Stand: 03.04.2017 17:22 Uhr

Interkulturelle Visionen für die Zukunft

Im Staatstheater Braunschweig findet noch bis zum 8. April zum 6. Mal die Themenwoche "Interkultur" statt. Vom 3. bis 5. April wird sie vom 6. Bundesfachkongress Interkultur flankiert - veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen. Die Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajic, hat an der Eröffnung teilgenommen.

NDR Kultur: Seit 2006 findet alle zwei Jahre der Bundesfachkongress "Interkultur" statt. Nach Stationen in Stuttgart, Nürnberg, Bochum, Hamburg und Mannheim nun also in Braunschwieg. Vieles ist neu und anders bei der derzeitigem Integration verschiedener Ethnien mit und durch Kultur. Etliche Zuwanderer leben schon lange in Deutschland, viele sind neu hinzu gekommen. Da lag es zunächst einmal nah, eine Bestandsaufnahme des Bisherigen zu machen. Wie fällt die Ihrer Meinung nach aus?

Bild vergrößern
Seit 2013 ist Gabriele Heinen-Kljajic die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur.

Gabriele Heinen-Kljajic: Die Bestandsaufnahme fällt so aus, dass der Ansatz der Interkultur der ist, den wir im Moment wirklich brauchen in der Kulturpolitik, denn er greift die demografische Realität auf und sucht nach Antworten, wie wir denn in einer immer bunteren Gesellschaft eine Form des Austausches über kulturelle Grenzen hinweg finden können. Und wenn man sich die Zahlen anschaut: Inzwischen hat jede fünfte Person, die in Deutschland lebt, einen sogenannten Migrationshintergrund. In Westdeutschland gilt das für jede vierte Person. Bei den Kindern unter fünf Jahren gilt das bereits für gut ein Drittel. Das heißt, wir müssen Formen des Austausches finden. Wir müssen Ebenen finden, auf denen wir zueinander finden und das Gemeinsame entdecken statt ständig das Trennende zu benennen. Gerade in Zeiten, in denen Rechtspopulismus wieder Zuwachs erhält und in denen zunehmend die Frage gestellt wird: "Sind wir wirklich ein Einwanderungsland? Hat Einwanderung auch ihre Grenzen?" ist es umso wichtiger zu zeigen, dass Einwanderung auch für uns als Aufnahmeland eine große Chance ist. Und das kann Kunst und Kultur so gut wie kein anderes Metier.

Der Begriff "Multikulturalität" war vor zehn Jahren noch ein richtiges Modewort und ist heutzutage in Verruf geraten, weil man merkte, dass das gleichzeitige Nebeneinander verschiedener Kulturen nicht ganz so reibungslos funktioniert, wie man dachte. Jetzt nennt man es "Interkulturalität" - ist das nur ein andere Name oder meint das auch etwas anderes?

Heinen-Kljajic: Nein, das meint ausdrücklich etwas anderes. Beim Ansatz der Multikulturalität ging es eher um "Leben und Leben lassen", jeder bringt seine Kultur mit und lebt sie aus. Der Begriff der "Interkultur" beschreibt einen Prozess des sich gegenseitig Durchdringens, des sich gegenseitig Befruchtens und spricht die Punkte der unterschiedlichen Kulturen an, die anschlussfähig sind. Das heißt, der Begriff der "Interkultur" versucht das Gemeinsame zu entwickeln. Er versucht aber auch weniger als die Integrationsarbeit den Kulturkanon Deutschlands zu vermitteln, sondern versucht denen, die aus welchen Gründen auch immer hier herkommen, dass sie mit ihrer Biografie und ihren Problemen tatsächlich auch vorkommen. Dass sie in unseren Theatern vorkommen, dass sie in unseren Museen vorkommen. Das beschreibt der Terminus der "Interkultur".

Veranstaltungen

Sieben Tage interkultureller Austausch

03.04.2017 19:00 Uhr

Die "Themenwoche Interkultur" startet mit Konzerten, Vorträgen, Performances, Workshops, Theatervorführungen, Gesprächen - und einer ganz besondere Stadtführung. mehr

Wenn wir den Kulturbegriff einmal sehr weit nehmen und uns nicht nur auf die Hochkultur beschränken, dann fristet Kultur im Alltagsleben doch eher ein Nischendasein. Darf man deswegen annehmen, dass die Integration gut funktioniert?

Heinen-Kljajic: Auf keinen Fall! Und eine gute Kulturpolitik ersetzt niemals eine chancengerechte Bildungspolitik, eine chancengerechte Arbeitsmarktpolitik oder eine gute Sozialpolitik. Aber ich glaube, dass gerade die Kulturpolitik eine Ebene ist, auf der man alle Menschen - egal ob es die Zugewanderten oder die sogenannten Bio-Deutschen sind - dafür sensibilisieren kann, dass das Miteinander sehr gut gelingen kann, wenn beide Seiten sich gleichermaßen Mühe geben.

Schon heute schmähen viele Populisten und deren Mitläufer die Verwässerung der "deutschen Leitkultur". Wie will man diesen Ressentiments entgegentreten?

Heinen-Kljajic: Das Problem mit der "Leitkultur" ist ja, dass es eine Illusion ist. Es gibt keine "Leitkultur". Schon Menschen aus unterschiedlichen Regionen oder unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit haben unterschiedliche Kulturen. Es gibt keine klare Grenzziehung zwischen der Kultur der Bevölkerung A und B. Von daher ist es eine Illusion zu meinen, es gäbe so etwas wie eine statische Kultur, die im Aufnahmeland dann die "Leitkultur" sei. Kultur hat immer vom Austausch und von der Migration gelebt. An der Stelle ist es auch die Aufgabe von Kunst und Kultur, den Menschen, die daran zweifeln und immer noch an die Idee der "Leitkultur" glauben, zu demonstrieren, dass auch das, was man unter "deutscher Leitkultur" verstehen will, in Wahrheit nichts anderes ist, als das Konglomerat von tausenden und millionenfachen interkulturellen Austauschen.

Die drei Säulen der Bundesfachkonferenz 2017 sind die Bestandsaufnahme, die Vernetzung und als Drittes und vielleicht Wichtigstes: die Perspektive. Was ist zu tun, damit die Willkommenskultur, die im Moment herrscht, auch nachhaltig zu einer Interkultur wird?

Heinen-Kljajic: Wenn wir von Kultur sprechen, muss man ja auch das Thema Sprache ansprechen. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Menschen, die hier ankommen, erstmal die Möglichkeit geben, unsere Sprache soweit zu erlernen, dass man auch wirklich von einer Teilhabe sprechen kann. Deshalb haben wir als Land als Reaktion auf die zunehmende Zahl der Flüchtlinge ein großes Paket für Sprachkurse, für Grundbildungskurse und für zweite Bildungswege von über 50 Millionen Euro pro Jahr aufgelegt. Darin enthalten ist aber auch ein dickes Paket für die Kultur. Man muss zum einen den Austausch zwischen den Kulturen herstellen und übrigens auch Kultureinrichtungen als Arbeitgeber für die Arbeitsmarktintegration wahrnehmen. Und Kunst und Kultur sind auch noch mehr als bisher gefordert, tatsächlich miteinander zu reden und nicht übereinander. Diversität und Interkultur müssen in jeder Personalpolitik von Kulturbetrieben stattfinden. Es muss in allen Bereiche der Austausch gefördert werden. Dann kann der Kulturbetrieb tatsächlich auch einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Übersicht

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.04.2017 | 19:00 Uhr