Stand: 10.02.2017 08:56 Uhr

Bier im Test: Pils gegen Craft Beer

von Annette Niemeyer

Immer mehr kleine Brauereien bringen sogenanntes Craft Beer mit viel Hopfen, Malz und Hefe auf den Markt. Dabei entstehen handwerklich gebraute Bierspezialitäten, die dem industriell hergestellten Bier Konkurrenz machen sollen. Inzwischen folgen auch die großen Brauereien dem Trend. In einer Stichprobe vergleichen die Biersommeliers Sylvia Kopp aus Berlin und Matthias Kopp aus Hamburg, wie Craft Beer von Beck's, Krombacher und Veltins schmeckt.

Pils und Craft Beer im Vergleich

Trend: Weniger Pils, mehr Craft Beer

Der Bierkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren, doch die Zahl der Brauereien im Norden hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Während das früher so beliebte Pils heute weniger getrunken wird, steigt die Nachfrage nach handwerklich gebrautem Craft Beer. Der Trend stammt aus den USA: Dort begannen sogenannte Mikrobrauereien bereits in den 80er-Jahren, Biere nach handwerklicher Tradition herzustellen. Die Craft-Beer-Bewegung ist inzwischen auch in Deutschland angekommen: Zuerst experimentierten kleine Brauereien mit neuen Bierstilen und hochwertigen Zutaten. Inzwischen bieten auch einige große Bierhersteller Craft Beer an.

Craft Beer: Aromahopfen, Hefe und keine Hilfsstoffe

Im Standard-Pils landen in der Regel das helle Pilsner-Malz und günstige Hopfenpellets oder gar Hopfenextrakt. Handwerkliche Brauer experimentieren mit geröstetem Gerstenmalz, Roggen- oder gar Hafermalz. Entscheidend für den Geschmack der Craft-Biere ist aber auch die Züchtung neuer Hopfensorten und das Weglassen von Hilfsstoffen, die in der Massenfertigung eingesetzt werden:

  • Früher brachte der Hopfen dem Bier die bittere Note und machte es haltbar. Das ist heute immer noch so, aber neu gezüchtete Aromahopfen-Sorten sind darüber hinaus in der Lage, ungeahnte Geschmacksnoten ins Bier zu bringen. Sie heißen Sorachi Ace, Simcoe oder Cascade und schmecken nach Noten von Kokos, Grapefruit oder Litschi.
  • Auch bei der Hefe sind Craft-Beer-Brauer experimentierfreudig. Sie verwenden eine Vielzahl unterschiedlicher Hefesorten, zum Beispiel Champagner-Hefe.
  • Bestimmte Hilfsstoffe, die die Industrie einsetzt, sind bei Craft-Beer-Brauern verpönt. Ein Beispiel ist der Kunststoff Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP). Das weißliche Pulver wird dem Pils zugegeben und später wieder abgefiltert. PVPP dient der Stabilisierung des Bieres und verhindert, dass das klare Bier nach längerer Zeit im Supermarktregal eintrübt.

Naturtrübes Kellerbier von Krombacher: Mehr Aroma als Pils

Marktführer Krombacher produziert unter dem Namen Krombacher Brautradition seit 1803 ein naturtrübes Kellerbier und ein naturtrübes Dunkelbier. Die Biersommeliers haben das Krombacher Kellerbier verkostet. Sylvia Kopp lobt die "präsente Bitterkeit bis in den Ausklang" und den "mittelkräftigen Malzkörper". Das Kellerbier biete mehr Aroma als das Krombacher Pils. Sommelier Matthias Kopp dagegen kritisiert die Verwendung von Hopfenextrakt in einem Kellerbier, das sich auf die Brautradition seit 1803 beruft. Denn Hopfenextrakt ist erst seit den 1960er-Jahren bei der Bierherstellung üblich. Mit 200 Jahre alter Brautradition habe diese Zutat also nichts zu tun, sagt der Sommelier.

Krombacher schreibt dazu: Hopfenextrakt sei Naturhopfen in konzentrierter Form, deshalb stehe die Verwendung "völlig im Einklang mit dem Reinheitsgebot  von 1516, unserer Brautradition von 1803 und den damit verbundenen hohen Qualitätsansprüchen, die wir an unsere Produkte stellen".

Grevensteiner Landbier von Veltins: Süffig und mild

Aus dem Hause Veltins kommt das Grevensteiner Landbier. Für die Herstellung wurde extra ein neuer Gär- und Lagerkeller gebaut, damit das Grevensteiner - wie früher üblich - in offenen Gärbottichen reifen kann. Die Sommeliers sind sich einig: Das Grevensteiner ist malzbetont und wie beworben süffig und mild. Sylvia Kopp schmeckt etwas "Kerniges, Getreidiges, Toastartiges“ heraus. Auch Schaum und Farbe des Bieres kommen bei den Sommeliers gut an.

"Erntefrischer Hopfen" aus Pellets

Die Sommeliers kritisieren aber, dass das Grevensteiner mit der Zutat "erntefrisch verarbeiteter Hopfen" wirbt. Es könne der Eindruck entstehen, Veltins verwende zum Brauen des Grevensteiners erntefrischen Hopfen. Dieses sogenannte Grünhopfenbier sei aber eine absolute Rarität, die nur einmal im Jahr, direkt nach der Hopfenernte, gebraut werden könne. Bei Veltins bedeutet "erntefrisch verarbeiteter Hopfen" aber, dass der Hopfen erntefrisch zu sogenannten Pellets verarbeitetet wurde.

Veltins teilt auf Nachfrage mit, man halte die Kritik der Sommeliers "für unbegründet". Da das Grevensteiner unter der Sortenbezeichnung "Landbier" angeboten werde, sei "eine Verwechslung mit dem Bierstil eines Frischhopfenbiers" ausgeschlossen.

Pale Ale von Beck’s: Ähnliche Note wie Pils

Gleich vier neue Biersorten hat Großbrauer Anheuser Busch auf den Markt gebracht: Beck’s 1873 Pils, Amber Lager, Red Ale und Pale Ale. Die Sommeliers probieren das Pale Ale. Auf dem Etikett wird die "Hopfennote Cascade" ausgelobt, ein unter Craft-Beer-Brauern beliebter Aromahopfen mit fruchtigem Geschmack. Beim Pale Ale von Beck’s schmecken die Sommeliers aber keine Fruchtigkeit, sondern eher eine "kräuterig-erdige" Note - wie beim Beck’s Pils. Nach Ansicht der Sommeliers hat sich Beck's auf den neuen Braustil nicht richtig eingelassen.

Fazit: Mehr Vielfalt im Bierregal

Beide Sommeliers freuen sich über mehr Vielfalt im Bierregal, auch durch die großen Brauereien. Denn endlich geht es beim Bier wieder um Geschmack und Qualität und nicht nur um den günstigsten Preis. Wer aber überraschende, geschmacksstarke Biere trinken möchte, trinkt nach Ansicht der Sommeliers besser ein Craft Beer aus einer kleinen Brauerei.

Ein Mann blickt auf ein Bierregal

Bier im Test: Pils gegen Craft Beer

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Immer mehr Brauereien bringen sogenanntes Craft Beer auf den Markt. Das Bier wird mit Aromahopfen und spezieller Hefe gebraut. Schmeckt es besser als Pils?

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