Sendedatum: 12.05.2017 15:20 Uhr

Wein oder nicht Wein? Islam und Alkohol

Alkohol spielt in den monotheistischen Religionen eine sehr unterschiedliche Rolle. Im Judentum gehört es quasi zum Ritual, dass man beim Purim-Fest auch mal einen über den Durst trinken darf; im Christentum wird beim Abendmahl am Altar Wein gereicht. Nur im Islam gibt es heute ein striktes Alkoholverbot - das war allerdings nicht immer so rigide.

Die Alkoholfrage im Islam

Von Michael Hollenbach

Das islamische Alkoholverbot gründet im Koran. Allerdings gibt es in der heiligen Schrift des Islam durchaus unterschiedliche Ansichten über den Alkohol. So heißt es in Sure 16:

"Und wir geben euch von den Früchten der Palmen und der Weinstöcke, woraus ihr euch ein Rauschgetränk macht und einen schönen Lebensunterhalt."

"Das heißt, der Rauschtrank, der aus Wein oder Datteln hergestellt ist, ist eine Wohltat, die Gott den Menschen zukommen lässt", sagt der Islamwissenschaftler Peter Heine. Ein weiteres Beispiel findet sich in Sure 4:

"Oh ihr, die ihr glaubt, kommt nicht zum Gebet, während ihr betrunken seid, bis ihr wieder wisst, was ihr sagt."

"Das ist natürlich nicht unvernünftig, diese Formulierung", so Peter Heine. Und in Sure 5 steht:

"Der Wein, das Glückspiel, die Opfersteine, die Lospfeile sind ein Gräuel und Teufelswerk. Meidet es, auf dass es euch wohl ergehe."

"Es wurde kräftig gebechert"

Wein oder Nicht-Wein? Die Koranexegeten nach Mohammed standen vor dem Problem, wie sie diese Worte interpretieren sollten. Auf jeden Fall prosteten sich die Muslime 200 Jahre nach dem Tod des Propheten noch mit Weinkelchen kräftig zu, sagt Stefanie Brinkmann, Professorin für Islamwissenschaften an der Uni Hamburg: "Wir haben im neunten Jahrhundert Prosaschriften zur Weinzeremonie. Wir haben Listen zu Weinnamen, wir wissen von vielen Herrschern, die Wein konsumiert haben. Aus all diesen Berichten wissen wir: Wein gab es, Wein wurde getrunken."

Lesetipps

Es gibt umfangreiche Literatur zum Thema Islam und Alkohol. Unser Tipp: ein Buch des Islamwissenschaftlers Peter Heine: "Weinstudien. Untersuchungen zu Anbau, Produktion und Konsum des Weins im arabisch-islamischen Mittelalter" (Harrassowitz Verlag Wiesbaden 1982)
Stefanie Brinkmann habilitiert zurzeit zu den prophetischen und imamitischen Traditionen als Quelle zu alkoholischen Getränken. Sie hat u.a. folgenden Artikel veröffentlicht: "Wine in Hadith - From Intoxication to Sobriety", in: Bert G. Fragner, Ralph Kauz und Florian Schwarz (eds.): "Wine Culture in Iran and Beyond", Wien 2014, S.71-135.

Seit dem 13. Jahrhundert geht der Weinkonsum in muslimisch geprägten Gesellschaften offenbar zurück. Doch zugleich traten andere Rauschmittel wie Haschisch und Opium stärker hervor. "Das steht nicht im Koran", betont Peter Heine. "Haschisch kommt nicht vor. Das ist eine Pflanze. Pflanzen sind erlaubt, und das dauert im Grunde bis in die 60er-Jahre, dass die Rechtsgelehrten auch gegen diese Form von Rauschmittel vorgehen."

Doch während die hanbalitische Rechtsschule auf der arabischen Halbinsel das Alkoholverbot streng auslegte, waren die Hanafiten da liberaler. Nicht nur Wein, sondern auch Anisschnaps war zwischen Istanbul, Damaskus und Persien bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet: "Es hat Phasen gegeben, vor allem zur Zeit der Osmanischen Herrschaft, dass zumindest an den Höfen in Istanbul kräftig gebechert wurde", weiß Peter Heine.

"Jeder Mensch sündigt"

Und heute? Mehrheitlich hat sich unter den Muslimen offiziell die strenge Auslegung des Korans durchgesetzt: Alkohol ist Teufelszeug. In einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, musste sogar geklärt werden, ob sich ein Muslim mit einer Creme die Zähne putzen darf, in der Spuren von Alkohol zu finden sind. Und auch über die Einnahme lebenswichtiger Medikamente, die Alkohol enthalten, wird heftig diskutiert: "Es ist schon interessant, dass auch fromme Leute diese Medikamente ablehnen, obwohl es genügend Rechtsgutachten gibt, in denen gesagt wird, dass das in dem Fall sogar genommen werden muss", so Peter Heine.

Die Sendung zum nachhören
03:59

Wein oder nicht Wein? Islam und Alkohol

12.05.2017 15:20 Uhr

Nach dem Tod des Propheten Mohammed war Alkohol zeitweise in islamisch geprägten Ländern gesellschaftlich akzeptiert. Heute gilt für viele gläubige Muslime: Alkohol ist haram, also verboten. Audio (03:59 min)

Doch vor allem viele junge Muslime nehmen es nicht so genau mit dem Alkoholverbot, sagt der Hamburger Islamwissenschaftler Ali Özdil: "Interessanterweise ist es gerade bei Jugendlichen so, dass unter allen Verboten im Islam das Schweinefleischverbot am stärksten eingehalten wird, aber Alkohol konsumiert wird."

Selbst in den streng religiös geprägten Ländern können viele Muslime der Versuchung nicht widerstehen: "Es gibt Länder, in denen Alkohol verboten ist wie in Saudi-Arabien", erzählt Ali Özdil. "Aber dann fliegen sie nach Paris und konsumieren da Alkohol."

Im Iran droht für wiederholten Alkoholkonsum bis heute die Todesstrafe. Ali Özdil sieht das allerdings wesentlich entspannter: Auch wer als Muslim öfter mal beschwipst sei, werde nicht in der Hölle landen: "Weil jeder Mensch sündigt. Wenn im Islam jemand eine Sünde begeht und akzeptiert, dass es eine Sünde ist, dann ist er ein Muslim."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 12.05.2017 | 15:20 Uhr