Stand: 19.10.2016 15:26 Uhr

Einfach abschalten?

Wie muslimische Eltern mit Islamfeindlichkeit umgehen

Die Angst vor islamistischen Terror wächst, auch die Islamfeindlichkeit nimmt zu. Im Alltag damit klar zu kommen, ist schon für viele muslimische Erwachsene eine Herausforderung. Aber erst recht für ihre Kinder. Alleine durch die Informationsflut in den Medien Tag für Tag. Doch wie können muslimische Eltern ihren Nachwuchs stärken im Umgang mit Islamfeindlichkeit?

Stimmen zum Thema

Ein Kommentar von Silvia Horsch

Im Radio läuft ein Bericht über die AfD, mein fünfjähriger Sohn kommt in die Küche, schnappt die Worte "Angst vor dem Islam" auf und guckt mich entsetzt an. Während ich noch überlege, wie ich ihm das jetzt erklären soll, sagt er entschlossen: "Wir machen das Radio aus!" Ich schalte schnell ab, bevor Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD in Thüringen, das Wort ergreift.

Über die Autorin

Silvia Horsch arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Sie studierte Germanistik und Arabistik in Berlin und promovierte zu frühislamischen Märtyrerfiguren. Seit 20 Jahren ist Silvia Horsch Muslimin. Es ist ihr wichtig, sich am gesellschaftlichen Diskurs über den Islam und muslimische Frauen zu beteiligen. Mit der Website Nafisa.de zum Beispiel. "Nafisa" ist auch auf Facebook vertreten und hat einen eigenen Youtube-Kanal.

Was sollen kleine Muslime mit Meldungen anfangen, in denen von Gräueltaten eines sogenannten "Islamischen Staates" in Syrien und von brennenden Flüchtlingsunterkünften in Deutschland die Rede ist? Unsere Strategie als Eltern bestand bisher vor allem darin, die Kinder fernzuhalten von solchen Nachrichten und den verstörenden Bildern, die sie oft begleiten. Auch von den Diskussionen darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Wir wollen, dass unsere Kinder den Islam mit positiven Dingen verbinden, mit Familie, mit Freunden, Festen, dem Kinderchor, mit Liebe und Barmherzigkeit. Und wir wollen, dass unsere Kinder sich ganz selbstverständlich als Teil der Gesellschaft verstehen.

Pauschalisierungen vermeiden

Aber natürlich können wir sie nicht vor Erfahrungen mit Islamfeindlichkeit schützen. Irgendwann kommt mein älterer Sohn dann doch mit der Frage nach Hause: "Mama, warum demonstrieren die Leute gegen den Islam?" Wir erklären ihm, dass es nicht alle Leute sind, sondern dass es Menschen gibt, die Angst vor dem haben, was sie nicht kennen. Und dass es auch Menschen gibt, die schlecht von anderen denken, damit sie sich selbst besser fühlen - vielleicht weil sie mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden sind. Pauschalisierungen und eine Gegenüberstellung von "uns" und "den Anderen"  vermeiden wir bewusst. Denn genau diese Spaltung versucht die islamfeindliche Bewegung herzustellen.

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Die Sendung zum Nachhören
02:34

Einfach abschalten?

21.10.2016 15:20 Uhr

Wie muslimische Eltern mit Islamfeindlichkeit umgehen. Ein Kommentar von Silvia Horsch. Audio (02:34 min)

Sicherlich, als Eltern können wir Toleranz und Offenheit vorleben. Wir können unsere Kinder darin bestärken, selbstbewusst zu ihrem Glauben zu stehen. Aber wir können es nicht alleine schaffen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie trotz zunehmender Islamfeindlichkeit als Muslime zu dieser Gesellschaft gehören. Noch viel schwieriger ist das für muslimische Familien, die neu in Deutschland sind, vielleicht als Geflüchtete. Wir brauchen deshalb möglichst viele Stimmen in der Gesellschaft, die dieser Ablehnung widersprechen. Auch die kleinen Dinge sind wichtig: Unser Fünfjähriger freute sich zum Beispiel sehr, als seine Erzieherin im Kindergarten ein Buch über Ramadan mit den Kindern las. Unsere beiden Söhne haben muslimische, christliche, jüdische und atheistische Freunde. Dieser Zusammenhalt von klein auf ist leider keine Selbstverständlichkeit. Ihn herzustellen und zu erhalten ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft.

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 21.10.2016 | 15:20 Uhr