Stand: 12.10.2017 17:26 Uhr

Einfach weiter so? Islamische Theologie in Osnabrück

Es ist heute wichtiger denn je, eine in Deutschland beheimatete Islamische Theologie aufzubauen und Religionslehrer, Theologen und Seelsorger an den fünf Zentren für Islamische Theologie auszubilden. Die ersten Studierenden haben bereits ihren Abschluss in der Tasche oder machen ihren Master. Wo steht die Islamische Theologie im Wintersemester 17/18?

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Von Ita Niehaus

Auf Augenhöhe mit anderen Theologien

Die Vorbereitungen für das Wintersemester am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück laufen auf Hochtouren; rund 120 Erstsemester werden erwartet. So viele etwa wie in den vergangenen Jahren auch, sagt Institutsdirektor Bülent Uçar. Im Großen und Ganzen ist er zufrieden mit dem, was er zusammen mit seinen 40 Mitarbeitern bisher erreicht hat. Die Ausbildung der Islamlehrer für staatliche Schulen sei auf einem guten Weg, ebenso wie der Aufbau der Islamischen Theologie - und zwar auf Augenhöhe mit den anderen Theologien: "Wir können auch in einer freiheitlichen Atmosphäre lehren. Und nun kommen wir in eine weitere Etappe, wo wir unsere Arbeit verfestigen und auch forschungsmäßig vertiefen können."

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2012 wurde das Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück eröffnet.

Das ist nicht so einfach, denn zurzeit sind nicht alle sieben Professuren besetzt. Eine weitere große Herausforderung: die rund 300 Studierenden zu befähigen, einen toleranten und weltoffenen Islam zu vermitteln. "Wir haben Studierende, die eine offene Haltung mitbringen und dadurch auch eine besondere Eignung haben im schulischen Kontext zu lehren", so Uçar. "Sie wären eine große Bereicherung für die muslimischen Gemeinden. Allerdings haben wir es auch mit Studierenden zu tun, die in der Auslegung und Praxis des Islam sehr restriktiv sind."

Die Vielfalt des Islam vermitteln

Hinzu kommt, dass es bisher nur an wenigen Schulen Islamunterricht gibt. Das heißt, anders als ihre christlichen Kommilitonen, haben die künftigen Islamlehrer oft nicht selbst erlebt, was einen guten Religionsunterricht ausmacht. "Dass Religionsunterricht eben etwas anderes ist als Katechese und nicht darauf zielt, zu missionieren oder nur Wissen zu vermitteln", erklärt Martina Blasberg-Kuhnke, Vize-Präsidentin und Beauftragte der Universität Osnabrück für das Islaminstitut. "Sondern dass es um die Schüler und ihre Möglichkeit geht, entscheidungsfähige Subjekte zu werden in Sachen Religion und Glaube."

Islamische Theologie in Deutschland

Seit dem Wintersemester 2011/2012 fördert die Bundesregierung den Aufbau von fünf Zentren für Islamische Theologie an den Hochschulen: Das Institut für Islamische Theologie in Osnabrück (IIT), das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) Münster sowie die Zentren in Frankfurt am Main, Tübingen und Erlangen-Nürnberg.

Rund 2.000 Studenten sind inzwischen bundesweit in die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeschrieben. Sie möchten Religionslehrer werden, islamische Seelsorger, Sozialarbeiter oder Wissenschaftler. Auch in Zukunft wird die Bundesregierung die erfolgreiche Arbeit der fünf Zentren weiter unterstützen.

Martina Blasberg-Kuhnke beobachtet aber auch: Im Praxissemester lernen die meisten jungen Muslime, damit umzugehen. Wie Dounia Strunk etwa, die gerade ihren Master macht. Als Lehrerin möchte sie auch die Vielfalt des Islam vermitteln und offen für die Fragen der Schüler sein: "Zum Beispiel das Thema Fasten: Der Imam hat gesagt, Frauen müssen ab zehn, zwölf Jahren anfangen zu fasten. Das kann ich aber gar nicht, ich habe Sportunterricht. Darf ich das? Oder das Thema Klassenfahrt: Dürfen Mädchen und Jungen zusammen fahren? In unseren Gemeinden wird das immer getrennt. Das sind Fragen, die meistens mit dem Alltag zu tun haben."

Muslimische Sozialarbeiter gesucht

Viele Absolventen sehen ihre berufliche Zukunft auch in der Forschung oder im Bereich Soziale Arbeit. Die 38 Jahre alte Dua Zeitun hat sich neben ihrem Studium bereits unter anderem ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert: "Wir brauchen muslimische Sozialarbeiter, Streetworker, Muslime, die sich auch mit Alltagsproblemen von Jugendlichen beschäftigen. Und da reicht theologisches Wissen nicht aus. Man braucht soziale Kompetenzen, die man im Studiengang Islamische Theologie nicht erwerben kann."

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Eigentlich sollte der Studiengang Soziale Arbeit im nächsten Jahr starten. Doch das wird nun voraussichtlich vor Ende 2019 nichts werden: Das Institut wird evaluiert, um - so ein Sprecher des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums - "weitere wichtige Impulse zur wissenschaftlichen Ausrichtung und Profilbildung des Instituts zu geben." Offen bleibt, inwieweit diese erneute Evaluierung mit der Debatte um die Kooperation mit dem Islamverband DITIB zusammenhängt. Denn angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Türkei gehen die Meinungen da weit auseinander.

Bülent Uçar setzt auf kritischen Dialog mit der DITIB

Bülent Uçar appelliert dafür, auch künftig mit den Islamverbänden zusammenzuarbeiten und dabei auf einen kritischen Dialog zu setzen: "Einerseits darauf pochen, dass die muslimische Verbände sich strukturell, institutionell weiterentwickeln und an das hiesige Gefüge anpassen. Andererseits sie aber auch weiter fördern, weil es keine Alternative an der muslimischen Basis gibt."

Bülent Uçar und Martina Blasberg-Kuhnke sind optimistisch, dass auch diese Evaluierung positiv verlaufen wird. Unabhängig davon gäbe es noch viel zu tun. Gezielt Frauen zu fördern, die islamische Religionspädagogik weiterzuentwickeln und die Studierenden noch besser auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrer Religion vorzubereiten.

"Man muss Raum für Diskussionen bekommen, für weitere Entwicklungen in seinem Glauben", sagt Dua Zeitun. "Es geht nicht nur darum, dass ich Wissen konsumiere, sondern mit Wissen selber auch etwas formen und auch etwas bewegen für eine Weiterentwicklung der Islamischen Theologie."

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Dieses Thema im Programm:

Freitagsforum | 13.10.2017 | 15:20 Uhr