Live aus der Staatsoper Hamburg

Uraufführung: Toshio Hosokawa "Stilles Meer"

Sonntag, 24. Januar 2016, 17:30 bis 20:00 Uhr

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima als Thema auf der Opernbühne? Der japanische Starkomponist Toshio Hosokawa, ein erklärter Gegner der Atomkraft, will bewusst keine explizite politische Botschaft in seiner Oper "Stilles Meer" vermitteln.

Fukushimas Trauma als Oper

Aber es sei ihm ein Anliegen, den Opfern von 2011 ein Denkmal zu setzen, sagt er: "Ich stamme aus Hiroshima. Meine Eltern haben die schreckliche Katastrophe des Atombombenabwurfs 1945 erlebt. Nun Fukushima: Atomkraft zerstört die Natur, und ich liebe die Natur. Meine Musik ist eine Korrespondenz mit der Natur."

Die Stimmen der Toten im Wind

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Hosokawa reiste nach der Reaktorkatastrophe nach Fukushima und hatte den Eindruck, die Stimmen der Toten im Wind zu hören.

Toshio Hosokawa ist nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe nach Fukushima gefahren, und er war entsetzt über die Auswirkungen, die er sah. "Das Meer war viel aggressiver, als ich es kannte. Ich hatte den Eindruck, in den Windgeräuschen selber Stimmen von den Verstorbenen zu hören. Das war für mich schrecklich - ich kann das nicht mehr vergessen."

Die Idee entstand, im Auftrag der Staatsoper Hamburg, eine Oper über die Trauer der betroffenen Menschen zu komponieren. Toshio Hosokawa wandte sich an den japanischen Kultregisseur Oriza Hirata, der ihm, basierend auf einem Werk des traditionellen No-Theaters, das Libretto zur Oper schrieb. Darin steht eine Frau im Mittelpunkt, Claudia, eine ehemalige Balletttänzerin aus Deutschland, die mit ihrem Sohn nach Japan ausgewandert ist und dort bei der Katastrophe ihren zweiten Mann und ihren Sohn Max verloren hat. Sie kann sich insbesondere mit dem Verlust ihres Sohnes nicht abfinden. Ihr erster Mann, Stephan, Vater von Max, reist aus Deutschland an und versucht, ihr aus ihrer Trauer heraus zu helfen. Doch wird sie diesen unermesslichen Schmerz tatsächlich besiegen? Und wie gehen ihre japanischen Mitmenschen mit der fatalen Lebenssituation um? Welche Hoffnung haben noch die Kinder, die dort am Meer aufwachsen und nicht einmal mehr im Freien spielen dürfen?

Besetzung

  • Susanne Elmark (Claudia)

    Vor zwei Jahren entdeckte Toshio Hosokawa auf der Opernbühne in Amsterdam die Sopranistin, für die er die Hauptrolle seiner neuen Oper "Stilles Meer" schreiben wollte: Susanne Elmark. Die junge, gutaussehende und an vielen bedeutenden europäischen Opernhäusern gastierende Dänin faszinierte den japanischen Komponisten: "Du bist meine Claudia!", sagte er schon bei der ersten persönlichen Begegnung, und Elmark zeigte sich begeistert von der beginnenden Zusammenarbeit:"Ich glaube, das ist für jeden Komponisten wichtig, dass er weiß, für wen er schreibt. Er hat mir Szene für Szene geschickt und gesagt, wenn es irgendetwas gibt, was du anders haben möchtest, sag es einfach. Aber ich habe mir gedacht: Er muss erst einmal die Freiheit haben, so zu schreiben, wie er möchte. Wir haben jetzt vor Ort nur sehr wenig geändert."

  • Bejun Mehta (Stephan)

    Der international renommierte Countertenor stammt aus den USA, wo er schon mit 10 Jahren als Gesangssolist öffentlich auftrat, u.a. dirigiert von Leonard Bernstein. 1998 debütierte Mehta in New York, 2005 bei den Salzburger Festspielen. In Hamburg arbeitet er jetzt erstmals mit Toshio Hosokawa, dessen neue Oper er sehr schätzt. "Ich habe bei den Proben gemerkt, dass ich vorher nie wirklich verstanden hatte, was Fukushima für die Japaner wirklich bedeutet", sagt Mehta im Interview. "Die Oper ist quasi eine Meditation über Trauer und Verlust. Die Japaner müssen schon seit Jahren mit den Folgen der Katastrophe klar kommen. Sie müssen damit leben, dass ihr Land in 'gefährliche Zonen' und 'sichere Zonen' unterteilt ist. Wir im Westen haben Fukushima schon fast vergessen, aber für die Japaner bleibt die Katastrophe sehr aktuell."

  • Mihoko Fujimura (Haruko)

    Die gebürtige Japanerin studierte in Tokio und München Gesang. Sie debütierte 2002 bei den Münchner Opernfestspielen und begann damit eine internationale Karriere, die sie in den vergangenen Jahren an viele bedeutende Opernhäuser führte. Mit Toshio Hosokawa arbeitet sie bereits längerer Zeit zusammen - sie beide seien für ihre Heimat "Reimporte", scherzt sie im Interview mit NDR Kultur, denn beide seien erst durch ihre Erfolge in Europa auch in Japan bekannt geworden. Hosokawas neue Oper "Stilles Meer" fasziniert Fujimura. Sie sei schon vom Text allein gefesselt gewesen. Nach der Lektüre des Librettos habe sie einen ganzen Tag nicht mehr sprechen können. Auch die Musik Hosokawas spiegele die immense Trauer über das unfassbare Ereignis: "Es macht mich wütend zu sehen, dass die Japaner anfangen, Fukushima zu vergessen. Wir haben in Japan schon so viele Naturkatastrophen erlebt, dass wir selbst nach diesem von Menschen zu verantwortenden Reaktorunglück einfach zur Tagesordnung übergehen. Ich kann das nicht begreifen. Ich singe in dieser Oper für alle Opfer von Fukushima."

  • Kent Nagano (Leitung)

    Der seit dieser Spielzeit amtierende Generalmusikdirektor Kent Nagano, der selber japanische Vorfahren hat, dirigiert.

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