. Das ist möglich durch ein neues Konzept: In der Kleiderei auf St. Pauli in Hamburg werden Kleider verliehen - so wie in einer Bibliothek Bücher. Im Gegensatz zum Kostüm- oder Smokingverleih wird hier auch Alltagskleidung angeboten

Weg vom Shoppen - hin zum Teilen

Gegründet haben die Kleiderei die Studentinnen Pola Fendel und Thekla Wilkening. "Wir wollen eine Alternative schaffen zum Shoppen", sagt Pola. In der Kleiderei können sich Frauen für 14 Euro im Monat für je eine Woche lang zwei Teile ausleihen. "Damit sprechen wir die an, die sich nicht immer was Neues kaufen können, aber trotzdem individuell sein wollen", sagt Thekla.

Bunt mit ein bisschen Glitzer - die Kleiderei

Abendkleider, Lederjacken, Glitzerfummel, Wollpullis und Hüte - auf drei Kleiderstangen hängen insgesamt 350 Kleidungsstücke. Das meiste haben die Studentinnen aus dem eigenen Schrank beigesteuert, ein anderer Teil ist von ihren Müttern und Freundinnen gespendet worden. Auch einige Jung-Designer aus Hamburg verleihen ihre Kleider in dem Laden und hoffen so, bekannter zu werden.

Für jeden was dabei?

Für Männer hat der Laden keine Kleidung zu bieten. "Es sei denn sie tragen Frauenkleider, dann können sie gern bei uns leihen", sagt Pola. Und auch wer eine größere Kleidergröße als M hat, findet in dem Laden nicht viele Klamotten. Das meiste stamme aus dem Kleiderschrank der Freundinnen, dementsprechend seien viele Klamotten auch eher in ihrer Größe, erklären die Studentinnen.

Neben Kleidung bietet der Laden aber auch Accessoires, Schuhe und Schmuck an. Der größte Teil des Schmucks stammt von Polas Oma. "Mir hätte meine Oma nie ihren Schmuck geliehen", erzählt Pola lachend. "Aber das Konzept von der Kleiderei fand sie so gut, dass sie mit allem freiwillig rausgerückt ist."

Leihen wie bei Freundinnen

Demnächst werden die gespendeten Kleider und Omas Schmuck von Frauen in Hamburg getragen. Sauber und ordentlich muss das Geliehende wieder abgegeben werden. "Wir haben das Prinzip 'Leihen wie bei einer Freundin' und hoffen, dass die Sachen gut behandelt werden", sagt Thekla. Darum ist jedes Kleidungstück mit einem Schild versehen, auf dem der Wert des Teils steht.

Kommen die Klamotten mit einen Rotweinfleck oder einem Brandloch zurück, muss die Kundin die Hälfte des Preises zahlen und Thekla und Pola übernehmen die andere. Falls jedoch ein Kleidungsstück verloren geht, muss der komplette Preis gezahlt werden. Teilen statt besitzen - das Konzept zu leben fällt auch den beiden Frauen nicht immer leicht. "Ich hab ein Paar rote Schuhe, die ich am Anfang am liebsten wieder mit nach Hause genommen hätte", gibt Thekla zu. Doch die Unternehmerinnen haben ihre Maxime im Blick: Die schönsten Stücke im Kleiderschrank sollten geteilt werden.

Teilen und dabei was erleben

Und damit liegen sie voll im Trend, meint Florian Häupl. "Die Menschen denken verstärkt darüber nach, wofür sie ihr Geld ausgeben. Wer teilt, ist viel effizienter", sagt der Trendforscher. Das Konzept des Teilens sei in anderen Bereichen längst da, zum Beispiel beim "Car Sharing", dem Teilen von Autos. "Erst gab es da nur kleine, private Anbieter und jetzt setzen auch die etablierten Automobilhersteller auf diese Entwicklung", erklärt er.

Im Modebereich sei dieser Trend jetzt auch angekommen, sagt Häupl. "Die Menschen wissen, dass das T-Shirt für 3,99 Euro eigentlich einen viel höheren Preis hat. Sie wissen, dass durch Billig-Kleidung Umweltverschmutzung und Armut gefördert werden." So sei ein neues Bewusstsein entstanden.

Als Trendforscher beobachtet Häupl Projekte wie die Kleiderei. Er erwartet, dass die Studentinnen erfolgreich sein werden. Dabei ginge es nicht nur ums Teilen, sondern auch um den "Erlebnis-Konsum". "Wenn ich in die Kleiderei gehe, hab ich auf der nächsten Party eine tolle Geschichte, die ich erzählen kann. Oder ich poste etwas darüber bei Facebook. Auf jeden Fall habe ich etwas erlebt", sagt er.

Ein schwärmender Steuerberater

Auf der Eröffnungsfeier der Kleiderei brummt der Laden. Es gibt Bier und Wein, ein DJ legt auf. Pola hat sich goldene Wimpern angeklebt und Thekla trägt große blaue Ohrringe. Aufgeregt nehmen sie Blumen und Glückwünsche entgegen. Die ersten Kunden leihen sich Klamotten. Die ersten Euros sind in der Kasse. "Zunächst geht es uns darum, unsere Idee zu verwirklichen. Wir wollen nicht die Riesen-Kohle machen", sagt Pola. "Aber schön wär's natürlich schon", ergänzt Thekla.

In der Masse von Studenten bei der Feier sticht ein Mann heraus. Er ist älter als die meisten hier und nicht wegen der Klamotten gekommen. Er ist Theklas Dozent im Studiengang Bekleidungstechnik und mittlerweile auch der Steuerberater der beiden. Als seine Studentin ihm von der Idee erzählte, war Uwe Schempp sofort begeistert, denn für ihn stimmt nicht nur die Idee, sondern auch das finanzielle Konzept. "Das Risiko ist gering, die Investitionen sind klein und der Standort ist gut", sagt er. Schempp hat große Pläne für die Kleiderei: "Ich könnte mir vorstellen, dass Thekla und Pola deutschlandweit und sogar weltweit damit Erfolg haben werden."