Stand: 10.11.2016 17:35 Uhr

Politik von der Kanzel

Ein DITIB-Imam erhebt schwere Vorwürfe

Der türkisch-muslimische Dachverband DITIB steht stark unter Druck. Kritisiert wird u.a., dass die türkische Religionsbehörde in Ankara bestimmt, was für ein Islam in Deutschland gepredigt wird. Einige Imame, vor allem Sympathisanten der Gülen-Bewegung, mussten bereits in die Türkei zurückkehren. Einer von ihnen ist in Norddeutschland abgetaucht.

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Von Michael Hollenbach

Immer wieder wird von deutschen Politikern der Vorwurf erhoben, der Islamverband DITIB sei ein verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Das zeige sich auch an den Predigten, die in allen 900 Moscheen identisch seien und in der Türkei geschrieben würden. DITIB-Generalsekretär Bekir Alboga weist das empört zurück: "Ich frage jetzt, ob ich weinen oder lachen soll. Das ist wirklich unglaublich. Seit zehn Jahren wird die Predigt in Deutschland geschrieben und in zwei Sprachen veröffentlicht."

Wofür steht DITIB?

Die Abkürzung DITIB steht für den Verein Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Er hat seinen Sitz in Köln und umfasst rund 900 Moscheegemeinden. Sein Ziel ist es nach eigenen Angaben, Muslimen einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Neben Gemeindezentren organisiert der Verein Bildungs-, Sport- und Kulturangebote. In der Kritik ist DITIB u.a., weil der Verband bei der Entsendung und Finanzierung von Imamen vom türkischen Staat abhängig ist.

Und zwar auf Türkisch und Deutsch. Versendet werden die Predigten von der deutschen Zentrale, sagt DITIB-Imam Mehmet, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen will. "Die werden per Mail aus Köln geschickt. Nach dem Putschversuch gab es eine Predigt, die man eigentlich nicht hätte halten dürfen." Massive Unterstützung für Erdogans Politik. Auch Mehmet musste am 22. Juli - eine Woche nach dem Putschversuch - diese Predigt in seiner Gemeinde halten. Obwohl er als Sympathisant der Gülen-Bewegung zu den vermeintlichen Verrätern gehörte. "Wenn ich die Predigt nicht so gehalten hätte, dann wäre mir sofort gekündigt worden", ist sich Mehmet sicher.

Mit der Einheitspredigt "den Frieden bewahren"

Vier Jahre war Mehmet als Imam in Deutschland tätig. Auf der Kanzel hätte er gerne öfter über etwas Anderes gesprochen: "Als Imam muss ich eigentlich von meinen religiösen Überzeugungen predigen. Aber das kann ich nicht, weil man die Predigten zentral vorgegeben bekommt."

DITIB-Generalsekretär Bekir Alboga verteidigt dagegen das Konzept der Einheitspredigt: "Sie können mit einer Predigt den Frieden bewahren, Sie können aber auch den Frieden zerstören innerhalb der Gemeinde und innerhalb der Gesellschaft. Uns ist wichtig, dass diejenigen, die die Predigtkanzel in Anspruch nehmen, friedens- und integrationsfördernde Predigten halten."

Post aus Ankara

Die Sendung zum Nachhören
03:57

Politik von der Kanzel

11.11.2016 15:20 Uhr

Ein DITIB-Imam erhebt schwere Vorwürfe. Audio (03:57 min)

Nach dem Putschversuch wurden die Anhänger des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen selbst in Deutschland diffamiert - auch in den DITIB-Moscheen. Friedmann Eißler ist Islamreferent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin: "Es ist auch deutlich geworden, dass ein Viertel der DITIB-Imame Post bekommen hat aus der Türkei", so Eißler. "Dass sie zurückkommen sollen, dass sie mit Blick auf den Putschversuch verdächtigt werden, nicht die richtige Linie zu verfolgen."

Bekir Alboga hält die Zahlen für zu hoch gegriffen. Er geht von zehn suspendierten Imamen bundesweit aus. Andere Vertreter des Islamverbandes sprechen von rund 50 Geistlichen; eine Handvoll habe auch in Norddeutschland ihre Gemeinden verlassen müssen. Auch Mehmet erhielt einen Monat nach dem Putschversuch Post aus Ankara: "Ich musste zum Religionsattaché kommen und wurde gezwungen, zu unterschreiben, dass ich in die Türkei zurückreise."

Doch der Imam ist in Deutschland geblieben und in einer norddeutschen Kleinstadt abgetaucht. Der Schock sitzt immer noch tief: "Ich wurde vor der Gemeinde als Terrorist beschimpft. Einen Tag zuvor war ich noch der Imam der Gemeinde, am nächsten Tag angeblich Terrorist."

Übergriffe sind keine Einzelfälle

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Ercan Karakoyun ist Sprecher der Hizmet-Bewegung, die Fethullah Gülen nahe steht.

Die Übergriffe auf Sympathisanten Gülens seien in DITIB-Gemeinden keine Einzelfälle, sagt Ercan Karakoyun. Er ist in Deutschland Sprecher der Gülen-nahen Hizmet-Bewegung. "Wir haben viele Meldungen bekommen, dass zum Beispiel Imame die Gemeinde zusammentrommeln zum Denunzieren. Es ist auch bekannt, dass einzelne DITIB-Imame mit dem türkischen Geheimdienst zusammenarbeiten." Was der Islamverband allerdings vehement bestreitet. Dass die Moscheen jedoch auf gleicher Wellenlänge mit der türkischen Regierung liegen, ist lange bekannt. Zusätzliche Brisanz gewinnt dies nun durch die aktuelle Entwicklung in der Türkei.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 11.11.2016 | 15:20 Uhr