Stand: 16.02.2017 17:59 Uhr

Loslösen von Ankara - aber wie?

Der Islamverband DITIB kommt nicht aus den Schlagzeilen. Allein in dieser Woche wurden erst die Wohnungen von vier Geistlichen der DITIB untersucht, und dann tritt am Sonnabend der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim in Oberhausen auf. Wahlkampf für Erdogans umstrittenes Referendum. Immer lauter wird die Forderung: DITIB muss sich von Ankara lösen.

Ein Kommentar von Sineb El Masrar

Über die Autorin

Sineb El Masrar, geboren 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover, lebt und arbeitet als Autorin und Journalistin in Berlin. 2006 gründete sie das bundesweit erste multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle". Bekannt wurde sie 2010 mit ihrem Sachbuch "Muslim Girls - Wer wir sind, wie wir leben". Von 2010 bis 2013 war sie Teilnehmerin der Deutschen Islam-Konferenz. Außerdem ist El Masrar Mitinitiatorin und -begründerin von "Neue Deutsche Medienmacher". Zuletzt erschienen: "Emanzipation im Islam - Eine Abrechnung mit ihren Feinden" (Herder Verlag, München 2016, 320 Seiten, 24,99 Euro)

Für Mitglieder der DITIB ist es dieser Tage nicht einfach. Der Vorwurf, ferngesteuert aus der Türkei zu sein, lässt sich nur noch mit großer Mühe glaubhaft abstreiten. Funktionäre haben aktuell alle Hände voll zu tun. Es gilt offenbar, Journalisten und Politiker zu beschwichtigen, um als Ansprechpartner im Namen der Muslime auf Landes- und Bundesebene nicht ausgeschlossen zu werden. Es steht viel auf dem Spiel. Die dahinschwindende Glaubwürdigkeit der DITIB gefährdet vielerorts ihr Mitspracherecht im Bereich des Religionsunterrichts, der Wohlfahrt und Islamischen Theologie. Der Putschversuch in der Türkei hat eine Lawine von Hass, Angst und nicht zuletzt Bespitzelungen gegenüber unbequemen Beamten und Aktivisten hervorgebracht. Dass nun auch die Bundesanwaltschaft gegen geheimdienstliche Agententätigkeit einzelner Imame ermittelt, hätten bis vor kurzem die wenigsten für möglich gehalten.

Nun bleiben die Ergebnisse dieser Untersuchung abzuwarten. Eilige Vorverurteilungen wären unfair, so kritisch man dieser Organisation auch berechtigterweise gegenüberstehen mag.

DITIB in der Krise

In der Zwischenzeit gilt es vor allem, egal ob als Gemeindemitglied oder Vorstand der einzelnen Moscheegemeinden, das Verhältnis zum türkischen Staat auf den Prüfstand zu stellen. Kurzum: Die Türkeistämmigen in Deutschland werden für die Türkei immer wichtiger: Sie bringen Devisen und Wählerstimmen. Das sollte man sich in der muslimischen Community hierzulande endlich bewusst machen. Wenngleich das nicht bedeutet, dass man emotional mit dem Land seiner Ahnen bricht. Wenn die Verbundenheit allerdings größer ist als mit Deutschland, steht es jedem frei, in der Türkei zu leben. Wer einen deutschen Islam will, braucht daher in Deutschland auch ausgebildete Imame, die eine klare Haltung gegen den politischen Islam vertreten. Denn gerade der Islamismus ist, unabhängig von der Türkei, in Deutschland auf dem Vormarsch und findet auch durch andere Islamverbände Verbreitung.

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Wofür steht DITIB?

DITIB ist eine Abkürzung für "Diyanet İşleri Türk İslam Birliği", auf Deutsch: "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion". Der größte islamische Dachverband bundesweit hat seinen Sitz in Köln und umfasst rund 900 Moscheegemeinden. Das Ziel von DITIB ist es nach eigenen Angaben Muslimen einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Neben Gemeindezentren organisiert der Verein Bildungs-, Sport- und Kulturangebote.

Doch immer wieder wird kritisiert, dass DITIB der türkischen Religionsbehörde unterstehe und eine zu große Nähe zum türkischen Staat und der regierenden AKP von Präsident Erdogan habe. Seit dem Putschversuch in der Türkei und der Spitzel-Affäre, bei der es um das Ausspähen von Erdogan-Gegnern in Deutschland geht, gerät DITIB immer mehr in die Kritik.

Sicherlich - die theologische Betreuung ist auch eine finanzielle Frage, die in Deutschland geklärt werden muss. Am Ende aber spielt das Islamverständnis der Muslime die entscheidende Rolle. Allein deshalb darf es keine Gesamtverurteilung türkischer Imame geben. Auch unter ihnen gibt es Gegner des politischen Islam. Obendrein galt gerade das Islamverständnis der DITIB vor der Verschärfung des politischen Kurses von Erdogan als nicht politisiert. Der Islam wird aber nur dann wirklich zu Deutschland gehören, wenn sich die Mehrheit der Gläubigen für eine Trennung von Staat und Religion einsetzt. Die Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Lösungen und Alternativen sind gefragter denn je. Eine besondere Bedeutung könnte dabei den Standorten der Islamischen Theologie in Deutschland zukommen. Sie könnten im Wettbewerb um tragfähige Lösungen den Verbänden und der Politik die besten Konzepte vorlegen. Mit klarer Abgrenzung zum Machtmissbrauch, wie er noch viel zu oft in islamisch geprägten Ländern zu finden ist.

Sineb El Masrar im Porträt. © privat

Loslösen von Ankara - aber wie?

NDR Kultur -

Der Islamverband DITIB steckt in der Krise. Immer lauter wird die Forderung: DITIB muss sich von Ankara lösen. Ein Kommentar von Sineb El Masrar.

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